City on a Hill © Sky
DWDL.de-Serienkritik

Kevin Bacon in der "City on a Hill": Boston im Brennpunkt

 

Wahre Geschichten tragen immer eine Grundspannung in sich. In "City on a Hill" treffen diese echten Begebenheiten auf unterhaltsames Fernsehspektakel, das mit zum besten Thrill gehört, den man derzeit in der Serienwelt finden kann.

von Kevin Hennings
05.08.2019 - 16:30 Uhr

Boston war in den 90er Jahren nicht der friedlichste Ort, an dem man aufwachsen konnte. Eine in den Himmel schießende Waffengewalt prallte auf weiterhin präsenten Rassismus. Kombinationen wie diese sorgen für explosive Situationen, deren Sprengkraft kaum abzusehen ist. Die Lage in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Massachusetts war tatsächlich derart brenzlig, dass selbst korrupte Cops wieder anfingen, ihren Job ernst zu nehmen. Einer von ihnen wird in der Showtime-Serie "City on a Hill" von Kevin Bacon verkörpert, der als alter FBI-Agent vor allem Koksen und Rumvögeln zu seinen Alltagshobbys erklärt hatte. Gemeinsam mit dem dunkelhäutigen Staatsanwalt Ward (Aldis Hodge), der all die positiven Eigenschaften verkörpert, die bei Bacons Figur verloren gegangen waren, gehen sie Bostons Sinnkrise auf den Grund.

Die ausführende Produzentin Jennifer Todd erzählte in einem Gespräch, dass "City on a Hill" eine Serie sei, in der es um Menschen geht, "die zu viel quatschen und dabei unfassbar schlecht im Kommunizieren sind". Hier wird scharf geschossen, bevor ein wohl überlegter Gedanke im Kopf gereift ist. Damit spricht Ideengeber Cuck MacLean genau das Problem an, mit dem er selbst in Boston aufgewachsen ist und zeigt in der ersten Folge des Thrillers in einer entscheidenden Szene, wie die Kriminalität auch in der Wirklichkeit zum ausufernden Problem wurde: Bei einem bewaffneten Überfall auf einen Polizeitransporter werden die Straftäter vor eine Wahl gestellt, die wie ein "Butterfly Effect" Auswirkungen auf die restliche Story haben wird – erschießen sie die zwei Cops, die ihnen versprechen, Stillschweigen zu bewahren? Oder lösen sie einen Krieg aus.

Das Boston der 90er ist geformt aus Racheaktionen. Wird ein Polizist ermordet, schlägt die ausführende Gewalt um ein vielfaches stärker zurück. Vor allem, um Macht zu demonstrieren. Ein Brennpunktgebiet wie dieses muss von den richtigen Leuten inszeniert werden, damit das Potential vollends ausgeschöpft wird. Mit Ben Affleck, der neben MacLean als Schöpfer fungierte, konnte sich Showtime keine bessere Prämisse wünschen. Während Affleck in den vergangenen Jahren gewisse, fragwürdige Entscheidungen in Hinsicht auf seine Rollenwahlen traf, beispielsweise in "Daredevil" oder "Batman v Superman", hat er als Regisseur und Produzent eine hundertprozentige Trefferquote bewiesen.

Angefangen mit seinem vortrefflichen Regie-Debüt "Gone Baby Gone", in dem er mit seinem Bruder Casey Affleck in der Hauptrolle eine Kindesentführung aufrollt, bis hin zu seinem bislang letzten Thriller "Live by Night", in dem von Bostoner Männern erzählt wird, die in Zeiten der Prohibition gegen den Ku Klux Klan kämpften. Er hat, auch selbst als Darsteller ("Gone Girl"), stets ein findiges Gespür für packenden Thrillerstoff bewiesen, der das sonst so eingefahrene Genre in ein neues Licht rückt. "City on a Hill" wirkt in dieser Chronologie wie die nächste Kinoproduktion, für die er mitverantwortlich ist.

In zehn Episoden wird von einem Drama erzählt, das sich, ganz in der Manier von Affleck, erst im späteren Drittel komplett entfaltet. Davor ist es ein großes Einschleichen in die Befindlichkeiten der Protagonisten. Showrunner Tom Fontana greift an dieser Stelle wie ein schweizer Uhrwerk. Mit seiner Expertise aus Produktionen wie "Oz", "The Beat" und "The Bedford Diaries" hat er schon öfters bewiesen, Menschen aus diesem Milieu angemessen zeichnen zu können. So schafft er es, Kevin Bacons Figur nicht nur als abgehalfterten Säufer darzustellen, sondern gleichzeitig zu zeigen, dass auch solch eine Figur eine glaubwürdige Wandlung zu einem besseren Menschen durchmachen kann. Dabei geht es ihm gar nicht darum, eine bereits vielgesehene Heldenstory aufzufrischen, sondern darzustellen, dass Menschen auch dann andere Ansichten schätzen können, selbst wenn sie sie nicht vertreten. 

"City on a Hill" ist dementsprechend eine Serie, die ihr Schwarz-Weiß-Denken anfangs zwar deutlich präsentiert, nur um es dann mit Abrissbirnen weg zu hämmern. Problematisch könnte die nun bei Sky verfügbare Produktion für all diejenigen sein, die zart besaitet sind. Um historisch so akkurat wie möglich zu bleiben, wurde "City on a Hill" zu einer vulgären und aggressiven Hetzjagd, die vielen an manchen Stellen als unnötig aufgebauscht vorkommen könnte. Jedoch scheint die Serie gerade deswegen vor allem bei Bostoner Bürgern so gut anzukommen – weil sie die ungeschönte Vergangenheit einer Stadt präsentiert, die sie gleichzeitig so interessant macht. Bacon, Fontana, Affleck und Boston: Sie alle haben die Eigenschaft, erprobt zu haben, was Thrill bedeutet. "City on a Hill" ist das Ergebnis jahrelanger Erfahrung.

Die erste Staffel von "City on a Hill" wird ab heute wöchentlich in Doppelfolgen bei Sky Atlantic HD ausgestrahlt. Wie bei Sky üblich, kann die Serie parallel zur linearen Ausstrahlung auch auf Sky Ticket, Sky Go und über Sky Q abgerufen werden - hier auch in der englischen Originalfassung. Eine zweite Staffel wurde vom Heimatsender Showtime bereits geordert. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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