Süße 16 Jahre gelten als magisches Alter. Weder ganz jugendlich noch echt erwachsen, betritt man damit den rechtsfreien Raum menschlicher Adoleszenz, bevor die bösen Geister der Generation Z – Klimawandel, KI, Wehrpflicht, Altersversorgung – fuchsteufelswild werden. Mal abgesehen von Kopfhörern der neuesten Baureihe wünscht Nina sich zum aufregendsten aller Geburtstage demnach beides: erst die volle Aufmerksamkeit von Mama und Papa, dann aber deren Erlaubnis, ins Berliner Nachtleben zu starten. Beides hätte beinahe auch geklappt – begänne beim Dinner mit Tapas und Torte nicht unverhofft ein Handy zu klingeln.
Wer genau das traute Familienidyll stört, hat uns Netflix Sekunden vorher zum Auftakt des Agententhrillers „Unfamiliar“ erläutert. Es ist ein Unbekannter, der sich selber ins Bein geschossen hat und nun vorgibt, die Hilfe von Ninas Eltern zu brauchen. Das schicke Restaurant der abgetauchten BND-Spione Simon (Felix Kramer) und Meret (Susanne Wolff) Schäfer dient Kollegen befreundeter Nationen schließlich als „Safe House“. Ein Großstadtrefugium, das der unaufrichtige Mark Sinclair (Aaron Alteras) aus Gründen missbraucht, die historisch bis ins Jahre 2009 zurückreichen.
Seinerzeit war ein belarussischer Auslandseinsatz der Schäfers so blutig eskaliert, dass die Folgen bis 2025 spürbar sind. Mindestens mittelbar beteiligt sind der gealterte Topspion Gregor Klein (Henry Hübchen), Russlands angehende Berlin-Botschafterin Vera Koleev (Genija Rykova), ihr zwielichtiger Ehemann Josef (Samuel Finzi), deren Ex-Geliebte Katya (Natalia Belitski) oder ein holländischer Security-Unternehmer namens Auken (Andreas Pietschmann). Gemeinsam bilden sie ein Netz historischer Schuld und Sühne. Wie genau wer darin verstrickt ist, wird hier natürlich noch nicht verraten.
Nur so viel: Wer die zwei Daten subtrahiert, empfindet Ninas eingangs erwähnten Geburtstag womöglich als etwas weniger zufällig. Von wegen süße 16 – auf der Ebene persönlicher Lebensumstände veranstaltet Gaumont ein diplomatisches Donnerwetter und umgekehrt. Zum einen nämlich wagt sich das Produzenten-Duo Sabine de Maardt und Andreas Bareiss sechs Folgen lang aufs Glatteis geheimdienstlicher Verwicklungen, die deutsche Fiktionen ansonsten gern vorm Mauerfall ansiedeln. Zum anderen steigert der Writers Room von Creator Paul Coates die Rutschgefahr obendrein durch Schmierstoffe privater Art. Es menschelt also schwer im Spionage-Entertainment.
Dramaturgisch herrscht daher ab heute bei Netflix über 270 Minuten hinweg erhöhtes Sturzrisiko. Zum Glück allerdings haben die Regisseure Lennart Ruff („Barbaren“) und Philipp Leinemann („Das Signal“) nicht nur exzellentes Personal bis tief in kleinere Sprechrollen gecastet; abgesehen von typisch deutschem Firlefanz wie diesem apokalyptischen Rauch, der geradezu zwanghaft aus Berliner Bahnschächten quillt, überzeugt „Unfamiliar“ aber vor allem durch sein vielschichtiges Wechselspiel aus Weltpolitik und Lokalkolorit.
Dass sich hier selbst BND-Bedienstete wie der Abteilungsleiter Ben (Laurence Rupp) und seine Mitarbeitern Julika (Seyneb Saleh) argwöhnisch gegenüberstehen, findet sich dabei schon im Titel: Die letzte Silbe von „Unfamiliar“ lässt sich kaum zufällig wie das englische Wort für „Lügner“ lesen. Weitaus interessanter als die Atmosphäre allseitigen Misstrauens ist jedoch zumindest in den drei Episoden, die Netflix vorab freigeschaltet hat, was nachrichtendienstliche Heimlichtuerei mit Beteiligten macht.
Diese Serie ist mehr als nur unterhaltsame Action
Meret zum Beispiel musste nicht nur die Spätfolgen eines Kaiserschnittes mit dem Tapeziermesser in der weißrussischen Diktatur vor 16 Jahren verarbeiten. Am Beginn der Menopause kämpft die Mittfünfzigerin auch mit Hitzewallungen, Kontrollsucht oder einem Mental Load in Erziehungs- und Haushaltsfragen. Eine Alltagsbelastung, die Simon seiner Frau wie unzählige Geschlechtsgenossen seiner Alterskohorte gern überlässt und dabei auch noch zur Maulfaulheit neigt – Hauptgrund dafür, dass er nicht gern über alte und neue Lügen oder Leiden spricht. „Ich habe getan, was ich getan hab“, entgegnet er Meret, als sie ihn darüber zur Rede stellt. „Was willst du noch hören?“ Na ja – mehr eben, besser noch: alles.
Aber so ticken viele Protagonisten einer Agentenserie nun mal nicht, die spürbar mehr sein möchte als unterhaltsame Action nach Schema F wie Felix Leiter oder Fox Mulder. Und damit ist sie schon deshalb vergleichsweise erfolgreich, weil „Unfamiliar“ anstelle von Jürgen Vogel in einer weiteren Undercover-Rolle als Schmerzensmann mit zwei Gesichtsausdrücken lieber den vielschichtigen Felix Kramer zur männlichen Hauptfigur macht. Geschult durch tiefgründige Milieustudien wie „Warten auf’n Bus“ oder „Hundertdreizehn“, ist sein grüblerischer Antiheld Simon die perfekte, weil moderne Ergänzung zur feministischen Einzelkämpferin Meret, der Susanne Wolff gewohnt brüchige Präsenz verleiht.
Dass die Aura am mysterysüchtigen Drehort Deutschland, den Kameramann Christian Stangassinger ganz bewusst unterbeleuchtet, meistens ein wenig zu dystopisch daherkommt, stört da wenig. Wichtiger ist die Bereitschaft der Kreativen aller Gewerke, sich etwas mehr an Donald Glovers Agentenalltagsserie „Mr. and Mrs. Smith“ als an klischeehaften Testosteronduschen wie „Mission Impossible“ zu orientieren. „Unfamiliar“ ist damit zwar erwachsener als Nina, aber fast so reflektiert wir ihre Generation. Ungewöhnlich, für deutsche Thriller.
"Unfamiliar" steht ab sofort bei Netflix zum Streamen bereit
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