Puls 24 © ProSiebenSat.1Puls4
Puls 24

ProSiebenSat.1 startet Nachrichtensender in Österreich

 

In Deutschland investiert ProSiebenSat.1 nach langer Zeit wieder in den News-Bereich, in Österreich ist man da schon weiter. Dort geht am Wochenende ein eigener Nachrichtensender on Air. Die Ziele von Geschäftsführer Markus Breitenecker sind groß, die Konkurrenz fährt bereits erste Attacken.

von Timo Niemeier , Wien
29.08.2019 - 19:00 Uhr

Seitdem ProSiebenSat.1 vor rund neun Jahren seinen damaligen Nachrichtensender N24 verkauft hat, ist die Gruppe nicht gerade bekannt für Informationen und Nachrichten. Dieses Feld hat man beinahe restlos der Konkurrenz überlassen. Erst in den letzten Wochen und Monaten bekamen die Verantwortlichen in Unterföhring offenbar wieder Lust. So stellte man die "Akte" neu auf und produziert die Sendung inzwischen selbst. Unter dieser Marke will Sat.1 künftig auch über aktuelle Geschehnisse berichten - eine Art "Brennpunkt" unter "Akte"-Label also. Zuletzt änderte auch ProSieben anlässlich der Waldbrände im Amazonas sein Primetime-Programm. 

Das alles sind erste Schritte, um von den Zuschauern wieder verstärkt eine Info-Kompetenz zugesprochen zu bekommen. In Österreich die Gruppe dieses Problem nicht. Hier betreibt ProSiebenSat.1 mit Puls 4 und ATV gleich zwei vergleichsweise große Sender, die eigenständige Redaktionen betreiben und Info-Inhalte produzieren. Mit Corinna Milborn hat man eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes im Unternehmen, sie moderiert unter anderem einen Polit-Talk bei Puls 4. Zur anstehenden Nationalratswahl sind etliche TV-Duelle und andere Diskussionssendungen angekündigt worden. Nun geht man sogar noch einen Schritt weiter und startet einen eigenen Nachrichtensender.  

Markus Breitenecker© Bernhard Eder
Puls 24 heißt dieser und geht am 1. September on Air, zu sehen gibt es den Kanal über Satellit, Kabel und diverse Digitalkanäle, etwa die unternehmenseigene Zappn-App. ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker (Foto) spricht gegenüber DWDL.de von "signifikanten Millionenbeträgen", die man in den Sender investiert. Alleine in die Technik sollen vier Millionen Euro fließen. "Natürlich haben wir große Synergien mit den bereits vorhandenen Redaktionen der Sender. Zusätzlich stellen wir aber auch 35 neue Journalisten ein." Sämtliche Nachrichten der Sender der Gruppe werden künftig von der Puls 24 Redaktion verantwortet, ausgenommen sind hier Formate bei ATV. Die Eigenständigkeit der ATV-Redaktion war 2017 die Voraussetzung der Bundeswettbewerbsbehörde, damit ProSiebenSat.1Puls4 den Sender übernehmen durfte. Diese Eigenständigkeit wird auch künftig gewahrt bleiben. Die News-Sendungen bei Puls 4 aber bekommen einen neuen Namen und heißen "Puls 24 News". 

Das Programmschema des neuen Senders sieht so aus: Am Vormittag wird das erfolgreiche Puls 4-Frühmagazin "Café Puls" bei Puls 24 durchgeschaltet. Danach beginnt eine Live-News-Strecke mit Updates zu jeder vollen und halben Stunde. Zwischendurch sind Live-Schalten zu Ereignissen geplant, die am Tag passieren. Das können Pressekonferenzen, Demos oder andere Veranstaltungen sein. Inhaltlich soll es jedenfalls immer um etwas gehen, das Österreich betrifft. "Da gehen wir raus und berichten, was in der Welt passiert", sagt Markus Breitenecker. Um 12 Uhr zeigt man unter dem Titel "Newsroom Live" eine einstündige Newsshow am Mittag, hier werden die Moderatoren auch Gäste begrüßen. 

