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DWDL.de-TV-Kritik zu "Undercover Boss"

Die erfolgreichste Dauerwerbesendung im deutschen TV

 

"Undercover Boss" überzeugt bei RTL auch in Jahr sieben mit glänzenden Quoten. Inhaltlich ist die erfolgreichste Dauerwerbesendung im deutschen Fernsehen längst am Ende. Vorhersehbarkeit und plumpe Werbebotschaften prägen das Format.

von Timo Niemeier
30.01.2017 - 15:14 Uhr

Quote bedeutet nicht gleich Qualität. Das muss man vorausschicken, wenn man sich der "Real-Life-Doku" "Undercover Boss" von RTL annähert. Seit 2011 ist das Format nun schon für richtig hohe Quoten gut, erfolgreichere Dokusoaps hat RTL mittlerweile gar nicht mehr im Programm. Fünf Millionen Menschen haben sich die letzte Staffel 2016 angesehen, der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag bei mehr als 18 Prozent. Die ersten zwei Folgen in diesem Jahr kamen im Schnitt gar auf über 19 Prozent. "Undercover Boss" ist also das Nonplusultra - zumindest wenn es nach den Quoten geht. Inhaltlich wird die Sendung seit jeher richtigerweise als Dauerwerbesendung für die teilnehmenden Unternehmen kritisiert. Das noch viel größere Problem für die Zuschauer: Gut unterhalten wird man bei "Undercover Boss" nicht.

Die Sendung ist längst so durchschaubar, dass selbst eine Wahrsagerin mit Glaskugel die Handlungsstränge zu Ende erzählen könnte. Am Montag zeigt RTL die neueste Ausgabe, in der sich der Chef des Schifffahrtsunternehmen Nicko Cruises undercover begibt. Was wird da wohl passieren? Auch diese Folge wird dem Schema F folgen: Schon in den ersten zwei Minuten der Sendung wird RTL die gesamte Folge zusammenfassen und dann geht es eigentlich nur noch darum, welche Geschenke die Mitarbeiter am Ende bekommen.

Den Verdacht der Dauerwerbesendung versucht man bei "Undercover Boss" überhaupt nicht mehr zu widerlegen. Ungehemmt dürfen Geschäftspartner und Investoren erzählen, wie toll die Zusammenarbeit mit Nicko Cruises läuft. Die Insolvenz von vor zwei Jahren? Längst vergessen! Heute läuft alles bestens. Und auch die Frau des Firmenchefs darf in die Kamera trällern, wie toll der Undercover-Einsatz für ihrem Mann sei. Das ist alles so berechenbar, dass sich die Zehennägel biegen.

Hinzu kommen die Aufgaben, die der Firmenchef als vermeintlicher Praktikant erledigen muss. Egal ob Serengeti Park, Nicko Cruises oder bei den Accor Hotels: So stupide die Aufgaben auch sein mögen, der Chef darf immer sagen, wie sehr er alles unterschätzt habe und mit welch klarerem Blick er nun die harte Arbeit der Mitarbeiter sehe. Das Fazit nach Tag eins für den Chef von Nicko Cruises: Meine Mitarbeiterin hat hier alles im Griff. Toll! Welches Geschenk sie wohl später erhalten wird?

Ein geschickter Kniff der Macher ist es auch, die Mitarbeiter bei "Undercover Boss" menscheln zu lassen. In einer vermeintlich ruhigen Minute fragt der getarnte Chef dann seine Mitarbeiter, wie lange sie den Job schon machen und ob sie Kinder/Enkel haben. Haben natürlich die meisten, und irgendwelche Wehwehchen gibt es auch immer. Wie praktisch - später gibt’s ja Geschenke!

Schon zum Anfang der ersten Staffel im Jahr 2011 erklärte RTL, man sage den Mitarbeitern, dass man eine Doku über den vermeintlich arbeitssuchenden Praktikanten drehe. So sollen die nicht darauf kommen, dass ihr Chef da gerade undercover "ermittelt". Das klingt in der Theorie zwar gut, aber hat sich sechs Jahre später natürlich völlig erledigt. Spätestens heute wird wohl jeder Mitarbeiter hellhörig, wenn plötzlich ein Kamerateam inklusive einem Ein-Tages-Praktikant vor der Tür steht. Mal ganz abgesehen davon, dass sich Missstände wohl nur schwerer durch ein Kamerateam aufdecken lassen. Da arbeiten die Mitarbeiter natürlich ganz genau.

Echte Kritik kommt vom Chef so gut wie nie. Und wenn, dann kommt sie bei Nichtigkeiten. Etwa dann, wenn beim Ausflug der Gäste von Nicko Cruises an Land der vermeintliche Praktikant vorgehen muss, den Weg gar nicht kennt und die Rentner-Truppe damit Gefahr läuft, sich zu verlaufen. Ansonsten darf der Chef in der einstündigen Dauerwerbesendung gleich mehrfach betonen: "Der Mitarbeiter setzt die Sicherheit an die erste Stelle", "Am beeindruckendsten fand ich bisher die Mitarbeiter" und, was für eine Überraschung, "Die Mitarbeiter müssen bei uns all das machen, was wichtig für den Job ist". Erkenntnisgewinn für die Zuschauer gleich null.

Das vermeintliche Highlight der Sendung folgt natürlich zum Schluss, bei dem die Mitarbeiter, die zuvor den Undercover-Chef unter ihren Fittichen hatten, in einem Wagen der Oberklasse zum Chef gefahren werden. Mit Kamera natürlich. Sie tun dann noch so, als wüssten sie nicht, worum es geht. Schließlich gibt sich der Chef zu erkennen und RTL signalisiert seinen Zuschauern mit Feelgood-Musik: Happy End!

Wie viel Werbewert die Unternehmen durch ihre Teilnahme an "Undercover Boss" generieren, ist bislang nicht gemessen worden. Es dürfte aber nicht wenig sein, spielt RTL hier doch gerne das Spiel mit und lässt die Unternehmen in einem guten Licht erscheinen. Rechtfertigen kann man das alles mit einer hervorragenden Quote. Doch warum muss ProSieben eigentlich sämtliche Witz-Sportevents als Dauerwerbesendung kennzeichnen, RTL tut aber so, als sei "Undercover Boss" eine "Real-Life-Doku"? Viel weniger werblich als bei der "Promi Darts-WM" geht es schließlich auch bei den Undercover-Einsätzen nicht zu, es ist nur alles ein wenig subtiler verpackt.

Und wer sich die neueste Folge der Dokusoap am Montagabend nicht ansehen will, dem sei an dieser Stelle schon einmal das Grande Finale gespoilert: Es gab wieder Geschenke. Von den vier Mitarbeitern erhielten zwei eine Kreuzfahrt (eine davon soll sogar bis Grönland gehen!) - inklusive Enkel. Dem dritten Mitarbeiter versprach der Unternehmenschef einen "Intensivkurs für eine Eventmoderation" (weil die Unterhaltung der Gäste auf dem Schiff sein Job ist) und der letzte Mitarbeiter erhielt ein Karriereprogramm (was auch immer das sein soll). Happy End und Dauerwerbesendung Ende.  

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