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Dr. Böhmermanns Struwwelpeter © ZDF/Joseph Strauch
DWDL.de-TV-Kritik

Struwwel-Böhmermann im ZDF: "Bitte nicht die Spitzen!"

 

Vor der Sommerpause versuchen sich Jan Böhmermann und das Team des "Neo Magazin Royale" an einer besonderen Interpretation des "Struwwelpeters". Und plötzlich wirken die Geschichten von einst erstaunlich aktuell. Die TV-Kritik zur etwas anderen Hommage...

von Alexander Krei
08.06.2018 - 23:35 Uhr

Die beste Szene folgt ganz am Ende. Da sitzt er nun, Jan Böhmermann als Struwwelpeter, und lässt sich von Johannes B. Kerner die Haar schneiden. "So, Herr Böhmermann", sagt Kerner und setzt die Schere an. "Dann wollen wir mal ein bisschen die Spitzen wegnehmen – das hat sich der Intendant auch gewünscht." Böhmermann blickt erschrocken drein. "Bitte nicht die Spitzen wegmachen", fleht er. "Das ist doch das einzige, was mich noch von dir unterscheidet!"

Einmal versucht es Böhmermann noch: "Hauptprogramm ist ja schön und gut, aber bitte nicht die Spitzen. Ja, Herr Kerner?" Doch der Star-Moderator ("I bims doch, 1 ZDF-Legende") lässt sich in seinem Vorhaben nicht beirren und bringt mit einem "Sektchen" das entscheidende Argument. "Äh, ja. Ja, dann von mir aus", sagt Böhmermann schließlich als weichgespülter Struwwelpeter. "Aber die Nägel bleiben dran, oder?"

Der Schluss funktioniert ganz gut, auch ohne die vorausgegangene halbe Stunde von "Dr. Böhmermanns Struwwelpeter" gesehen zu haben. Die hat es allerdings ebenfalls in sich, weil sich Böhmermann und das Team des "Neo Magazin Royale" vor der Sommerpause an gleich vier Geschichten des 150 Jahre alten deutschen Kinderbuchklassikers versuchen – freilich auf ihre ganz eigene Weise.

Da wird der Daumenlutscher zum Ritalin-abhängigen Schüler, der Schach zu spielen hat, um die eigene Mutter glücklich zu machen. Und der Hans Guck-in-die-Luft findet sich plötzlich in der Wohnung eines Reichsbürgers wieder, der an Chemtrails glaubt, mit seinem Kaiserreich Germanica dem Rest der Welt den Krieg erklärt – und natürlich ein Bild von Xavier Naidoo in den eigenen vier Wänden stehen hat. Der fliegende Robert steht plötzlich im Himmelreich, wo ihm kurz vor dem lieben Gott ein wenig gesprächiger Helmut Kohl entgegenrollt ("Maike hat mir verboten, mit Fremden zu sprechen.")

Dr. Böhmermanns Struwwelpeter
© ZDF/Fred Schirmer

Eingebettet sind all die Geschichten in einen Elternabend der öffentlich-rechtlichen Kindertagesstätte "Rattennest", bei dem es sich Böhmermann in der Rolle des konservativen Pädagogen zur Aufgabe gemacht hat, die alten Werte zu erhalten und Kinder der anwesenden Eltern mit Hilfe des Struwwelpeters zu "retten", wie er sagt. "Was wurde nicht alles ausprobiert?", fragt Dr. Böhmermann. "Antiautoritäre Erziehung, Montessori, Waldorf, Laissez-faire, schwarze Reformpädagik. Und was ist dabei rausgekommen? Ihr!"

Die Eltern haben es freilich in sich. Immer wieder wendet sich der besorgte Pädagoge an die Zuschauer, um ihnen vor Augen zu führen, wer da mit ihm im Stuhlkreis sitzt. "Abgehängte, Karrieretypen, bildungsferne Vollpfosten – ganz viele liebe, nette, tolle, normale Menschen", sagt er, um dann schnell und beinahe verzweifelt hinterherzuschieben: "Die heutige Elterngeneration ist praktisch verloren." Bei allem Humor findet sich also auch reichlich Gesellschaftskritik in diesem schönen Stück Fernsehen.

Dass fast alle Eltern am Schluss den Infoabend verlassen haben, mag natürlich ebenso wenig überraschen wie die Qualität der Produktion, für die die btf verantwortlich zeichnet. Aufwendig und mit viel Liebe zum Detail wurden insbesondere die vier Geschichten inszeniert, die sich wunderbar in die Handlung einbetten. Am Ende sind es womöglich ein paar Themen zu viel, an denen sich Jan Böhmermann in der halben Stunde abzuarbeiten versucht. Überspielt wird das jedoch meist von einem gut aufgelegten Ensemble, dem etwa Annette Frier, Kida Ramadan, Devid Striesow und Anna Schudt angehören - und von William Cohn, dessen fabelhafte Erzählstimme kaum passender sein könnte.

Daneben weiß aber Florentin Will als Schneider zu überzeugen, der beim Daumenlutscher blutrünstig zur Schere greift. Auch Larissa Rieß macht in der "gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug" als aufmüpfiges Instagram-Sternchen eine gute Figur – wenngleich am Ende nicht mehr als ein Häufchen Asche von ihr übrig bleibt. Hätte sie es doch mal lieber so gemacht wie der Struwwel-Böhmermann: Anpassen und Sektchen trinken – dann klappt's auch mit dem Intendanten.

"Dr. Böhmermanns Struwwelpeter" steht in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit und wird am kommenden Donnerstag um 22:15 Uhr bei ZDFneo wiederholt.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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