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"Das Verschwinden": Julia Jentsch als Michelle Grabowski © ARD Degeto/BR/WDR/NDR/23/5 Filmproduktion/Gerald von Foris
DWDL.de-TV-Kritik

"Das Verschwinden": Diese Serie ist wie ein Sog

 

Filmregisseur Hans-Christian Schmid hat seine erste Fernsehserie gemacht und damit die Messlatte für künftige deutsche Serien sehr hoch gelegt. Denn "Das Verschwinden" ist zwar ein Krimi - aber gleichzeitig große Serienkunst.

von Ulrike Klode
21.10.2017 - 11:00 Uhr

Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass der Oktober des Jahres 2017 mit "Babylon Berlin" und "Das Verschwinden" zwei große deutsche Serien hervorbringen würde? Die sich zudem beide dem typisch deutschen Krimi-Genre auf ganz unterschiedliche Weise nähern?

"Die deutschen Fernseh-Zuschauer lieben Krimis? Challenge accepted!" - Natürlich weiß niemand außer Filmregisseur Hans-Christian Schmid selbst, was in seinem Kopf vorgegangen ist, als er sich auf eine Fernsehserie für die ARD eingelassen hat. Aber beim Anschauen von Schmids erstem TV-Serien-Projekt "Das Verschwinden" wird man das Gefühl nicht los, hier habe sich jemand etwas Althergebrachtes vorgenommen, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Betrachtet man die Handlung der Serie, wirkt sie konventionell: Eine junge Frau verschwindet, und weil die Polizei anfangs keinen Grund für Ermittlungen sieht, stürzt sich ihre Mutter in Nachforschungen; die junge Frau könnte eine große Menge Crystal Meth bei sich haben, weshalb auch diejenigen nach ihr suchen, die damit Geld machen wollten. Doch das, was Hans-Christian Schmid aus dieser Geschichte gemacht hat, ist schlicht und einfach großartig.

Die Serie entwickelt schon nach den ersten Minuten einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann - den man aber auch erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist. Nämlich dann, wenn man am Ende der ersten Folge überrascht auf die Uhr schaut und den Drang verspürt, sofort weiterzugucken. Denn Schmid, der nicht nur Regie führt, sondern mit Bernd Lange zusammen das Drehbuch geschrieben hat, gelingt ein Kunststück, an dem viele Serien- und Filmemacher gescheitert sind: aus einem Kriminalfall und tiefen Einblicken in die menschliche Existenz eine Einheit zu formen. 

Im Mittelpunkt steht mit Michelle Grabowski (gespielt von Julia Jentsch) eine komplexe Frauenfigur, die sich in ihrer Verzweiflung an etwas versucht, das sie noch nie gemacht hat. Sie ist Altenpflegerin in einem kleinen Ort in Bayern, hat neben der großen Tochter, die vermisst wird, eine kleine Tochter, die sie alleine großzieht. Alles spricht dagegen und doch versucht sie auf eigene Faust herauszubekommen, wohin ihre erwachsene Tochter so plötzlich verschwunden ist. Sie ist anfangs naiv, macht natürlich Fehler, wächst aber unter Schmerzen und Gefahr über sich heraus und vollbringt Dinge, die sie sich vorher nie zugetraut hätte. Man hätte die Frau als Heldin stilisieren können. Doch dieser Versuchung widersteht Schmid. Er zeichnet eine Frau, von der man nach und nach erfährt, dass sie in ihrem Leben einiges falsch gemacht hat und immer noch falsch macht - auch wenn vieles im Ungefähren bleibt. So entsteht eine wirklich ambivalente Frauenfigur, fern von Klischees, die fasziniert. 

Neben dieser Geschichte erzählt Schmid mehrere kleinere Geschichten, die dem Zuschauer den Blick öffnen für andere Schicksale und Probleme in der deutschen Provinz. Die Geschichte von drei jungen Frauen, die verzweifelt Perspektiven für ihr Leben auf dem Land suchen. Die Geschichte eines wohlhabenden, stilsicheren Ehepaars, das hilflos der Drogensucht seiner Tochter gegenübersteht. Die Geschichte von Polizisten, die sich im Kampf gegen Drogenhandel und Drogensucht in ihrer Gemeinde nahe der Grenze zu Tschechien alleingelassen und ohnmächtig fühlen. Es geht um Gefallen, die man sich schuldet, weil man sich in dem kleinen Ort einfach zu gut kennt. Es geht um unstillbaren Durst nach Leben. Und um Lügen, die fatale Folgen haben.

All das wird unaufgeregt, fast schon zurückhaltend erzählt. Die Kamera hält Distanz zu den Charakteren und kommt ihnen nur in wenigen Situationen ganz nah, was diese Szenen umso eindrücklicher macht. Unterstützt werden Schmids Bilder von einer musikalischen Untermalung, die so gut ist, dass man sie selten bemerkt. Dieser Soundtrack - geschrieben und gespielt von der bayerischen Band The Notwist - greift die Stimmung der Bilder, die Entwicklung der Geschichte, die Gefühle der Charaktere auf, lässt sie stärker wirken - und aus diesem Zusammenspiel entsteht der Sog, der den Zuschauer mitreißt und erst am Ende der vierten Folge wieder entlässt.

Das Erste zeigt "Das Verschwinden" in vier Folgen mit je 90 Minuten und zwar am 22., 29., 30. und 31. Oktober jeweils um 21.45 Uhr. Die erste Doppelfolge ist bereits in der Mediathek verfügbar, die anderen Folgen sollen 48 Stunden vor Sendetermin online veröffentlicht werden.


Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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