Tom Buhrow © imago images / Horst Galuschka
Zwischen Amt und Anstand

Ist der Ruf erst ruiniert, der Intendant den Halt verliert

 

Das Jahr ist nicht einmal eine Woche alt, da geht es beim WDR heute um alles: Intendant Tom Buhrow kämpft um den Respekt und Rückhalt seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen er mit einer voreiligen Entschuldigung in den Rücken gefallen ist. Ein Kommentar von DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath.

von Thomas Lückerath
07.01.2020 - 08:34 Uhr

„Morgen ist ein neuer Tag.“ Es war der Satz, mit dem sich Tom Buhrow, der Nachrichtenmoderator, einst am Ende der „Tagesthemen“ von seinem Publikum verabschiedete. Am Ende einer Nachrichtensendung, die naturgemäß nicht nur vom Positiven in der Welt berichtete, war es seine kleine Botschaft der Zuversicht - gerade noch so eine Stufe vor der für einen Nachrichtenmoderator dann doch zu gewagten Plattitüde „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus“. 

Als Tom Buhrow, der Intendant, sich Ende Dezember voreilig und verhängnisvoll für ein albernes Lied entschuldigte, dachte er vermutlich, dass sich die Causa damit erledigt hat. „Morgen ist ein neuer Tag“. Doch diese Entschuldigung hat ihn das Ansehen bei vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im eigenen Haus und vielleicht noch mehr gekostet. Denn diese Entschuldigung läuft ihm nach. Sie ist der Skandal am Skandal um die #Umweltsau, einem Video, dem absurderweise NRW-Ministerpräsident Armin Laschet vorwarf, Kinder zu instrumentalisieren - während er es selbst im Wahlkampf auf seinen Plakaten tat.


Rückblickend lässt sich sagen: WDR-Intendant Tom Buhrow hat die Situation mit seiner Entschuldigung völlig unterschätzt und damit falsch bewertet. Es ist der Folgefehler auf die Löschung des Videos unter Verantwortung von WDR2-Programmchef Jochen Rausch. Wurde er dabei beraten, wurde er schlecht beraten. Es wirkt aber, ohne Kenntnis der internen Vorgänge, fast so, als sei er mit einem überraschenden Maß an Naivität im Alleingang davon ausgegangen, das eine Entschuldigung nie schaden kann. Ganz im weihnachtlich-besinnlichen Sinne. 

Er war nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der sich einem „Shitstorm“ im Netz gegenüber sieht, dem hyperventilierende Medien - die immer noch glauben, das relevant sei, was auf Twitter diskutiert wird - erst eine Plattform geben, weil aus Mangel an journalistischen Fähigkeiten inzwischen Tweet-Sammlungen von zweifelhaftem Ursprung schon als Grundlage für Berichterstattung dienen. Die üblichen Verdächtigen unter den Clickbait-Angeboten mancher Verlage, die sich zu Handlangern bei der Vergiftung des öffentlichen Diskurses machen, provozierten leider erfolgreich die Notwendigkeit einer Reaktion vom WDR.  

An dieser Stelle ist Buhrow in die Falle getappt. Ursprünglich war die Aufregung um das Lied nur ein recht(s) tosender Sturm im umgedrehten Wasserglas. Es war nach Jochen Rausch der Intendant, der das Glas leichtsinnigerweise nochmal richtig angehoben hat und so die Empörung des anonymen, berufsempörten Mob frei ließ. Das Einräumen eines Fehlers machte aus der Stimmungsmache in den sozialen Netzwerken eine Causa, die dem Protest gegen den WDR erst richtigen Gegenstand gaben.

Das ist die eine Seite des Skandals: Ein Intendant und nun wahrlich erfahrener Medienmacher bzw. Journalist, der die Mechanik der modernen Empörungskultur entweder in diesem Fall leichtsinnig vergessen hat oder, schlimmer noch, nicht versteht. Beides kratzt am Ruf des WDR-Intendanten, der gerade erst zum Jahreswechsel zusätzlich den ARD-Vorsitz übernommen hat. Es sind aber eben jene Kratzer, bei denen man doch immer wieder verblüfft ist, wie schnell sie dann wieder heilen und bald vergessen werden. 

Heute noch ein Unding, morgen schon ausgesessen. Immer neue Empörungen im Nachrichtenzirkus lenken von den gestrigen ab. Ein paar kritische Kommentare, ein bisschen Häme. Das haut einen Buhrow nicht um. Die zweite Seite dieses Skandals aber schon: Der WDR-Intendant hat den Rückhalt des eigenen Hauses verspielt. Sich im Namen des Hauses für einen Beitrag zu entschuldigen, der in keiner Art und Weise einer Entschuldigung bedarf, hat über die vergangenen Tage - auch leicht zeitverzögert durch die Feiertage und Urlaubszeit - im WDR immer lautere Zweifel aufkommen lassen, ob Tom Buhrow als Intendant noch tragbar ist.

