Wie kann Europa seine eigenen Geschichten erzählen, wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben und zugleich seine kulturelle Identität bewahren? Unter dieser Fragestellung stand die Premiere von Story Vision Europe in Köln, das veranstaltet von Film- und Medienstiftung NRW, Produktionsallianz und dem Film- und Medienverband NRW im Vorfeld des Seriencamps am Montag in der Kölner Wolkenburg stattfand. Antworten darauf, da waren sich die meisten einig, sind nicht Land für Land zu finden, sondern nur gemeinsam.
Zum Auftakt warb Walid Nakschbandi, Chef der Film- und Medienstiftung NRW, daher für mehr Austausch und Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg. Entwicklungen in Städten, Ländern und Gesellschaften seien längst Teil größerer europäischer und globaler Prozesse. Fortschritt entstehe nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch Vielfalt und die Bereitschaft, unterschiedliche Blickwinkel zuzulassen. Gerade deshalb sei es wichtig, voneinander zu lernen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
Diesen Gedanken griff Michelle Müntefering von der Produktionsallianz in ihrer Keynote auf und rückte die audiovisuelle Industrie in den Mittelpunkt. Europa müsse sich stärker als kulturelle Kraft verstehen. Film und Fernsehen seien nicht nur Kulturgüter, sondern strategische Wirtschaftsfaktoren. Sie schafften Arbeitsplätze, zögen Investitionen an, förderten Innovationen und beeinflussten, wie Europa weltweit wahrgenommen werde. Vor allem aber ermöglichten sie es, europäische Geschichten mit einer eigenen Stimme zu erzählen. Die Zukunft der Branche werde deshalb nicht im nationalen Alleingang entstehen, sondern durch Kooperationen, Koproduktionen und gemeinsame Interessen.
Dabei ließ sie es sich natürlich nicht nehmen, zwei der Herzensanliegen der Produzenten nochmal zur Sprache zu bringen. Bei der Investitionsverpflichtung, die nun endlich kommen soll, von Streamern und Sendern aber nach wie vor scharf kritisiert wird, könne man von anderen europäischen Ländern lernen, die diese längst eingeführt hätten. Und bei einem steuerlichen Anreizmodell, das eigentlich mal eine Säule der Filmförderreform sein sollte, aber bislang nicht kam, ebenso. Wenn der Standort international wettbewerbsfähig bleiben solle, brauche es entsprechende Reformen.
Bei der Panel-Diskussion, an der neben RTL Deutschland-CCO Inga Leschek und WDR-Programmdirektor Ingmar Cario noch Katrine Vogelsang (Nordisk Film), Alix Lebrat (Studiocanal) und Georgette Schlick (Fremantle) teilnahmen, wurde deutlich, dass die europäische Dimension vor allem von den Produzenten gedacht werden muss - denn lokale Sender müssen natürlich zuallererst auf ihr eigenes Publikum blicken und dieses erreichen. Für RTL hat Sky ja beispielsweise vor allem deswegen übernommen, weil man auf dem lokalen Markt stärker werden wollte und lokale Inhalte als größten Vorteil gegenüber internationalen Streamern sieht, wie Inga Leschek ausführte.
Umgekehrt kommen Produktionsfirmen heute bei vielen Fiction-Produktionen kaum mehr darum herum, sich internationale Partner zu suchen: Während die Produktionskosten in den vergangenen Jahren rasant gestiegen seien, wüchsen die Budgets der Sender nicht mit. Wenn man heute grünes Licht von einem Sender für eine Serie bekomme, habe man vielleicht 35 Prozent des Budgets, erklärte Alix Lebrat von Studiocanal. Dann gehlte es als Produzent kreativ zu werden, um das restliche Geld aufzutreiben. Internationale Koproduktionen, komplexe Finanzierungsmodelle und staatliche Förderungen gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung. Auf dem Panel war man sich einig, dass viele ambitionierte Projekte ohne europäische Partnerschaften kaum noch realisierbar wären.
Gleichzeitig wurde darüber diskutiert, wie europäische Inhalte künftig erfolgreicher im internationalen Wettbewerb bestehen können. Die Antwort der Branche lautet dabei allerdings nicht Globalisierung um jeden Preis, sondern eher das Gegenteil: Erfolgreiche internationale Formate entstehen demnach aus starken lokalen Geschichten. Erst die kulturelle Verankerung mache Inhalte weltweit interessant. Europa müsse dabei allerdings selbstbewusster auftreten und seine Inhalte stärker als gemeinsame kulturelle Marke positionieren.
Auch das Thema Künstliche Intelligenz spielte sowohl auf dem Podium als auch in den politischen Beiträgen eine wichtige Rolle. Sven Lehmann bezeichnete die digitale und technologische Souveränität Europas als eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre. KI eröffne enorme Chancen, müsse jedoch mit Transparenz, Fairness und dem Schutz kreativer Leistungen verbunden werden. Europa müsse dabei nicht nur regulieren, sondern auch eigene digitale Infrastrukturen stärken. Auf dem Panel wurde KI zugleich als mögliches Werkzeug diskutiert, um Produktionsprozesse effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Die Technologie werde die Branche verändern, darüber herrschte Einigkeit. Offen bleibt allerdings, wie sich Innovation und der Schutz kreativer Arbeit langfristig in Einklang bringen lassen.
Einig waren sich letztlich alle bei einem Punkt: Wenn derzeit so viel über die Souveränität Europas gesprochen werde, dann darf man auch die europäischen Medien, die europäische Film- und TV-Branche dabei nicht aus den Augen verlieren. Deren Wert gehe weit über Unterhaltung hinaus. Europäische Geschichten seien Ausdruck kultureller Identität und demokratischer Öffentlichkeit. Es gilt also, gemeinsam Wege finden, diese weiterhin finanzierbar zu halten und die Geschichten sichtbarer zu machen, damit nicht nur aus den USA bestimmt wird, welche Storys wir zu sehen bekommen.
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