Recht kurzfristig ist sie in dieser Form erst ins MIPCOM-Programm gekommen, doch wer deshalb News von RTL Deutschland & YouTube erwartete, wurde möglicherweise enttäuscht: Breaking News waren es nicht, die Stephan Schmitter und Pedro Pina zu verkünden hatten, bekräftigten aber mit dem gemeinsamen Auftritt eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und die Angst vor YouTube sitzt in der klassischen TV-Branche schließlich tief.
Eigentlich auch bei RTL Deutschland. Denn die abwandernden Werbegelder, eben auch zu Google und YouTube, machen dem werbefinanzierten Fernsehen nachhaltig zu schaffen. Doch das war am Montagmittag in Cannes kein Thema, stattdessen traute Eintracht. „Vor drei Jahren hatten wir keine Beziehung oder Partnerschaft mit YouTube“, erklärte RTL-Deutschland-CEO Stephan Schmitter. Heute betrachte man YouTube als zusätzlichen Kanal, über den sich Reichweite aufbauen und die Transformation des Geschäfts vorantreiben lasse. Entscheidend seien dabei klare Regeln und eine klare Strategie – verbunden mit viel „trial and error“.
Schmitters Grundannahme: Mediennutzung findet zunehmend in voneinander getrennten Welten statt. „Da gibt es zum Beispiel die YouTube Bubble“, sagt er und ergänzt an Pedro Pina gewendet: „eine sehr große, um ehrlich zu sein.“ Aber eben auch Netflix-, Amazon- und TikTok-Bubbles. Wer als klassisches Medienunternehmen versuche, alle Zielgruppen allein über die eigenen Angebote zu erreichen, sei verloren. YouTube helfe RTL insbesondere dabei, jüngere Nutzer mit bestehendem Premium-Content zu erreichen. Das Ziel beschränkt sich dabei ausdrücklich nicht auf zusätzliche Werbeerlöse: Nutzer sollen von YouTube weiter zu RTL+ und künftig auch zu Sky geführt werden.
Das Beispiel für diese These ist allerdings kein Neues: Rund 200 ältere Folgen der Actionserie „Alarm für Cobra 11“ stellte RTL bei YouTube ein. Content, der nach jahrzehntelanger Auswertung im eigenen Ökosystem laut Schmitter „kaum noch einen Wert gehabt habe“. Über YouTube habe man in einem Jahr nun 30 Millionen Views erzielt. Die Zuschauerschaft sei zu 83 Prozent männlich und im Schnitt rund 30 Jahre alt. Für YouTube-Europachef Pedro Pina ist genau das der Kern der Zusammenarbeit. YouTube investiere als Plattform nicht selbst in die Produktion solcher Inhalte, sondern wolle Produzenten und Rechteinhabern Zugang zu seinem Publikum verschaffen.
RTL entscheide selbst, „what to put up, what to put down, how to monetize“ – also welche Inhalte in welchem Umfang auf der Plattform landen und wie sie monetarisiert werden. YouTubes Geschäftsmodell schaffe dabei gemeinsame Interessen: Mehr als die Hälfte der mit den Videos erzielten Erlöse werde mit Partnern geteilt. Wie genau sich die Partnerschaft zwischen YouTube und RTL Deutschland gestaltet, ist unklar. Offenbar aber liegt die Vermarktung der eigenen Inhalte in den Händen der Ad Alliance, also nicht allein bei YouTube.
So könne die Ad Alliance den Werbekunden eigenes Inventar über lineares Fernsehen, RTL+, Sky und YouTube hinweg anbieten. Die zusätzlichen YouTube-Erlöse lägen inzwischen im zweistelligen Millionenbereich, berichtete Schmitter. Bis 2030 gebe es einen klaren gemeinsamen Wachstumspfad. Dabei will RTL Deutschland auch mit neuen Wegen experimentieren, Nutzer zwischen den Plattformen zu bewegen. So denke man laut Schmitter darüber nach, fünf bis zehn Minuten eines Fußballspiels exklusiv bei YouTube zu zeigen und Zuschauer anschließend für das komplette Angebot zu RTL+ oder Sky zu führen.
Welche Rolle YouTube übernimmt, werde „format by format“ und „window by window“ entschieden. YouTube-Europachef Pedro Pina formulierte zum Ende die größere Erzählung hinter dieser Partnerschaft: Traditionelle Medien müssten YouTube nicht als Gegner begreifen. Entscheidend sei vielmehr die Kombination verschiedener Vertriebswege. Lineares Fernsehen bleibe relevant, YouTube sei ein weiterer Baustein. Oder, wie Pina es mit Blick auf die Kooperation ausdrückte: „This is the golden age of TV.“ Euphorisch gesprochen, mit verhaltenem Applaus im Palais des Festivals.

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