Wie viel Fiktion verträgt eine Liebesgeschichte, deren Protagonisten noch leben? Eine der Fragen, die „Queen Silvia“ zu einem spannenden Serienprojekt macht. Die Weltpremiere der ersten Episode in Cannes gab dazu erste Aufschlüsse: Mit einiger kreativer Freiheit, die jedoch Realität und Wertschätzung für die prominenten Figuren ausbalanciert. Anders wäre es gar nicht möglich: Wie sonst erzählt man die Liebesgeschichte zweier Menschen, die jeder zu kennen glaubt, aber deren entscheidende Momente im Privaten stattfanden?
„Queen Silvia“ ist kein „The Crown“ - und will es gar nicht sein, das wird beim Q&A nach der Weltpremiere im Rahmen der MIPCOM in Cannes deutlich. Das Spiel zwischen Alicia von Rittberg (Silvia Sommerlath, später Queen Silvia) und Edvin Endre (schwedischer Kronprinz Carl Gustaf, späterer König) ist eine Liebesgeschichte, keine Chronik eines Königshauses. Auch weil sich die deutsch-schwedische Koproduktion von der ProSiebenSat.1-Produktionstochter Pyjama Pictures und der schwedischen Beta-Tochter Unlimited Stories bewusst auf einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt konzentriert: die ersten vier Jahre der Beziehung, vom Kennenlernen bei den Olympischen Spielen in München 1972 bis zu ihrem offiziellen Verlobungsinterview.
Vor einem vollbesetzten Palais des Festivals das in den letzten Jahren nicht jeder Premiere in Cannes beschieden war, überzeugte die Premiere der ersten Folge das Fachpublikum der MIPCOM wie auch französisches Publikum. Das lässt sich nicht nur am Applaus festmachen, auch an hörbaren Reaktionen auf Humor und Romantik der Erzählung, die weniger Cinderella-Märchen denn Liebesdrama ist, dass sich mehr glaubhaft denn kitschig entfaltet und mitfiebern lässt: Mit einer jungen Frau, die sich einlässt auf einen ungewissen Flirt - und einen Kronprinz, der weiß, dass sein privates Leben mit dem Tod seines Großvaters ein Ende finden wird.
Damit erzählt „Queen Silvia“ das Drama zweier unterschiedlicher Menschen eben auf Augenhöhe, nicht aus der einer Bürgerin und eines Kronprinz. Inszeniert ist das durchaus konventionell. Es fällt schwer der Serie in dieser Hinsicht einen besonders eigenen Stil zu attestieren. Getragen wird die Serie - und das mit Bravour - von der Chemie der beiden Hauptrollen: Man darf dem Casting zu Alicia von Rittberg und Edvin Endre gratulieren sowie eben diesen Beiden zur Kraft, diese Serie zu tragen. Es sind zwei Rollen mit besonderer Herausforderung: Königin Silvia und König Carl XVI. Gustaf von Schweden leben schließlich noch. Also doch eine kleine Parallele zu „The Crown“.
Bei der Weltpremiere betonten Alicia von Rittberg und Edvin Endre ihre persönliche Recherche der Personen hinter den öffentlichen Ämtern, um nicht bloß royale Folklore zu reproduzieren. Sie habe sich intensiv mit der Rolle der Frau in den 70er Jahren beschäftigt und dabei vor allem auf historische Filmaufnahmen gebaut, um ein Gefühl für Silvias Auftreten und Energie zu entwickeln, sagt von Rittberg. Ihr Kollege wiederum wollte Carl Gustaf bewusst nicht als sorglosen Partyprinzen zeichnen, wie es frühere Darstellungen aus seiner Sicht häufig getan hätten.
Hinter den royalen Rollen sollten zwei junge Menschen sichtbar werden, die sich mit 27 Jahren verlieben – unter denkbar ungewöhnlichen Bedingungen. Die Erzählung intimer Momente, entscheidender Dialoge - da übernimmt dann die künstlerische Freiheit. Daraus machen auch die Produzenten keinen Hehl. Mehr als 25 Biografien seien für die Entwicklung ausgewertet worden, teilweise mit widersprüchlichen Darstellungen derselben Ereignisse. Das machte den Weg frei für eigene Antworten. Die am Dienstagabend in Cannes gezeigte erste Folge macht Lust auf mehr.
Zu sehen sein wird „Queen Silvia“ in Deutschland übrigens zuerst bei Prime Video, dann bei Sat.1. In Schweden wiederum, das konnte Beta Film, die den Weltvertrieb übernommen haben, zur Fernsehmesse in Cannes vermelden, wird die sechsteilige Serie nach Prime Video bei Sveriges Television (SVT), dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen. Eine Produktion, die in mehrerlei Hinsicht Grenzen überwindet - zwischen europäischen Märkten, Streamern und kommerziellen Sendern sowie diesen und öffentlich-rechtlichem Profil. Das macht die Geschichte hinter der Serie mindestens so bemerkenswert wie die von der Kamera eingefangene.

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