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Hoffs Mordsschau

Münchner "Tatort": Großes Kino mit allem drin

von Hans Hoff
21.12.2013 - 11:00 Uhr

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Das Erste serviert seinen Zuschauern am Sonntag eine echte Weihnachts-Überraschung: Der neue "Tatort" aus München weiß zu überzeugen - schon alleine, weil Ruhe und Action gleichermaßen ihren Platz finden, findet Hans Hoff.

Sie können es doch. Kurz vor Weihnachten geht was. Da läuft ein „Tatort“, den man ohne schlechtes Gewissen als überaus gelungen bezeichnen darf. Leitmayr und Batic ermitteln zum 66. Mal, und es wird nicht nur spannend, es gibt auch durchaus verblüffende Wendungen. Macht also bitte hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt ein Film mit Herrlichkeit.

Dabei sieht erst einmal gar nichts nach einem sehr besonderen „Tatort“ aus. Im Gegenteil. Vieles spricht dagegen, dass hier etwas funktionieren könnte. Da ist beispielsweise die sehr prominente Besetzung in der Rolle des skrupellosen Reality-TV-Reporters Albert A. Anast. Den spielt Alexander Schubert, den man aus der „Heute Show“ als unbedingten Merkel-Fan Albrecht Humboldt kennt. Das verwirrt aber nur kurz, denn relativ rasch bekommt die Figur Kontur, und das üble Erbe der Bekanntheit verschwindet im Rausch der konsequent vorantreibenden Handlung.

Albert A. Anast muss man sich vorstellen wie eine in Sachen Skrupellosigkeit auf Speed gesetzte Vera Int-Veen, immer vor Ort, wo es gilt, mit der Kamera Menschen nachzujagen und sie in ihrem unbedarften Sosein oder mit ihren offensichtlichen Fehlern bloßzustellen. Die dabei entstehenden Filme, die nachher im Netz stehen, zerstören in diesem „Tatort“ gerne mal das Leben der Gezeigten. Insofern bleibt die Motivlage nicht lange im Dunklen, als Albert A. Anast schwer blutverschmiert in einem Ford Mustang über Alpenstraßen fährt und sichtlich um seine traurige Restexistenz ringt. Danach geht die Kamera zurück nach München, man weiß nicht, wie es mit dem teuflischen Reporter weitergeht, aber man ahnt es. Und man ahnt richtig, aber auch ein bisschen falsch.

Leitmayr und Batic werden gerufen, weil Anast verschwunden ist. Sie stoßen in eine ihnen fremde Welt, also in eine Produktionsfirma, wo eiskalte, von Neid zerfressene Gestalten arbeiten, die stets ehrfurchtsvoll „der Sender“ sagen und dabei so tun, als sprächen sie von einer höheren Macht. „In zwei Minuten habe ich eine Telefonkonferenz mit dem Sender“, sagt etwa die Chefin im Büro, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie lediglich am Fortbestand der Firma interessiert ist und dem verschwundenen Star keine Träne nachweint. Leitmayr und Batic stehen dem Treiben als natürliche Antipoden gegenüber. Die zur raschen Übersendung angebotenen Droh-E-Mails für Anast lassen sich die beiden Old-School-Veteranen kurzerhand ausdrucken und bekommen einen Korb voller Papier mit auf den Weg. E-Mail-Ausdrucker! Bah! Pfui!

Im Laufe der Ermittlungen wird dann deutlich, wie das Geschäftsmodell aus dem Ausnutzen menschlicher Schwächen besteht. Menschen werden mit kleinen Fehlern oder Sünden vor die Kamera gezerrt und dann gnadenlos bloßgestellt. Doch dabei belassen es die drei! Autoren nicht. Sie packen noch ein paar Problembereiche obendrauf. Es geht um Messies, ums böse Internet, um die Kirche, und ein Neonazi ist auch dabei.

Und ein ehemaliger „Tatort“-Kommissar. Gregor Weber, bekannt als aussortierter Saarbrücken-Ermittler, spielt den Ehemann der ersten aufgefundenen Leiche. Auch hier verstört das bekannte Gesicht zuerst und lenkt ein bisschen ab. Aber auch diese Irritation bringt den Film nicht ab von seiner zunehmenden Wucht. Es werden falsche Fährten gelegt, es gibt ein bisschen Seitenstranggeschichte, und schon weit vor dem Ende sieht alles danach aus, als sei der Fall nun erledigt.

Aber nichts ist erledigt, es kommt alles noch ein bisschen anders. Jochen Alexander Freydank hat Regie geführt und einen richtig guten Job gemacht. Er führt die Figuren fein und ordnet alle Akteure dem straffen Lauf der Geschichte unter. Niemand sticht da besonders heraus, die Story ist der Star. Lediglich Batic bekommt hier und da einen flotten Spruch zugestanden. „Auf was für Ideen man kommt, wenn man keinen Sex hat“, lästert er, als es gilt, in einer Kirche zu ermitteln.

Einmal wirkt es, als stoppe Freydank für einen Moment der Besinnung den ganzen Film. Da nimmt er komplett das Tempo raus und zeigt seine Kommissare auf just jener Alpenstraße, auf der vorher der blutige Reporter herumirrte. Sie schauen übers wunderschön weite Tal, und Leitmayr fragt seinen Spezi: „Kannst du dir vorstellen, jemals von hier wegzugehen?“ Es folgt eine geradezu pilchereske Batic-Antwort: „Nicht ohne dich.“ Woraufhin Leitmayr seufzt: „Dich wird‘ ich nie los.“

Das ist mit all seinen vielen Verästelungen mal wieder ein richtig guter Krimi. Einer, der sein Tempo zu variieren weiß, der Ruhe hat und auch vor ein bisschen gekonnter Action nicht zurückschreckt. Einer, der auch explizite Bilder von Maden auf der Haut und Rattenbissen einzuordnen versteht. Einer, nach dem man aufsteht und sagt „Hätt' ich nicht gedacht.“ Großes Kino in der ARD. Hätt' ich nicht gedacht.

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