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DWDL.de-TV-Kritik

"Curvy Supermodel": Wohlfühl-TV made by RTL II

 

Mit seiner Model-Show für fülligere Damen will RTL II den Magermodels von Heidi Klum den Kampf ansagen. Das gelingt nur leider nicht wirklich, kommt die Show dafür doch viel zu harmlos und vorhersehbar daher.

von Timo Niemeier
05.10.2016 - 22:41 Uhr

"Auf diese Show hat Deutschland gewartet." Das glaubt zumindest Angelina Kirsch, Jurorin in der neuen RTL II-Sendung "Curvy Supermodel" und selbst Model für größere Größen. Warum, das wird im Verlauf der Auftaktsendung allerdings nicht ganz klar. Zwar bemüht man sich immer wieder zu betonen, dass man anders sei als ähnliche Sendungen, immer wieder gibt es Anspielungen auf "Germany's Next Topmodel" mit Heidi Klum, wirklich sichtbar wird das, bis auf die etwas fülligeren Models, aber nicht. Auch bei "Curvy Supermodel" geht es darum, die Jury auf dem Laufsteg und in Fotoshootings zu überzeugen. 

Zum Start der Sendung verlieren RTL II und die Produktionsfirma Tresor TV nicht viel Zeit: Nach einer kurzen Erklärung des Formats geht es gleich in das erste Shooting und auf den Laufsteg. "Curvy Supermodel" versucht dabei, positive Energie zu versprühen: Füllige Körper sind okay, Mädchen müssen selbstbewusster werden und die klassische Modelwelt zeichnet ein unrealistisches Frauenbild. Juror Harald Glööckler, der die Mädchen seltsamerweise durchgängig siezt, ruft gleich eine ganze "Körper-Revolution" aus. 

Die immer wieder angeschnittenen Punkte sind in weiteren Teilen wichtig und richtig, sie werden allerdings zu oft wiederholt. Außerdem kommt die Jury durch diese Nettigkeits-Attitüde viel zu zahm daher. Daher kommen in den ersten Minuten auch fast alle Mädchen in die nächsten Runde und die Juroren zeigen sich begeistert. Schafft es ein Mädchen nicht, sieht sie nach der Meinung der Juroren trotzdem ganz toll aus und soll es am besten im nächsten Jahr noch einmal versuchen. 

"Curvy Supermodel" wird dadurch leider schnell durchschaubar. Der größte Zwist in der Auftaktsendung dreht sich zwischen Harald Glööckler und Mit-Juror Ted Linow darum, ob ein Mädchen nun "curvy" genug ist oder nicht. Hier entsteht ein weiteres Problem: Denn so sehr sich das Format auch bemüht darzustellen, dass auch fülligere Frauen hübsch sind, so sehr bedient es manchmal auch andere gängige Klischees. Linow etwa findet, ein Model kann nur zwischen 1,76 und 1,80 Metern groß sein - und mit 32 ist man dann ja auch schon fast zu alt für den Job. 

Als schließlich die besten 21 Mädchen gefunden sind, geht es in ein Gruppenshooting mit Männern. Diese sind klassische Models mit durchtrainierten Körpern und Sixpacks. Auch das passt leider gar nicht in das Gesamtbild, das die Sendung sonst vermittelt. 

Mit "Curvy Supermodel" spricht RTL II aber auch ein wichtiges Thema an. Die Mädchen von Heidi Klum oder auf den Laufstegen dieser Welt sind eben nicht die besten Beispiele für "normale" Frauen. Es menschelt bei "Curvy Supermodel" vor allem dann, wenn einzelne Kandidatinnen authentisch ihre Geschichte erzählen. So wie etwa das Mädchen, das erzählt, dass sie in der Schule früher gehänselt wurde und dabei fast in Tränen ausbricht. Wahre Geschichten von authentischen Kandidatinnen sind die Stärke von "Curvy Supermodel". 

Aber das reicht in Summe dann nicht, um aus "Curvy Supermodel" ein starkes Format zu machen, das man gesehen haben muss. Zu vorhersehbar sind die Aktionen: In den nächsten Wochen lassen sich die Mädchen in der Öffentlichkeit fotografieren, wovon einige natürlich nicht begeistert sind, und müssen sich einem Umstyling inklusive Friseur-Termin unterziehen. "Germany's Next Topmodel" lässt grüßen. Der größte Schwachpunkt der Show liegt aber im offenbar ungeschriebenen Gesetz, keine Kritik zu üben und immer sehr milde mit den Kandidatinnen zu sein. So wird für den Zuschauer nicht klar, nach welchen Kriterien die Jury nun entschieden hat und das macht "Curvy Supermodel" zu einer Art Wohlfühl-TV, das der geneigte Zuschauer in dieser Form vielleicht nicht bei RTL II erwarten würde. 

Ein ähnliches Experiment wagte der Sender bereits im vergangenen Jahr mit der Neuauflage von "Popstars" - auch diese kam viel zu zahm daher und war viel zu nett. Die Zuschauer straften den Sender dafür ab und schalteten nach der ohnehin enttäuschenden Premiere noch reihenweise ab. Ein ähnliches Schicksal könnte auch "Curvy Supermodel" widerfahren, wenngleich diese Sendung, anders als "Popstars", durchaus einen gesellschaftskritischen Ansatz hat. 

Dass RTL II das Format kurzfristig vom Dienstag- auf den Mittwochabend verschoben hat, um damit der Konkurrenz von "Die Höhle der Löwen" zu entgehen (DWDL.de berichtete), dürfte eine richtige Entscheidung gewesen sein. Gegen die Vox-Löwen hätte es das Format wohl kaum aufnehmen können. "Wir haben das schöne Gefühl, dass das Fernsehen hier nicht einem Trend hinterher rennt oder ihm meilenweit voraus ist", sagte Axel Kühn, Geschäftsführer der ausführenden Produktionsfirma Tresor TV, im DWDL.de-Interview. "Das Format passt genau richtig." Das mag vielleicht sein, aber ob die Zuschauer das Format in seiner Machart bei RTL II so auch gutheißen, wird sich zeigen. Eins ist jedenfalls klar: Gewartet hat Deutschland auf "Curvy Supermodel" nicht.

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