„Alte Leute sind gefährlich, die haben nichts zu verlieren.“ Major Moritz Eisner sagt das ziemlich zum Schluss dieses „Tatorts“. Aber er spricht nur aus, was der Zuschauer schon kurz nach Beginn dieses ziemlich misslungenen Films merkt. Es steckt halt der Wurm drin, nicht nur in dem heruntergekommenen Altenheim in der Steiermark, in dem gleich zu Beginn Bibi Fellners verarmter Vater stirbt, ein Vater, zu dem sie lange schon keinen Kontakt mehr hatte. Der Vater hinterlässt der Ermittlerin eine beträchtliche Summe, was sie natürlich Verdacht schöpfen lässt. Auch den Zuschauer, denn der sieht bei einem kurzen ersten Kameraschwenk im Heim einen verhuschten Pfleger. Bei solchen Schwenks weiß man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass so einer noch eine Rolle spielen wird. Und dann läuft da zu allem Überfluss auch noch Peter Weck herum, der in meinem Geburtsjahr schon eine Rolle in „Sissi“ spielte. Weck bezieht normalerweise in Pilcher-artigen Filmen sein Altersruhegeld, weshalb sein Auftauchen in einem „Tatort“ nichts Gutes ahnen lässt.
Es war ein langer Sommer ohne neuen „Tatort“. Erst die Fußball-WM, die so manchen Sonntagabend blockierte, dann das Wetter und dann die Fehlplanungen der ARD. Eigentlich hatte es schon Anfang August wieder mit Frischware losgehen sollen, aber dann wurden angeblich Produktionen nicht rechtzeitig fertig. Was man halt so erzählt, wenn man Versagen kaschieren will.
Insofern liegt schon eine ziemliche Last auf der quasi amtlichen Wiederkehr des Sonntagabendrituals. Es wirkte da wie ein gutes Zeichen, dass ausgerechnet der Moritz und die Bibi aus Wien den Staffelstab in die Herbstsaison tragen sollten. Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser taugen was als Schauspieler in diesen Rollen, das haben sie bewiesen. Die beiden hatten zuletzt ein paar richtig tolle Episoden abgeliefert, spannendes Fernsehen, das es sogar bis zu Grimme-Auszeichnungen schaffte. Und nun?
Nun droht dem ahnungslosen Einschalter eine Geschichte, die nicht nur völlig belanglos von der Anlage her ist, die zudem auch noch schlampig geschrieben wurde und mit einer völlig mangelhaften Inszenierung die Restbestände von bemerkenswertem Inhalt in Minutenschnelle eliminiert.
Das beginnt schon damit, dass die Geschichte im Altenheim spielt. Altenheim funktioniert nicht in deutschsprachigen Filmen. Altenheim ist immer falsch. Meist werden ein paar verwirrte Senioren gezeigt, die nicht mehr so genau wissen, was sie auf der Welt noch sollen, und dann läuft mittendrin ein gepflegter Silberhaariger herum, der mal wohlhabend war, dem aber durch widrige Umstände alles abhanden gekommen ist. Der will dringend raus aus dem Altenloch, notfalls auch mit kriminellen Mitteln.
Peter Weck spielt diesen Alten. Nein, er spielt ihn nicht, er ist einfach da. Man kann einem Film eben auch durch die Besetzung die Spannung rauben, wenn man schon zu Beginn einen sehr bekannten Schauspieler im Hintergrund wuseln lässt. Da weiß der Zuschauer gleich: Aha, der wird noch eine Rolle spielen und mit Sicherheit keine rühmliche.
Dazu werden die beiden Kommissare, die anfangs eigentlich in den Urlaub wollten, als Volltrottel vom Dienst dargestellt. Sie beschatten Verdächtige mit Bibis amerikanischer Zuhälterkarre, die jeder Gangster auf drei Kilometer Entfernung erkennt, die erst recht auffällt in einem Dorf vor den Toren von Graz. Dazu kommen sie auf die reichlich depperte Idee, einen befreundeten Kollegen aus der Fastenkur zu holen und als Undercoveragenten ins Altenheim zu schmuggeln, wo er natürlich gleich im Zimmer des Silberrückens landet.
Weitere Verdächtige sind auf Anhieb als Schufte zu entlarven. Am besten lässt sich das demonstrieren an einem Busfahrer, der schon von weitem so aussieht, als hätte er sich gestern noch in einer Neonazitruppe als Adolf-Double beworben.
Irgendwann geht es dann natürlich auch um Crystal Meth. Man verrät nicht zu viel, wenn man das hier schon spoilert, obwohl es erst gegen Mitte des Films offenbar wird. Aber da der Film so offenbar auf diese Szene zusteuert, sei es hier schon mal vermerkt, und da es ohnehin keinerlei Spannung gibt, die zu zerstören wäre, macht es gleich gerade gar nichts.
„Das ist ja wie bei ‚Breaking Bad‘“, sagt dann prompt der eilig herbeigerufene Vorgesetzte von Bibi und Moritz, und das macht alles noch schlimmer, weil von dort an die Fallhöhe ins Unermessliche entschwebt. Man möchte also tatsächlich mit dieser wunderbaren US-Serie in Verbindung gebracht werden? Das ist ein löbliches Unterfangen, aber angesichts der Ergebnisse ist es nicht viel mehr als purer Frevel. Hier wird Fernsehqualität erst beschworen und dann gnadenlos vergewaltigt.
Das ist so bitter, dass man schon gleich keine Lust mehr hat, weitere „Tatort“-Episoden anzuschauen. Wenn schon die Wiener, auf die man sich in jüngster Zeit stets verlassen konnte, nicht mehr funktionieren, was droht dann in den nächsten Wochen und Monaten?
Unter diesen Umständen lautet meine Empfehlung: Bitte gleich ins ZDF zu Christine Neubauer umschalten. Wenn man schon Mist schauen muss, dann doch bitte gleich den richtigen.