Viele Live-Strecken, Talk-Sendungen und NFL

Im Anschluss gibt es erneut eine Live-Strecke, ergänzt um Magazine, die ohnehin schon auf den Sendern der Gruppe laufen. Formate wie zum Beispiel "4GamechangersTV" oder "Heinzl und die VIPs"  kommen dann noch einmal bei Puls 24 zum Einsatz. Am Vorabend zeigt der Sender um 18:10 Uhr werktags eine aktuelle, tagespolitische Talkshow ausstrahlen. Später wird man leicht zeitversetzt die Nachrichten von Puls 4 ausstrahlen. Prunkstück des neuen Senders soll aber die Primetime werden. Um 20:15 Uhr gibt es ebenfalls eine News-Show mit Gästen und Live-Schalten. Hier soll es um all die Themen gehen, die politisch und wirtschaftlich relevant sind. Ab 21 Uhr zeigt man noch eine Diskussionssendung, die jeden Tag von unterschiedlichen Hosts präsentiert wird. Am späten Abend werden Sendungen wiederholt, auch eine Zusammenarbeit mit Partnern ist denkbar - dabei soll es aber immer journalistischen Content zu sehen geben. Ebenfalls zeigen wird Puls 24 ab Oktober die 19-Uhr-Spiele der NFL, die späteren Abendspiele bleiben bei Puls 4 zu Hause. 

Geschäftsführer Markus Breitenecker betont im Gespräch mit DWDL.de, dass der Sender auch am Wochenende Live-Strecken haben und immer wieder über aktuelle Geschehnisse berichten wird. Der September ist voraussichtlich geprägt durch die anstehende Nationalratswahl. "Bis zur Wahl wird Puls 24 ein konzentrierter Wahlkampf-Sender sein", sagt Breitenecker. Danach will man neben News und Breaking News auch verstärkt Live-Events übertragen. Das können auch Digitalkonferenzen oder Festivals sein. Vereinzelt will man auch Reportagen und Dokus zeigen, diese sollen aber immer einen Bezug zu Österreich haben. Bereits seit der Ibiza-Affäre hatte die Sendergruppe in ihrer Streamingapp Zappn Puls 24 als Pop-Up-Channel eingerichtet, der Ausbau jetzt ist aber eine völlig andere Dimension.

Dabei soll Puls 24 noch viel mehr sein als nur ein reiner linearer TV-Sender. Die österreichische Sendergruppe spricht von einem "360 Grad Projekt". Konkret gibt es eine App, in der neben dem Livestream des Senders eine Reihe weiterer Funktionen integriert sind. So wird man, angelehnt an die Optik von Instagram Stories, verschiedene Persönlichkeiten in der App sehen, die, aus welchen Gründen auch immer, derzeit wichtig sind. Das können Politiker oder Sportler sein oder ganz andere Menschen, die gerade viele Schlagzeilen machen. Klicken die User auf diese Köpfe, erhalten sie eine Übersicht mit allen aktuellen Meldungen zu dieser Person - dabei verlinkt man auch auf externe Quellen. Darüber hinaus finden die User in der App natürlich auch viele Inhalte der Gruppe, die auf den anderen Sendern laufen. 

"In Zeiten einer verhaltenen klassischen Werbekonjunktur ist es gut, azyklisch zu investieren und ein solches Projekt zu starten."
ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker

Zum Sendestart am 1. September zeigt man ab 18:45 Uhr eine Live-Show, die auch vorproduzierte Teile enthält. Bereits in dieser Sendung wird es um den laufenden Wahlkampf gehen. In diesem Rahmen drückt Bundespräsident Alexander van der Bellen auch auf einen lilafarbigen Knopf - und damit den Sender offiziell starten. Um 20:15 Uhr wird die Puls 4-Sendung "Die Wahlarena" zu Puls 24 durchgeschaltet. Dort tritt zunächst ÖVP-Chef Sebastian Kurz auf und stellt sich den Fragen von Corinna Milborn, die künftig übrigens jeden Sonntag beim Sender eine neue Talkshow präsentiert. Das anschließende Gespräch mit "Jetzt"-Spitzenkandidat Peter Pilz ist ebenfalls beim Sender zu sehen. Senderchefin ist Stefanie Groiss-Horowitz, die seit ziemlich genau zwei Jahren auch Puls 4 leitet. Inhaltlich übernimmt Stefan Kaltenbrunner als Chfredakteur die Verantwortung. 

