Beim Erwartungsdruck verhält es sich wie beim Einhalten einer Deadline. Entweder entsteht schlussendlich etwas grandioses, oder man bricht unter der Last weg. Kinderstars gehören zu der Kategorie Mensch, die das besser nachvollziehen können als viele andere. Schauen wir uns die "Harry Potter"-Darsteller an: Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint. Mit zwölf Jahren war Grint im Jahr 2000 der Älteste am Set von "Harry Potter und der Stein der Weisen". Über die Jahre hinweg war nicht nur interessant, wie sich die Drei in ihren Rollen weiterentwickeln. Sondern auch, wie die ersten Karriereschritte nach dem Franchise aussehen und ob sie es überhaupt schaffen, aus dem Schatten ihrer Lebensrolle zu treten. Zwei taten es, einer beweist mit "Sick Note" einmal mehr, dass er seinen ehemaligen Zauberer-Kollegen noch nicht ganz nacheifern kann.

Gemeint ist natürlich Rupert Grint, der alle Jahre wieder mit den verschiedensten Independentproduktionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Ein Hit war nie dabei. Im vergangenen Jahr hörte man, erstmals nach dem "Harry Potter"-Aus, ein bisschen mehr von ihm: "Snatch" wurde adaptiert. Die Geschichte über "Schweine und Diamanten", die einst der Brite Guy Ritchie ins Leben rief, hatte im Endeffekt aber nicht viel mit der Neuinterpretation zu tun. Es war eine frische Gang, ein neues Setting und eine gänzlich andere Atmosphäre. Bei Kritikern fiel sie durch – der nächste Dämpfer für Grint, der sich seit Jahren anschauen muss, wie Radcliffe und Watson Hollywood erobern. Freude gab's aber sicherlich dennoch darüber, dass "Snatch" von Crackle um eine zweite Staffel verlängert wurde.

Grint selbst meinte einst im DWDL.de-Interview, dass es für ihn nicht einfach war und ist, das endgültige Aus von "Harry Potter" zu verarbeiten. Er sei froh darüber gewesen, "dass das Ende zum genau richtigen Zeitpunkt kam" und er nun neue Charaktere austesten könne. Nach diversen Kinofilmen und seiner Betrüger-Rolle in "Snatch" kann dieses austesten auch in "Sick Note" äußerst gut beobachtet werden.

In "Sick Note" spielt Grint den hoffnungslosen Loser Daniel Glass. Daniel frönt eigentlich jedem Laster, dem ein verpeilter Mittzwanziger verfallen kann. Er kifft ordentlich, zockt exzessiv und vermeidet prinzipiell jede Handlung, die seiner Gesundheit entgegenkommen könnte. Selbst das Call-Center, in dem er arbeitet, versucht langsam aber sicher, ihn loszuwerden. Als seine Freundin ihn dann auch noch verlässt und aus der Wohnung schmeißt, scheint es eigentlich nicht schlimmer werden zu können. Doch sein Arzt, Dr. Iain Glennis, schafft es und sagt ihm plump ins Gesicht: Sie haben Krebs.

Der Comedy-Faktor dieser Sitcom kommt bislang nicht ganz heraus, wird aber mit dem Doktor eingeleitet. Dieser ist nämlich ein Trottel vor dem Herrn. Auch sein Leben könnte trauriger nicht sein und wie er überhaupt Arzt wurde, ist das größte Rätsel überhaupt. Zwischen all seinen Fehldiagnosen befand sich auch die Untersuchung von Daniel. Das fällt ihm jedoch erst eine Woche später auf, nachdem Daniel bereits seine ganze Umwelt wissen lies, dass er schwer krank ist.

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Dieser bemerkte in der Woche, dass ihn die Menschen durch seinen vermeintlichen Krebs anders behandelten. So kümmerte sich plötzlich jeder liebevoll um ihn, sein Job war wieder sicher. Genau aus diesem Grund entscheiden sich die beiden Chaoten auch dazu, das Geheimnis, dass Daniel gar nicht krank ist, für sich zu behalten. Eine Ausgangslage, die vielversprechend klingt.

Noch verheißungsvoller kommt "Sick Notes" deswegen daher, weil neben Grint auch Nick Frost mit von der Partie ist. An der Seite von Simon Pegg hat Frost von "Shaun of the Dead" bis "The World's End" bewiesen, dass er zum Schwergewicht der britischen Comedy gehört. Nun mimt er also einen ahnungslosen Arzt, dessen Leben man wirklich nicht selbst haben möchte. Im Übrigen ist dies auch einer der Knackpunkte, weshalb in "Sick Notes" oft vergeblich nach Lachern gesucht wird: Der Vibe der Serie ist nicht schwarzhumorig, sondern lediglich deprimierend. Daniel Glass und Dr. Iain Glennis sind Protagonisten, die in großem Maße Mitleid bei den Zuschauern abrufen.

Das wäre nicht einmal schlecht, hätten die Schöpfer Nat Saunders und James Serafinowicz auch wirklich ein Drama schaffen wollen. Das dies aber nicht der Plan war, lässt sich vor allem an den medizinisch toten Gags erkennen. Während eine Sitcom normalerweise damit besticht, kurzweilig zu unterhalten und dafür zu sorgen, dass sich zwanzig Minuten gar nicht lange anfühlen, schafft es "Sick Note" gerade einmal, den versuchten Witz erkennen zu lassen. Die Pointe ernüchtert aber immer wieder. Beispiel: Daniels Mutter ruft ihn auf seinem Handy an und spricht ihn mit Simon an, seinem erfolgreicheren Bruder. Während des kurzen Telefonats disst sie ihn noch zwei weitere Male und macht unter anderem deutlich, dass sie keine Ahnung hatte, dass er seit zwei Jahren vergeben war und nun überrascht sei, dass Becca sich getrennt hat. "What a shame!"

Was gut geschrieben wirklich witzig rüber kommen könnte, wirkt in "Sick Note" beinahe uneingeschränkt furchtbar. Die einst von Sky One produzierte Comedy lässt jedweden britischen Humor vermissen, ja schlicht jeden Humor. Was also übrig bleibt ist eine Hülle von Serie, die lediglich ein unangenehmes Gefühl von Anteilnahme versprüht. Wenn das gewünscht war, ist "Sick Note" ein Volltreffer. Möglicherweise haben die Verantwortlichen bereits deswegen eine zweite Staffel geordert, bevor die erste überhaupt der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Alle anderen sollten jedoch lieber warten, bis Rupert Grint sich an seiner nächsten Rolle versucht.

Die erste sechsteilige Staffel von "Sick Note" steht seit Freitag auf Netflix zur Verfügung.