Milk & Honey © MG RTL D / Talpa Fiction Germany / Maor Waisburd
DWDL.de-Kritik zur neuen Vox-Serie

"Milk & Honey": Ein schweres Erbe leicht genommen?

 

Dem großen Überraschungserfolg von "Club der roten Bänder" zu folgen, ist der Fluch von "Milk & Honey". Die Serie aus dem Hause Talpa Germany entpuppt sich als leichtfüßige Dramedy, die mehr ist als "diese Serie mit den Callboys".

von Thomas Lückerath
14.11.2018 - 15:55 Uhr

In vielerlei Hinsicht wirkt die zweite fiktionale Auftragsproduktion von Vox wie ein Gegenentwurf zur deutschen Netflix-Premiere "Dark". Das fängt bei grundlegenden Dingen wie Genre und Tonalität an und gipfelt im auffälligsten, wenn auch banalsten Unterschied: Erweckt "Dark" den Anschein, es würde in Deutschland permanent regnen, ist "Milk & Honey" das radikale Gegenbeispiel und ein Produkt des Ausnahme-Sommers 2018, der die von Talpa Germany produzierte Serie - wörtlich genommen - in ein ganz eigenes Licht rückt. Gleißende Sonne, Hitze und Trockenheit: Man könnte "Milk & Honey" einen Eastern nennen.



Glücklicherweise biegt man bei dem Versuch, ostdeutsche Ländlichkeit einmal nicht als deprimierende Spielwiese für gesellschaftliche Probleme zu inszenieren, kurz vor allzu beschaulicher Pilcher-Romantik noch einmal links ab. Es geht um Callboys - so viel hat man möglicherweise schon einmal mitbekommen über die neue Serie. Das wäre der kompakte Pitch für die Serie, aber zu kurz gegriffen. Vor einem Jahr hatte schließlich auch RTL II mit "Call the Boys" einen Serienpiloten mit gleicher Prämisse, der jedoch für die junge Zielgruppe deutlich stärker und plakativer damit spielte.

"Milk & Honey" ist nach Sichtung der ersten beiden Folgen viel mehr eine Familienserie mit ungewöhnlicher Erwerbsbetätigung der Männer, erzählt über die Identifikation mit einem aus der Großstadt in die Provinz heimkehrenden Protoganisten, der ein schweres Erbe anzutreten hat. Klingelt etwas? Ja, die Mechanik ist altbekannt und wurde schon oft probiert, selten jedoch gemeistert. Es gab erst kürzlich "Sankt Maik" und vor einigen Jahren "Doc meets Dorf" beim Schwestersender RTL oder - weit länger her - "Allein unter Bauern" mit Christoph M. Ohrt in Sat.1. Es ist die klassische Erzählung des "Fish out of water".

In diesem Fall kehrt Sunnyboy Johny (Artjom Gilz) zurück in seine ländliche Heimat um die Imkerei seines verstorbenen Vaters zu übernehmen, doch der einzig verbliebene Mitarbeiter (Arian, gespielt von "Winnetou" Nik Xhelilaj) des heruntergekommenen Betriebs verdient sein Geld nicht mehr mit Honig sondern viel mehr seinem Körper. Ein schweres Erbe, doch angesichts der dringlichen finanziellen Umstände, die auch seine Schwester Chalie (Marlene Tanczik) bedrohen, wird bei Johny aus anfänglicher Fassunglosigkeit Neugier - und letztlich ein Geschäft.

Gemeinsam mit seinen zwei Freunden Michi (Nils Dörgeloh) und Kobi (Deniz Arora) sowie Arian beglücken die vier die Landfrauen von Brandenburg. Ein existenzbedrohendes Erbe, leicht genommen. Natürlich klappt nicht alles auf Anhieb - und bleibt Freunden und Familien auch nicht verborgen. Der holprige Weg der Truppe bietet jenen leichten Humor, den man erwarten kann. "Milk & Honey" ist sehr charmantes Wohlfühlfernsehen - oder "Bathtub-TV", wie es die Amerikaner nach dem Erfolg von "This is us" tauften.

Die nackte Haut spielt eher eine Nebenrolle, ist halt der besondere Aufhänger einer im Grundsatz schon oft erzählten Situation, denn neben dem neuen Escort-Geschäft gibt es natürlich auch noch alte Geschichten, die den Heimkehrer einholen - allen voran seine damalige Jugendliebe, aber auch die Verantwortung für seine Schwester. Was "Milk & Honey" zur Familienserie macht, ist die Tatsache, dass es weniger um die episodischen Geschichten der Damen geht, die käufliche Liebe suchen als viel mehr ums Umfeld der frisch gebackenen Escorts.

Das verspricht gediegene Fernsehunterhaltung im besagtem, einzigartigen Look des Ausnahme-Sommers 2018. Wie bei jeder andere "Fish out of the water"-Geschichte wird sich jedoch noch zeigen müssen, wie lange das unterhaltsame Abenteuer glaubwürdig erzählt werden kann. Die ersten beiden Folgen haben jedenfalls Lust gemacht auf mehr, was auch dem starken Casting der Hauptrollen geschuldet ist. Nur eine Erwartung erfüllt "Milk & Honey" nicht: Das gewisse Etwas, das Vox sonst so gerne für sich reklamiert. Auf den ersten Blick war "Club der roten Bänder" nur eine Krankenhausserie.

Auf den zweiten Blick jedoch hat "Club der roten Bänder" Grenzen ausgetestet und in einer familientauglichen Serie auf höchst emotionale Art und Weise Tod und tödliche Krankheiten thematisiert, wie man es zuvor noch nicht gesehen hatte. Das war außergewöhnlich. Dagegen erscheint "Milk & Honey" trotz männlicher Escorts im ländlichen Brandenburg und Dauersonnenschein eher gewöhnlich. Glücklicherweise greift bei der Serie aber das zweite, über die Jahre etablierte Merkmal von Vox: Uplifting Entertainment. Als solches ist "Milk & Honey" eine Einschaltempfehlung.

Vox zeigt "Milk & Honey" ab heute immer mittwochs ab 21:15 Uhr in Doppelfolgen

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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