Culpa – Niemand ist ohne Schuld © 13th Street/Nadja Klier
DWDL.de-Serienkritik

"Culpa": Eindringliches Qualitäts-TV auf engstem Raum

 

Ein geheimnisvoller Priester und sein Beichtstuhl stehen im Mittelpunkt der ersten fiktionalen Eigenproduktion von 13th Street. Aus einer simplen Grundidee macht "Culpa – Niemand ist ohne Schuld" ein sehenswertes Kammerspiel mit höchster Psycho-Spannung.

von Torsten Zarges
12.07.2017 - 08:15 Uhr

Es ist gar nicht so easy, ein deutscher Pay-TV-Sender zu sein. Erst kamen die Abonnenten über viele Jahre nur spärlich. Und jetzt, da die Zahlungsbereitschaft so hoch ist wie nie zuvor, steigt auch die Erwartungshaltung entsprechend in die Höhe. Wer noch keine eigenproduzierte Serie hat, muss sich fast schon mitleidig angucken lassen. Dabei verfügen die wenigsten über den nötigen Cash-Flow, um ein "Babylon Berlin" finanzieren zu können.

Die deutsche Niederlassung von NBCUniversal hat aus dieser Ausgangslage das Beste gemacht. Dank einer gehörigen Portion Mut und Einfallsreichtum ist "das Beste" in diesem Fall tatsächlich besser als so mancher Serienversuch, der deutlich mehr gekostet hat. Wenn "Culpa – Niemand ist ohne Schuld" heute Abend auf 13th Street anläuft, erleben wir eine neue Dimension von kleinem, feinem Qualitätsfernsehen, das auf engstem Raum spielt.

Der Sender selbst spricht von einem "psychologischen Kammerspiel" und einem "auf den Kopf gestellten Krimi" – und übertreibt damit nicht. Die Grundidee, die im Team um Geschäftsführerin Katharina Behrends und Programmdirektorin Karin Schrader entstand, ist ebenso simpel wie genial: Was, wenn ein Priester im Beichtstuhl von bevorstehenden Straftaten erfährt? Wie kann er etwa einen Mord verhindern, ohne das Beichtgeheimnis zu brechen? Ein Set-up, das nicht nur innere Spannung verspricht, sondern auch einen festen, überschaubaren Drehort (DWDL.de berichtete im November vom Set in der Berliner Zionskirche).

Mehr als zwei Drittel jeder halbstündigen Folge bestehen aus Gesprächen im Beichtstuhl und in der Kirche. Nur zur Einführung und zur Auflösung rahmen kurze Außenszenen den jeweiligen Fall ein. Natürlich erfordert eine solche Konzentration aufs Wesentliche umso stärkere Storylines und Dialoge. Mit Autor, Regisseur und Showrunner Jano Ben Chaabane hat sich genau der Richtige an die Umsetzung von "Culpa" gemacht. Die vier Episodenbücher, die im Writers' Room seiner Produktionsfirma Readymade Films entwickelt wurden, zeichnen sich durch eine solche Dichte und Eindringlichkeit aus, dass man die räumliche Beschränkung nicht als Malus wahrnimmt.

In der ersten Folge, "Unten", bekommt es der Priester mit der frömmelden Andrea (Barbara Philipp) zu tun, die ihren Ehemann Frank (Dirk Martens) unterm Pantoffel hält. Stellvertretend für ihn will sie wissen, ob es eine Sünde sei, die im Keller eingesperrte, verletzte Hündin Emma mit einem Schuss von ihren Qualen zu erlösen. Erst als Frank wenig später allein in die Kirche zurückkommt, wird klar, dass es gar nicht um ein Tier geht und dass sich hier sadistische Abgründe auftun. In der Folge "110" sucht ein Polizist (Maxim Mehmet) einen vermeintlichen Serienmörder, lässt jedoch im Gespräch mit dem Priester erkennen, dass es ihm vielmehr um gefährliche Selbstjustiz geht.

In "Die Zeugin" will Eve (Alina Levshin) eine andere Frau, die regelmäßig zur Beichte erscheint, warnen: Auf die Kronzeugin in einem Mordprozess gegen ihren Vater ist angeblich ein Auftragskiller angesetzt. Und in der letzten Folge, "Die Falle", versucht BND-Agent Jonas (Ludwig Trepte), sein Dilemma auf den Priester abzuwälzen: Beim illegalen Abhören seiner Ex-Freundin hat er erfahren, dass deren Neuer, ein Investigativ-Journalist (Mehmet Kurtulus), in einen Hinterhalt gelockt und ermordet werden soll, weil er zu viel weiß.

Eine Konzentration aufs Wesentliche erfolgt auch bei der Besetzung: Ein bis zwei bekannte und hervorragende Schauspieler pro Episode, die von Chaabane treffsicher geführt werden – mehr an Cast braucht es nicht. Die große Konstante über die vier in sich abgeschlossenen Folgen und der eigentliche Träger des Formats ist Stipe Erceg als Priester. Dieser Mann ohne Namen, aber mit dunkler Vergangenheit hat eine derartige Präsenz und Prägnanz, dass man guten Gewissens von einer Idealbesetzung sprechen kann. Vom klischeehaften Abziehbild des moralisch einwandfreien Hirten ist er weit entfernt. Wie gut, wie bibeltreu oder wie manipulativ dieser Priester wirklich ist, fragt man sich als Zuschauer bis zum Schluss. Diese Ambivalenz macht zusammen mit der ständig angestoßenen Frage "Was würde ich in einem solch existenziellen Konflikt tun?" die psychologische Spannung der Miniserie aus.

Was die ganze Sache dann auch noch visuell abrundet, ist Chaabanes Gespür für besondere Bilder auf der Metaebene. In seinem Hinterzimmer der Kirche ritzt der Priester – versteckt hinter einem Spiegel – für jede Sünde, die ihm gebeichtet wird, eine Kerbe in die Wand. Hat er eine geplante Sünde erfolgreich verhindert, spachtelt er die Kerbe wieder zu. Das geheime Sündenregister zeigt die Sisyphusarbeit, der der Priester nie entkommen wird. Und dann sind da noch die vielen Ameisen. Was andere als Plage bekämpfen würden, übt auf den Priester eine merkwürdige Faszination aus. Die Beharrlichkeit der Insekten oder ihre in Nahaufnahme gezeigte Fähigkeit, ein Vielfaches ihres Gewichts zu tragen, stoßen ihn immer wieder auf Parallelen zur menschlichen Psyche.

13th Street zeigt "Culpa – Niemand ist ohne Schuld" heute und in den kommenden drei Wochen jeweils mittwochs um 20:13 Uhr. 

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