Zuletzt veröffentlichte Zahlen legen nahe, dass der TV-Markt in Österreich netto im ersten Halbjahr 2019 geschrumpft ist. Wieso startet ProSiebenSat.1Puls4 gerade also jetzt einen neuen Sender? Markus Breitenecker: "In Zeiten einer verhaltenen klassischen Werbekonjunktur ist es gut, azyklisch zu investieren und ein solches Projekt zu starten. Das erscheint uns erfolgversprechend." Durch andere Projekte, etwa das vor einigen Jahren aufgesetzte 4Gamechangers-Festival inklusive diverser Ableger, und der Streaming-App Zappn seien bereits Werbebudgets zur Gruppe geschoben worden. Das gleiche erhofft man sich jetzt. Die klassische Fernsehquote stehe nicht im Fokus, sagt Breitenecker gegenüber DWDL.de. "Wir wollen eine digitale und klassische Quote gemeinsam denken – Stichwort One Currency, Smart Reach - und auch möglichst viele App-Installationen und Video-Views bekommen."

Die Konkurrenz schießt scharf 

Durch den neuen Sender will man sich bei ProSiebenSat.1Puls4 auch gegen die großen Streaming-Giganten wappnen. "Wir starten Puls 24 auch vor dem Hintergrund des Angriffs der Silicon-Valley-Giganten, von Netflix bis Amazon Prime. Von denen wollen wir uns unterscheiden. Wir bieten lokalen Content, sind live und haben Journalismus im Programm. Das alles bieten die großen Streaming-Giganten nicht", so Breitenecker. Deshalb auch der Claim des Senders: Life is live. 

Puls 24So wird Puls 24 aussehen

Die Konkurrenz in Österreich bringt sich derweil schon in Stellung. Vor allem bei der Mediengruppe Österreich, die seit einiger Zeit den Newskanal oe24.tv betreibt, ist man offenbar nicht sehr glücklich über den Sender. In seiner gedruckten Zeitung hat der Verlag kürzlich jedenfalls Puls 4 aus den Programmlisten entfernt. Und dann hat das Gratis-Blatt zuletzt auch noch auffallend negativ über Puls 4 berichtet. Ein Zufall ist das wohl eher nicht. "Dazu fällt mir nichts ein", sagt Markus Breitenecker. Er sieht Puls 24 aber auch nicht in direkter Konkurrenz zu oe24.tv und will sich merklich abheben. "Bei allem Respekt für die österreichischen Print-Häuser, die inzwischen auch im Fernsehen aktiv sind. Das ist nicht unsere Benchmark." Breitenecker spricht von einem Projekt mit "Anspruch und Haltung" - das ist ein recht offener Seitenhieb auf oe24.tv von Verleger Wolfgang Fellner.

Puls 24 als Test für Deutschland?

Inwieweit Puls 24 auch ein Test für den deutschen Markt sein kann und wird, muss sich erst noch zeigen. Breitenecker spricht von einem "österreichischen Projekt" und ergänzt: "Grundsätzlich ist Österreich natürlich immer ein guter Testmarkt für Deutschland." In Deutschland hat die Gruppe ihre Investitionen in den News-Bereich zuletzt nicht nur verstärkt, ProSiebenSat.1-Vize-Chef Conrad Albert sagte 2018 recht offen, dass er inzwischen schon sehr gerne einen eigenen Nachrichtensender haben würde (DWDL.de berichtete). Vielleicht erhält Albert durch Puls 24 ja Erkenntnisse, ob ein solcher Sender auch in Deutschland funktionieren würde. 

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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