Böhmermann verliest Schmähgedicht © Screenshot ZDFneo
Erdogan-Schmähgedicht im "Neo Magazin"

ZDF löscht Böhmermann-Provokation aus dem Netz

 

Mit einem äußerst deftigen Gedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan hat Jan Böhmermann einen echten Tabubruch begangen. Nun wurde die Schmähkritik aus der Mediathek gelöscht. Doch auch das ZDF muss sich Kritik gefallen lassen.

von Alexander Krei
01.04.2016 - 16:21 Uhr

Nachdem das NDR-Magazin "extra 3" in den vergangenen Tagen viel Lob für seine gelungene Satire über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einheimste, sprang Jan Böhmermann in dieser Woche mit seinem "Neo Magazin Royale" auf den Zug auf: Dem Präsidenten wollte er den Unterschied erklären zwischen Kunst- und Meinungsfreiheit auf der einen und Schmähkritik auf der anderen Seite. Letztere sei nämlich auch in Deutschland nicht erlaubt, wie Böhmermann und sein Sidekick Ralf Kabelka mehrfach betonten.

Um den Unterschied noch einmal zu verdeutlichen, las Böhmermann schließlich ein Gedicht über Erdogan vor, das es wahrlich in sich hatte - und vor Schmähkritik nur so strotzte. Was offenkundig lustig gemeint war, erwies sich aber vor allem als plumper Versuch, im Windschatten der "extra 3"-Satire für eigene Aufmerksamkeit zu sorgen. "Sackdoof, feige und verklemmt, ist Erdogan, der Präsident", heißt es gleich zu Beginn des Gedichts, das Böhmermann zeitweise grinsend verlas - wohl wissend, in diesem Moment einen echten Tabubruch begangen zu haben. Es folgten noch mehrere Zeilen, die weitaus deftiger ausfielen als der Anfangsreim. So wurde Erdogan etwa mit Kinderpornos in Verbindung gebracht und als "Recep Fritzl Priklopil" bezeichnet.

Es könne passieren, dass das zusätzlich mit türkischen Untertiteln versehene Gedicht aus der Mediathek gelöscht wird, mutmaßte der Late-Night-Moderator noch während seiner Show und riet Erdogan, sich den "Scherzanwalt Dr. Christian Witz" zu nehmen, der schon mehrfach im "Neo Magazin Royale" in Erscheinung trat. Tatsächlich hat das ZDF am Freitag nun den entsprechenden Ausschnitt aus der Mediathek gelöscht, was nun weder ein April-Scherz ist noch als Einschränkung der Kunstfreiheit gewertet werden kann. Was Böhmermann in seiner Sendung machte, ist mutmaßlich verboten.

"Die Parodie im 'Neo Magazin Royale' vom 31. März zum Umgang des türkischen Ministerpräsidenten mit Satire entspricht nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt. Aus diesem Grund wurde die Passage aus der Sendung entfernt", bestätigte ein ZDF-Sprecher am Freitag auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de. In der ZDF-Wiederholung wird der entsprechende Ausschnitt nicht mehr zu sehen sein. Inzwischen äußerte sich auch ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler: "Wir sind bekannt dafür, dass wir bei unseren Satire-Formaten breite Schultern haben und den Protagonisten große Freiräume geben. Aber es gibt auch Grenzen der Ironie und der Satire. In diesem Fall wurden sie klar überschritten. Deswegen haben wir in Absprache mit Jan Böhmermann beschlossen, die Passage aus der Sendung herauszunehmen. Das betrifft das Sendungsvideo in der Mediathek, Clips auf Youtube, sowie Wiederholungen."

Böhmermann selbst äußerte sich inzwischen auch: "Ich denke, wir haben heute am 1. April 2016 gemeinsam mit dem ZDF eindrucksvoll gezeigt, wo die Grenzen der Satire bei uns in Deutschland sind. Endlich!", ließ er auf Facebook wissen. "Sollte ich bei der gebührenfinanzierten Erfüllung meines pädagogischen Auftrags die Gefühle eines lupenreinen Demokraten verletzt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung."

Auf dem Lerchenberg schüttelt man über Böhmermanns Aktion den Kopf - doch auch senderintern könnte es noch ein Nachspiel geben, schließlich wurde die Show bereits am Mittwoch aufgezeichnet. Zur Frage, ob das "Neo Magazin Royale" vor der Ausstrahlung vom Sender geprüft wurde, wollte sich das ZDF zunächst nicht äußern. Dabei gibt es streng genommen nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat ein ZDF-Mitarbeiter die Sendung gesehen und die Tragweite des Gedichts schlicht unterschätzt - oder aber Böhmermann bekam vom Sender unbesehen einen Blankoscheck, was jedoch eher unwahrscheinlich ist.

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