ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke © NDR/Thorsten Jander
Umgang mit sozialen Medien

Gniffke will Terrorberichterstattung "kritisch hinterfragen"

 

"Tagesschau"-Chef Kai Gniffke will die Terror-Berichterstattung kritisch hinterfragen und verteidigt die Entscheidung, Richard Gutjahrs Video von der Nizza-Attacke gezeigt zu haben. Mit Blick auf den Putschversuch in der Türkei sieht Gniffke keine Verfehlungen.

von Alexander Krei
19.07.2016 - 11:46 Uhr

ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke sieht sich nicht im Wettbewerb mit sozialen Medien. "Tempo ist für uns nichts Neues, und schneller als live geht nicht. Insofern ist die Beschleunigung nicht das Problem", sagte er in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Herausforderung liegt eher in der Masse von Informationen, die mit Handy-Videos von Internetnutzern dazugekommen ist." Eine Verifizierung von Videos sei zudem bei Livestreams nicht möglich. "Früher hatten wir die Kontrolle über Live-Berichterstattung, weil wir die Einzigen waren, die die Übertragungskapazitäten hatten. Heute stellt sich für uns die Frage: Wie können wir, wenn wir auf ein Live-Video aus dem Netz zurückgreifen, unseren ethischen und journalistischen Prinzipien gerecht werden?"

Der Weg der ARD werde im Zweifel ein Weg der Zurückhaltung sein, betonte Gniffke. "Wir leisten der Gesellschaft keinen Dienst, wenn wir einfach draufhalten und in einen Wettbewerb um das spektakulärste Bild eintreten." Dass man im Zusammenhang mit dem Attentat in Nizza das Video von Richard Gutjahr zeigte, verteidigte Gniffke in der "FAZ": "Das Video war das Dokument, das man zeigen musste. Zumal es aus einer Perspektive aufgenommen war, aus der man nicht sah, wie Menschen ums Leben kamen. Was aber zu sehen war, vermittelte einen Eindruck von dem Geschehen. Wir haben das Video zudem nicht live gestreamt." Generell müsse man aber die gesamte Terrorberichterstattung "grundlegend überdenken und kritisch hinterfragen", sagte der ARD-aktuell-Chefredakteur.

Gniffke: "Denn mit jedem Verbreiten von grauenhaften Bildern verstärken wir die Wirkung des Terrors und machen uns ungewollt zu Helfershelfern der Terroristen. Bis vor einiger Zeit hatten wir noch große Angst, dass Terroristen unsere Sender besetzen könnten. Heute denken wir: Die werden einen Teufel tun. Weil Nachrichtenredaktionen über terroristische Anschläge sowieso berichten." Sorgen um die "Tagesschau" macht sich Kai Gniffke unterdessen nicht. "Ich glaube, dass das Bedürfnis nach unserer Dienstleistung sogar wächst. Im Moment erleben wir zu meiner eigenen Überraschung, dass die „Tagesschau“ Zuschauer gewinnt. Aber auch Nachrichtennutzung auf allen anderen Plattformen wächst. Das Interesse ist allgemein gestiegen, aber Menschen suchen weiterhin Einordnung durch Institutionen, die sie kennen."

Zugleich wehrte sich Gniffke in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gegen den entstanden Eindruck, das Fernsehen habe am Abend des Putschversuchs vor den sozialen Netzwerken als neuen Live-Medien kapituliert. Das sei "zum Glück" nicht so gewesen. "Schon während der 'Tagesthemen' haben wir erste Einschätzungen gegeben, anschließend die Zuschauer über Laufschrift auf dem Laufenden gehalten, den 'Tatort' für eine Extraausgabe unterbrochen und im Anschluss daran eine halbstündige Extrasendung gebracht. Das ist keine Kapitulation, das ist solide Information."

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