Klingt das eine Nummer zu groß für Sie? In der alten Denke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie in vielen konservativen Strukturen jeglicher gesellschaftlicher Bereiche, geht noch immer der Irrglaube um, das Amt sei es, das einem Respekt verschafft. Das jedoch verkennt, dass es das Handeln ist, das Respekt verschafft oder im Falle von Buhrows Entschuldigung, Respekt verspielt. Es ist nicht der Unmut des Mobs, der das Schicksal des WDR-Intendanten entscheidet, sondern der Unmut aus dem eigenen Haus. Was nützt eine tatkräftige Besatzung, wenn der Kapitän Kompass und Koordinaten über Bord wirft?

Ausgerechnet in Hochzeiten von Fake News und Stimmungsmache darf ein Journalist und ehemaliger Nachrichtensprecher nicht zulassen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Spielball von Stimmungsmache wird, die langsam aber stetig die Koordination des Erlaubten verschieben will. Satire, ob bissig oder banal, ob mal treffsicher oder weniger gelungen, bleibt Satire. Es beschämt mich allein schon, diese Zeilen schreiben zu müssen. Ohne hyperventilierende Medien und Buhrows Entschuldigung wäre es der Sturm im Wasserglas geblieben. 

Weil Twitter-Empörung allein keine Grundlage ist. Und durchschaubar politisch motivierte Vervielfältigung um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diskreditieren, ebenso wenig. Wie unglaublich bitter es ist, dass das der WDR-Intendant selbst geschafft hat, weil er sich nicht vor sein Team gestellt hat. Das beklagten am Montag schon zahlreiche Autorinnen und Autoren, die - meist frei - für den WDR arbeiteten. An diesem Dienstag um 14 Uhr gibt es jetzt eine Aussprache zwischen Intendant Tom Buhrow und der Redaktionsvereinigung im kleinen Sendesaal des WDR. Die Einladung im Intranet und per E-Mail traf auf großes Interesse.  

Sehr viele Redner hätten sich dafür angemeldet, wie das Medienmagazin DWDL.de erfuhr. Aber mehr noch: Es gibt eine Initiative von angestellten Redakteurinnen und Redakteuren des WDR, die mit einem offenen Brief den Rücktritt des Intendanten fordern wollen. Es sind keine Tage oder Woche, sondern an diesem heutigen Dienstag eher Stunden, die letztlich über den Ausgang einer Sitzung der Redakteursvereinigung und die Karriere des Tom Buhrow entscheiden werden. Eine offene Rücktrittsforderung von Angestellten des WDR - das wäre nach dem offenen Brief der Autoren noch einmal eine weitere Eskalationsstufe. Und das kurz vor der geplanten Aussprache. 

Das Momentum sei entscheidend, heißt es bei den Organisatoren. Mit so einer Forderung wagt man sich nicht leichtfertig an die Öffentlichkeit. Showdown im WDR also an diesem Dienstag. Buhrow müsste sich einfach bei der Belegschaft entschuldigen, sagen manche im Sender. Es sind die, die bedauern, dass eine bloße Entschuldigung allein der Auslöser für die Debatte um die Tragbarkeit von Buhrow sein soll. Gleichzeitig soll es aber eine bloße Entschuldigung sein, die alles wieder kassiert? Wie oft kann man sich entschuldigen, bevor das eigene Wort nicht mehr ernst genommen wird? Noch dazu, wenn man sich bei einem solchen Streit einfach bei allen Seiten entschuldigt?

Kann Tom Buhrow glaubhaft das Vertrauen der Belegschaft zurückgewinnen? Oder eskaliert die Krise im WDR? Ein Rücktritt von Tom Buhrow wäre bitter, weil es seine Leistungen beim WDR auf diesen folgenschweren Fauxpas reduziert. Mehr aber noch, weil es Beifall von der völlig falschen Seite geben wird. Von jenen, die denken, dieses harmlose Umweltsau-Video und die Empörung im Netz sei der Auslöser. Der Jubel von rechts wird groß sein und sich nicht verhindern lassen. Dieses Schreckensszenario ist intern Buhrows wirksamstes Argument. Wirksamer als eine weitere Entschuldigung von unklarem Wert.

Buhrow hatte so große Pläne für seinen ARD-Vorsitz, die er im November schon in vertraulichen Hintergrundgesprächen mit Medienjournalisten erörterte. Dass er selbst zur ersten Belastungsprobe für die eigene Anstalt und die Gemeinschaft der Rundfunkanstalten werden würde, hatte er sich wohl nicht so ausgemalt. Bemerkenswert übrigens, wie still es um ihn herum war in den letzten anderthalb Wochen. Oder haben Sie Rückendeckung für Buhrow von Valerie Weber oder Jörg Schönenborn, den beiden Programmdirektoren des Senders, vernommen? Wie gesagt: Es ist Showdown im WDR, heute Nachmittag.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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