Wer schläft, verliert © Screenshot ProSieben
DWDL.de-TV-Kritik zu "Wer schläft, verliert"

Gute Nacht, ProSieben: Einschlafhilfe am Samstagabend

 

Man nehme sechs übermüdete Promis, acht Betten und einen gelangweilten Moderator - fertig ist die Event-Show am Samstagabend. Klingt lahm, sagen Sie? Stimmt. Dabei hätte es am Ende eine einzige Chance gegeben, den Abend doch noch zu retten.

von Alexander Krei
15.03.2020 - 00:42 Uhr

Es gab eine Zeit, da schaffte es ProSieben mühelos, seine Zuschauer selbst mitten in der Nacht um den Schlaf zu bringen. Damals, als man Stefan Raab und seinem Herausforderer bis weit nach 2 Uhr zusah, wie sie immer und immer daran versuchten, einen unscheinbaren Ring auf einen kleinen Haken zu bugsieren. An diesem Samstagabend scheint all das mehrere Millionen Jahre zurückzuliegen, denn heute setzt der Sender offenbar alles daran, seine Zuschauer möglichst früh ins Bett zu schicken.  

Anders ist kaum zu erklären, was es mit dieser Show auf sich hat, die über mehr als drei Stunden lang nicht nur von ihren acht mehr oder weniger prominenten Probanden wie Natascha Ochsenknecht, deren Tochter, Wayne Carpendale und Drag Queen Candy Crash alles abverlangte, sondern in besonderem Maße auch von den Zuschauern, die sich auf dem Sofa durch diesen – um im Thema zu bleiben – Fernsehen gewordenen Albtraum quälten.

"Wer schläft, verliert" lautet der Titel, der das Ziel der Show ziemlich konkret beschreibt. Auf dem Papier liest sich das Konzept auch wirklich unterhaltsam, denn die Sendung beginnt, nachdem sich die Promis bereits 60 Stunden lang in Schlafentzug geübt haben. Womöglich haben ProSieben und die Produktionsfirma Fisch Will Wurm Media darauf spekuliert, dass sich die müden Stars bei den folgenden Spielen möglichst tollpatschig anstellen würden. In Wirklichkeit wirkten sie aber vor allem träge und gelangweilt.

Etwas mehr als eine Stunde verging, als der Experte im Studio die entscheidenden Sätze sprach: "Ganz schlecht ist Monotonie", wusste der Professor zu berichten. "Langeweile, man wird nicht angesprochen, man wird nicht gefordert – dann schläft man ein." Vielleicht wäre ProSieben gut beraten gewesen, dieses Urteil im Vorfeld der Show einzuholen, um Schlimmeres zu verhindern, schließlich konnte man die Aussagen des Mannes auch auf "Wer schläft, verliert" übertragen. So aber wurde das vermeintliche Experiment eine ziemlich zähe Angelegenheit, die auch beim Autor dieser Kritik zwischenzeitlich Sekundenschlaf verurs...

Sogar die Promis nörgeln

Dass es derart zäh wurde, lag keineswegs daran, dass wegen der Corona-Ausbreitung kein Publikum im Studio anwesend war. Zumal man sich förmlich vorstellen kann, wie die Zuschauer bei all der Langeweile, die sich auf der Bühne darbot, im Hintergrund reihenweise in sich zusammengesackt wären. Irgendwann dämmerte auch Sex-Expertin Paula Lambert, worauf sie sich da eigentlich eingelassen hat und legte offiziell Beschwerde ein. "Ich hatte gedacht, dass wir an einem wissenschaftlichen Projekt teilnehmen", nörgelte sie, "und jetzt das."

Mit "das" meinte Lambert die Aufgabe, eine Feder durchs Studio zu pusten, nachdem 500 Meter auf dem Ergometer zurückgelegt werden mussten. Zuvor galt es bereits, Sand in einer Schubkarre zu transportieren, Kartenhäuser zu bauen und möglichst viel Zuckereiswasser zu trinken. Nach und nach folgte das Aussieben der müden Gestalten. Wer sich zu schlecht anstellte, der wurde von Moderator Thore Schölermann, auf den sich die allgemeine Müdigkeit schnell übertrug, ins bequeme Bettchen befördert – freilich begleitet von einigen Schikanen, die das Einschlafen forcierten sollten.

Wer schläft, verliert

Doch ein Bett war gar nicht nötig, um für die nötige Schlummerstimmung zu sorgen. Als es nach zwei Stunden galt, Bauklötzchen-Figuren nachzubauen, fiel es endgültig schwer, vor dem Fernseher nicht einzuschl...

Mit der Zeit wurden die Gesichter der Protagonisten ähnlich leer wie das Studio, in dem sich die Schnarch-Veranstaltung dahinschleppte. "Macht nicht mehr so lange", flehte Simon Gosejohann nach über zwei Stunden, als er sich, begleitet von Piano-Musik auf den Ohren und von einer Decke abgedunkelt, endlich hinlegen durfte. Dass er das eigentliche Finale im wahrsten Sinne des Wortes verschlief, sollte nicht zu seinem Schaden gewesen sein, denn zum Schluss wurde "Wer verschläft, verliert" vollends absurd.

Und plötzlich greift der "Notfallplan"

Erst gab Wayne Carpendale genervt auf und schlurfte mit mürrischen "Good Night" von der Bühne, dann wäre um ein Haar auch noch Paula Lambert gegangen. "Wenn das 'ne Option ist, dann will ich auch lieber nach Hause", sagte sie, blieb dann aber doch. Stattdessen nahm sich Candy Crash kurz darauf den früheren "Landarzt" als Beispiel und brach das Experiment mitsamt ihres Tiger-Pyjamas ebenfalls vorzeitig ab. Da fiel dann auch Thore Schölermann nicht mehr viel ein. Ein Glück, dass ProSieben den Moderator mit einer Werbepause erlöste. Viel besser wurde es allerdings auch danach nicht mehr: Hier sechs Halbpromis im Halbschlaf, dort Schölermann als Schlummermann.

Wer schläft, verliert

In diesem ebenso langweiligen wie absurden Setting hätte es nur eine einzige Chance gegeben, den Abend doch noch irgendwie zu retten: Einfach immer weitersenden. Zu sehen, wie sich Moderator, Professor und Spiele-Kommentator Elmar Paulke vor leeren Rängen und acht Betten um Kopf und Kragen reden, hätte den Unterhaltungswert vermutlich noch einmal ins Unendliche treiben können. Zu gerne hätte man erlebt, wie alle Beteiligten völlig erschöpft selbst um halb 3 noch darauf warten, bis der letzte Kandidat das Reich der Träume betritt.

Doch dann packte Schölermann plötzlich einen "unglaublichen Notfallplan" aus und trällerte "La-Le-Lu" – eine Art Code-Lied, nach dessen Erklingen die Schlafmützen geistesgegenwärtig einen vor ihren Betten angebrachten Buzzer zu betätigen hatten. Was dann passierte, ist kaum zu glauben: Natascha Ochsenknecht springt auf, buzzert – und gewinnt. Schnell bekommt sie noch ein goldenes Kopfkissen überreicht, ehe der Spuk völlig unvermittelt vorbei ist. Einfach so. Welch große Enttäuschung, über die sich noch so viel schreiben ließe, wäre ich nicht so fürchterlich mü...

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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