200 Meter links, dafür hat der deutsche Schilderwald auch in Wacken Wegweiser, geht es zum „Schweinehof“. Noch eben am Eiscafé vorbei, Kirche und Friedhof zur Linken, folgt Thomas Jensen Holger Hübners Beschreibung grummelnd stadtauswärts. Der Wirtschaftsminister wartet. PR-Termin. Nur wo? Das vielleicht weltberühmteste Landei Schleswig-Holsteins muss wenden. „Man soll nicht auf Hübner hören“, grummelt er über den ähnlich berühmten Kumpel und Kompagnon. Dann posieren sie einträchtig mit dem rauschebärtigen Kieler Regierungsvertreter Claus Ruhe Madsen am Ortseingang und zeigen alle, was ihnen zehn Tage später 85.000 Gleichgesinnte gleichtun.

Abgespreizte Klein- und Zeigefinger nämlich, auch Pommesgabel genannt, zu Zackengitarren zigtausendfach über geschüttelte Matten gereckt. Ließe Robert Lembke bis heute heiter Berufe raten: an dieser Geste hätte sein „Was-bin-ich?“-Kollegium Marianne, Guido, Annette und Hans in Echtzeit die Festivalbevölkerung in Wacken erkannt. Zwei Silben wie Donnerhall, seit Thomas Jensen und Holger Hübner 800 Gästen auf dem Acker ihres Heimatdorfes 1990 für 12 Mark Eintritt Heavy Metal um die Köpfe droschen. 36 Jahre sind seither vergangen.

Knapp vier Jahrzehnte, in denen das „Wacken Open Air“ – kurz WoA – nicht nur größer geworden ist, sondern gewaltig, global, grenzenlos. Fast vier Jahrzehnte, die an den Gründern nicht spurlos vorbeigegangen sind, aber einen Dreiklang konservieren konnte, den Magenta TV nun 90 Minuten mantraartig wiederholt, immer und immer wieder: Freundschaft, Familie, Heimat. Oder wie es die Dokumentation der hundertfach preisgekrönten gebrueder beetz betitelt: „Hearts Full of Metal“.

Was Thomas Jensen und Holger Hübner mit kurzer Pandemie-Pause mehr als ein halbes Provinzleben lang an ihrem Geburts-, Wohn-, Arbeitsort veranstalten, kommt schließlich von Herzen echter Überzeugungstäter. Wie heftig sie bis heute pochen, zeigt Cordula Kablitz-Post in der genreüblichen Mischung aus Oral History, Found Footage und Talking Heads. Begleitet von einem Countdown, den die Regisseurin zehn Tage vorm WoA 2025 herunterzählt. Im Norden nichts Neues, könnte man meinen. So oder ähnlich wurde des allergrößten Festivals seiner Art ja schon annähernd ein Dutzendmal dokumentarisch gedacht.

Den zwei Hauptverantwortlichen allerdings kam seit Cho Sung-hyungs schwer gefeiertem Standortporträt „Full Metal Village“ 2006 nicht mal die tragikomische RTL-Serie „Legend of Wacken“ näher. Kein Wunder: Mehr denn je lassen sie sich hier drauf ein, anderthalb Stunden praktisch unablässig im Bild zu sein, um über gestern, heute, morgen zu reden. Den Mund hält besonders der norddeutsche Dampfplauderer Jensen eigentlich nur, wenn Kablitz-Post Konzertausschnitte früherer Festivaljahre zeigt. Und beides spricht Bände.

„Hearts of Full Metal“ grast zwar Höhen wie Tiefen der bisherigen Open Airs ab. Die schwierigen Aufbaujahre werden ebenso sorgsam ausgeleuchtet, wie matschige Gewitterausgaben. Trauer- und Autounfälle, Gerichtsvollzieher und Finanzierungengpässe, Alterserscheinungen und Bauchumfänge – im regionaltypischen Klartext bringen diese liebenswert schrulligen Hardcorefans ihres eigenen Megaevents reichlich Privates, ja Persönliches auf den Dithmarscher Kacheltisch. Für Eingeweihte muss die Dokumentation fantastisch sein. Für Außenstehende ist sie eher verdächtig.

Wie jeder Starschnitt von Jérôme Boateng bis Michael Schumacher und Taylor Swift bis Robbie Williams, den TV-Sender und Streamingdienste mittlerweile in der Rubrik „Sport & Musik“ anfertigen, hat auch dieser hier schließlich kein journalistisches, geschweige denn investigatives Interesse. Als fancentric documentation bekannt, lassen sich Protagonisten solcher Gefälligkeitsgutachten die abgerungene Lebenszeit mit kritikloser PR bezahlen. Obszöne Ticketpreise (333 Euro) und windige Finanzinvestoren (KRK) werden daher wie Müll- und Gewaltexzesse oder ein unverwüstlicher Sexismus rockiger Festivals bis hoch ins männerdominierte Line-up bestenfalls angerissen.

Im DWDL-Interview mag Thomas Jensen daher arglos klingen, als er Wacken „eigentlich was ganz Kleines“, nämlich „mit Freunden aus der gleichen Community gemeinsam eine geile Zeit zu verbringen“ nennt. Wenn der global vernetzte Globetrotter mal eben mit Familie – First Class vermutlich – zum Kreator-Konzert plus Kuttenshopping nach L.A. jettet und die misogynen Schwulenhasser Guns N‘ Roses sodann beim Sekt in der Wackener VIP-Lounge feiert, nimmt er die vielen Freunde aus der Community allerdings nicht mit. Komisch.

Und so tappt auch „Hearts Full of Metal“ in die Dokumentarfilmfalle, Nähe mit Distanzlosigkeit zu bezahlen und Einblicke mit Wegschauen. Wobei Kablitz-Posts Saldo besser ist als bei Filmbiografien von Beckenbauer bis „Schw31ns7eiger“, deren Regisseure vermutlich bis heute im Anus ihrer Gehuldigten, sorry: Porträtierten gesucht werden. Dennoch: Dem unverwüstlichen Altmetaller Hübner wird bei MagentaTV nicht widersprochen, wenn er beteuert: „Wir sind immer noch zwei Jungs vom Dorf, denen unsere Freunde ordentlich auf die Finger hauen würden, wenn wir uns selber wir Rockstars aufführen.“

Das klingt auf seine nordisch maulfaule Art aber auch so schön schnodderig, dass man ihm echt glauben möchte. Oder wie es die Kiss-Legende Gene Simmons zu Beginn ausdrückt: „Wenn sie Arschlöcher wären, würden die Fans nie wiederkommen.“ Nach anderthalb Stunden „Hearts Full of Metal“ klingt das sogar plausibel. Aber vielleicht findet sich ja noch ein/e Filmemacher/in, die in der 21. Doku kritischere Fragen stellt. Schließlich soll das Wacken Open Air, sagen zumindest seine Gastgeber, „für die Ewigkeit halten“.

"Wacken - Hearts full of Metal" steht ab sofort bei Magenta TV zum Abruf bereit