Tabula Rasa © ZDF/Sofie Silbermann
DWDL.de-Kritik zur neuen ZDFneo-Serie

"Tabula Rasa": Amnesie und Durchhaltevermögen

 

ZDFneo verstärkt sein Fiction-Engagement im Bereich internationaler Ko-Produktionen, die ebenfalls so entstandene Mystery-Serie "Tabula Rasa" startet heute. Wir verraten, warum die Zuschauer hier vor allem Geduld mitbringen müssen.

von Kevin Hennings
31.01.2018 - 16:33 Uhr

Den Ausdruck “Tabula Rasa” kannten schon die alten Römer. Auch heute benutzen wir diese lateinische Redewendung noch, die wörtlich übersetzt “glatt geschabte Tafel” bedeutet. Oder auf gut deutsch: etwas bisher Gewesene tilgen und einen Neuanfang machen. So lautet nun auch der Titel der neuen ZDFneo-Krimi-Serie, die heute um 23:15 Uhr ihre Premiere feiert. Nach “Countdown Copenhagen” und “Sylvia‘s Cats” wagt sich der Spartensender damit an die nächste internationale Serien-Koproduktion, die ihren Ursprung erneut in Belgien findet. Die Versprechen von ZDFneo, das fiktionale Programm massiv zu verstärken, werden damit also immer mehr zur Realität. Zur qualitativ hochwertigen Realität. Denn auch wenn mit “Tabula Rasa” einmal mehr ins Krimi-Gefilde gereist wird, bekommt der Zuschauer etwas für‘s Auge, dass er sonst wohl eher bei Netflix suchen würde.

 

Wenn der SVoD-Anbieter nämlich für etwas bekannt ist, dann für Serien mit dem gewissen Etwas im Look. “Tabula Rasa” macht bereits mit dem Intro deutlich, dass sich Showrunnerin Malin-Sarah Gozin (“Der Clan”) an dieser Latte gemessen hat: In einer an “Westworld” und “Marco Polo” erinnernden Mischung werden direkt alle Gefühle vermittelt, die für die nächsten neun Folgen wichtig werden. Seien es schwarze Figuren oder Gesichter, die im Sandsturm wegbröseln – hier wird alles auf Mystery getrimmt. Dabei ist der Ursprungskern der Geschichte von “Tabula Rasa” vor allem medizinisch logisch begründet.

Annemie “Mie” D‘Haeze (Veerle Baetens, “Code 37”, ebenfalls als Co-Autorin tätig gewesen) leidet seit einem schweren Autounfall an einer komplizierten Form von Amnesie und sitzt in der geschlossenen Psychiatrie. Alleine wegen Amnesie würde man nicht an diesem Ort landen, doch hat sie in der Vergangenheit bewiesen, dass sie für die Gesellschaft eine Gefahr darstellt. Dazu kommt nun, dass die Polizei sie verdächtigt, etwas mit dem rätselhaften Verschwinden von Thomas De Geest (Jeroen Perceval) zu tun zu haben. Doch Mie kann sich, wenig überraschend, nicht an den Mann erinnern. So, wie überhaupt alles aus ihrem Gedächtnis verschwindet, was seit dem Autounfall in ihrem Leben passiert. An Ereignisse vor dem Unfall kann sie sich jedoch erinnern. Mie führte mit ihrem Mann Benoit (Stijn Van Opstal) und der kleinen Tochter Romy (Cécile Enthoven) ein glückliches Leben und feierte Erfolge als Tänzerin.

Inspektor Wolkers (Gene Bervoets), der im Vermisstenfall De Geest ermittelt, versucht, Mies Erinnerungen durch Gespräche zurückzuholen. Auch ihre Familie und die behandelnde Ärztin möchten dabei helfen, vergangene Ereignisse zurückzuholen. Die Reise zu den erlösenden Antworten wirft anfangs aber erst einmal neue Fragen auf: Woher kennt sie den verschwundenen Mann überhaupt? Ist er der Grund, weshalb ihr Ehemann sich komischer verhalten hat? So wie ihre Tochter? Und wie viel Realität steckt hinter dem Spuk in dem alten Haus, in dem sie gewohnt hat, bevor sie in die Psychiatrie musste?

“Tabula Rasa” stellt damit ein spannendes Konstrukt auf, das den tristen Krimi-Alltag im öffentlichen Fernsehen etwas vergessen lassen könnte. Doch leider wurde ein Fehler begangen, der mit zunehmender Laufzeit einige Zuschauer kosten wird. Die belgisch-deutsche Koproduktion hat zwar eine tolle Ausstattung und ein grandioses Design. Der “Sand”-Effekt, der immer auftaucht, wenn Mie anfängt etwas zu vergessen, wird mit kleinen Mitteln wunderbar in Szene gesetzt. Doch ist “Tabula Rasa” behäbig. Drei bis vier Folgen müssen eingeplant werden, um den beinahe einschläfernden Einstieg zu überstehen. In dieser Zeit wird nämlich vor allem das Leben einer Amnesie-Patientin gezeigt und welche Schwierigkeiten es mit sich bringt. Krimi oder gar Mystery-Elemente tauchen in diesem Zeitraum lediglich punktuell auf.

Dabei wird auch deutlich, dass “Tabula Rasa” nicht die best-geschriebene Geschichte ist, die der Markt zu bieten hat. Sollte diese Anfangszeit jedoch überstanden werden, kann mit einem Endspurt gerechnet werden, der es in sich hat. Dann erwachen vor allem die Autoren aus ihrem Winterschlaf und warten mit Ideen auf, die das Genre frisch und lebendig wirken lassen. Dankbar dafür ist auch die Protagonisten-Familie, die durch die Bank weg einen grundsympathischen Flair mit sich bringt. Ja, selbst das kleine Töchterchen ist herzallerliebst und nervt Gott sei dank nicht. Wer “The Walking Dead” gesehen hat, weiß, wie schmerzvoll ein kleiner Carl das Seherlebnis werden lassen kann.

ZDFneo bringt damit also frische Ware ins Programm, die mit Vorsicht zu genießen ist. Sorgen Sie dafür, dass Sie fit vor dem Fernseher sitzen, damit die Augen auch ja offen bleiben und behalten Sie stets im Hinterkopf, dass es nach den ersten Folgen besser, spannender und gruseliger wird. Verzeihen Sie “Tabula Rasa” seine Anlaufschwierigkeiten und umso süßer wird die Belohnung am Ende.

ZDFneo zeigt die neun Folgen der belgisch-deutschen Psycho-Thriller-Serie "Tabula Rasa" als deutsche Erstausstrahlung mittwochs gegen 23:15 Uhr. 

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