CashDay © ProSieben
DWDL.de-TV-Kritik

"Cashday" bei ProSieben: Viel Käse und ein bisschen affig

 

Aus heiterem Himmel testet ProSieben am Vorabend ein neues Format, das mit einer Mischung aus Versteckter Kamera und Quizshow daherkommt. Was vermutlich lustig sein soll, versprüht jedoch den Charme eines Tiefkühlregals. Die TV-Kritik...

von Alexander Krei
08.06.2020 - 19:44 Uhr

Dass ProSieben an seinem Vorabendprogramm schraubt, ist eine ziemliche Rarität – und kommt so selten vor, dass selbst Nachrichten-Moderator Michael Marx am Montag auf die "Simpsons" hinwies, obwohl diese ausnahmsweise gar nicht direkt im Anschluss zu sehen waren. Warum niemand Marx auf das nachfolgende Programm vorbereitete, wirft allerdings weit weniger Fragen auf als die Sendung selbst. "Cashday" ist ihr Name und das Vertrauen von ProSieben in sie scheint nicht gerade groß zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, dass gerade einmal drei Folgen angekündigt wurden.

 

Andererseits erscheint die überschaubare Episoden-Anzahl auch vollkommen ausreichend, denn "Cashday" wirkt erschreckend aus der Zeit gefallen – was nicht nur daran liegt, dass die Kunden im Supermarkt, der als Schauplatz der Sendung dient, zum Zeitpunkt der Produktion noch keine Masken tragen mussten. An einen entspannten Einkauf ist trotzdem nicht zu denken, weil sich die Kunden erst durch eine quälend lange Versteckte-Kamera-Sequenz quälen müssen, um schließlich in einer improvisieren Quizshow Fragen zum soeben Erlebten zu beantworten.

Wer also weiß, wie viel ein Überraschungsei kostet oder auf welchen Namen der Freund der Lockvogel-Kassiererin hört, hat gute Chancen, bis zu 500 Euro mit nach Hause zu nehmen, was zugegebenermaßen ein ganz nettes Schmerzensgeld ist. Klingt unspektakulär, sagen Sie? Ist es auch. Was in diesen 30 Minuten zu sehen ist, versprüht in etwa den Charme eines Tiefkühlregals. Zu sehen, wie die Supermarkt-Mitarbeiterin ihre Opfer zur Weißglut bringt, indem sie beispielsweise die Produkte gleich mehrfach scannt, lässt sogar die schlimmsten "Verstehen Sie Spaß?"-Filme im Rückblick wie einen heißen Oscar-Anwärter erscheinen.

"Beim nächsten Mal nur Sachen aufs Band legen, die Sie auch kaufen wollen", mahnt Lockvogel Nora und meint damit die Trennstange, die ein älteres Ehepaar fachgerecht platziert hat, um das Ende des Einkaufs zu markieren. Brüller. Sollten sie das nicht lustig finden, dann können Sie mit Sicherheit herzhaft über die Affengeräusche lachen, die die Kassiererin von sich gibt, als die Chiquita-Bananen an der Reihe sind. Mega. Und später in der Sendung lässt die Schauspielerin als "Muddi an der Käsetheke" auch noch den Käse auf den Boden fallen, bevor sie ihn einpackt. Hihi.

Nein, wer das lustig findet, hält beim Einkaufen selbst die obligatorische Frage nach der Payback-Karte für einen Schenkelklopfer. Humorvoll ist bei "Cashday" allenfalls der Kandidat, der sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen lässt, als sich der Lockvogel an der Kasse mehr schlecht als recht an einer Britney-Spears-Imitation versucht. "Ich würde das mit dem Singen versuchen. Kasse, datt is nix...", sagt er mit einer erstaunlichen Gelassenheit. Noch unscheinbarer als die Versteckte Kamera wirkt bei "Cashday" bloß das finale Quiz, für das ProSieben kaum mehr als einen Hunni investiert hat, um im Hintergrund ein Rollup-Banner mit dem Namen der Sendung aufzustellen. 

Pflichtschuldig verliest der Moderator, der sonst offenbar als Comedian sein Geld verdient, in der Endrunde drei Fragen. Wer nun auf so etwas wie Spontaneität gehofft hat, wird enttäuscht. "Die sind dir, die nimmt dir keiner mehr", sagt er maximal vorhersehbar, als er seinem Gegenüber hart erkämpfte 250 Euro überreicht. Und als seine zweite Kandidatin davon erzählt, vom Gewinn mit ihren Kindern essen gehen zu wollen, wiederholt dieser nur: "Mit deinen Kindern essen." Davon habe sie gleich drei, führt die Dame aus, was der Moderator offensichtlich kaum fassen kann. "Drei Kinder?", staunt er. "Drei Söhne", sagt sie und löst abermals Staunen aus: "3 Söhne!"

Tiefgründiger werden weder die Gespräche noch die übrige Sendung, für deren Umsetzung die Münchner Produktionsfirma south & browse verantwortlich zeichnet. Ob es mehr als nur drei Folgen geben wird, liegt nun in den Händen der Zuschauer. Die "Simpsons"-Fans, so scheint es, hat die Premieren-Folge der neuen ProSieben-Show schon mal nicht überzeugt. Wer sonst noch von dem Neustart erfahren hat, bleibt im Unklaren. Zur Sicherheit sollte der Sender am Dienstag vielleicht zumindest seinen Nachrichtensprecher davon in Kenntnis setzen.

"Cashday" läuft noch bis Mittwoch jeweils um 18:10 Uhr bei ProSieben.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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