Am Donnerstag um 10 Uhr gibt das Grimme-Institut die diesjährigen Nominierten für den Grimme-Preis bekannt. Damit einher geht für gewöhnlich auch eine Einladung an alle Nominierten nach Marl, wo sie im Vorfeld der endgültigen Preisentscheidungen im Rahmen des traditionellen "Bergfests" inmitten der Sitzungswoche auf die Mitglieder der vier Jurys treffen, um sich in lockerer Atmosphäre noch einmal über die Formate auszutauschen. Zudem findet in diesem Rahmen alljährlich die Verleihung des Bert-Donnepp-Preises für Medienpublizistik statt. Wie gesagt: Für gewöhnlich. In diesem Jahr fällt dieses Bergfest nun nämlich den Sparmaßnahmen zum Opfer - zumindest in der offiziellen Form.

Wie vor einigen Wochen bekannt wurde, hat das Grimme-Institut in den vergangenen Jahren ein erhebliches strukturelles Defizit aufgebaut, das die Gesellschafter - allen voran das Land NRW als größtem Geldgeber trotz seines nur 10-prozentigen Anteils - nicht mehr dauerhaft ausgleichen wollen. Der zwischenzeitlich diskutierte massive Stellenabbau wurde zwar erst einmal abgewendet, trotzdem steht Grimme ein harter Spar- und Schrumpfkurs und wohl auch die Abwicklung der Bereiche Bildung und Forschung bevor.

Zwar machte NRW-Medienminister Nathanael Liminski deutlich, dass er die Preisverleihungen als Kernaufgabe sieht - doch auch dort sind die Sparmaßnahmen deutlich spürbar. Das zeigt sich nicht nur im Abbau von Assistenz-Stellen, wodurch die Nominierungskommissionen und Jury unter erschwerten Bedigungen tagen, auch für die Preisverleihung selbst wird nach DWDL-Infos eine Version mit weniger Gästen geplant. Das traditionelle Bergfest wurde gleich ganz gestrichen. Dabei ist das Argument der Kosteneinsarung in diesem Punkt fragwürdig.

Denn der Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises e.V., der auch alljährlich den Bert-Donnepp-Preis stiftet, hatte angeboten, einen wesentlichen Kostenpunkt - nämlich das Catering - zu übernehmen, wie der Vorsitzende Jörg Schieb im Gespräch mit DWDL.de bestätigt. Da das Bergfest traditionell im Grimme-Institut ausgerichtet wird, fallen keine gesonderten Kosten für eine externe Location an, im Wesentlichen wird es auch personell durch die festangestellten Mitarbeiter des Instituts gestemmt.

Trotzdem hielt Instituts-Direktorin Frauke Gerlach, die schon seit einigen Wochen krank geschrieben ist und daher auch während der Tagung der Nominierungskommissionen nicht in Marl gesichtet wurde, an ihrem Entschluss fest und ließ aus dem Krankenstand mitteilen: Das Bergfest wird nicht stattfinden. Im Aufsichtsrat war dem Vernehmen nach zwar durchaus Sympathie für eine Durchführung des Bergfests vorhanden, in die Entscheidungsbefugnis der noch bis Ende April amtierenden Grimme-Direktorin wollte man sich aber nicht einmischen.

Update vom 18.1.: Instituts-Direktorin Frauke Gerlach betont gegenüber DWDL, dass die Absage "schweren Herzens, nach reiflicher Prüfung und Überlegungen in unterschiedlicher Richtung" erfolgt sei und widerspricht der Darstellung hinsichtlich der Kosten gegenüber DWDL: Die zugesagte Unterstützung des Vereins hätte demnach lediglich ein Drittel der Gesamtkosten abgedeckt. "Kosten entstehen nicht nur durch das Catering, sondern auch durch Anreisen und Hotelübernachtungen, zudem verlängert sich die Jurywoche durch Auf- und Abbautage", heißt es in dem Statement - wobei anzumerken ist, dass zumindest die Nominierten für Anreise und mögliche Übernachtungen gemäß der Einladungen der letzten Jahre schon eh und je selbst aufkommen mussten. Gerlach betont zudem, dass man sich das Bergfest auch deswegen spare, um mehr Spielraum bei der Verleihung zu haben: Gerade für den 60. Grimme-Preis habe man "alle Kräfte auf die Preisverleihung bündeln" wollen, "um mit vereinten Kräften dieses bemerkenswerte Ereignis für möglichst viele zugänglich zu machen."

In jedem Fall hat sich der Verein nun entschlossen, eine Ersatzveranstaltung für das Bergfest auf die Beine zu stellen - auf eigene Faust und auf eigene Kosten. Stattfinden wird es dementsprechend also nicht im Grimme-Institut, sondern an anderer Stelle in Marl: Im Restaurant Al Teatro, das direkt neben dem Theater der Stadt Marl liegt, in dem stets die Verleihung des Grimme-Preises stattfindet. So sei es auch möglich, schon etwas "Preisluft-Atmosphäre" zu schnuppern, erläutert Schieb, zudem liege es fußläufig vom Grimme-Institut entfernt.

Im Rahmen dieser Veranstaltung wird unter anderem die Verleihung des Bert-Donnepp-Preises stattfinden, zudem sind alle Nominierten für den Grimme-Preis eingeladen teilzunehmen, auch die Mitglieder der Jurys werden vor Ort sein. Insgesamt rechnet man zwar mit weniger Gästen als in den vergangenen Jahren - schon weil es keine offizielle Einladung des Grimme-Instituts gibt - und auch ein Rahmenprogramm mit einer begleitenden Diskussion, wie man das aus früheren Jahren kannte, wird es nicht geben. Trotzdem sei es wichtig, dieses kleinere Bergfest zu veranstalten: "Es wäre ein Jammer, mit dieser Tradition zu brechen", sagt Jörg Schieb. Der Verein wird sich das alles in allem rund 7.000 Euro kosten lassen.

Auch wenn der Vorsitzende des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises in diesem Fall kein Verständnis für die Entscheidung Gerlachs hat: Die Schuld für die aktuelle Lage des Instituts, das nun in wenigen Wochen eine neue Leitung braucht, sieht er nicht allein bei Frauke Gerlach. "Man muss die Gesellschafter in die Pflicht nehmen", sagt Schieb und meint damit beispielsweise den Deutschen Volkshochschul-Verband, der zwar mit 40 Prozent der Anteile Hauptgesellschafter des Grimme-Instituts ist, sich aber kaum engagiere, schon gar nicht finanziell. Vor allem aber sieht er das Land NRW als Hauptgeldgeber in der Pflicht, das sich stärker engagieren solle. Das Eindampfen des Insituts allein auf die Preisverleihungen sieht er dabei nicht als geeignete Lösung: "Man kann sich nicht einfach nur die Rosinen herauspicken", ist Schieb überzeugt.

Es bleibt also spannend in diesem Jahr in Marl: Noch ist unklar, wer die Nachfolge von Frauke Gerlach antreten soll und wie sie oder er das Grimme-Institut neu aufstellen will - denn problematisch waren zuletzt nicht nur die Finanzen, auch am wenig öffentlichkeits-wirksamen Auftreten des Instituts im aktuellen Mediendiskurs abseits der Preisverleihungen gab es Kritik. Noch völlig offen ist auch, ob es in diesem Jahr noch zu einer Verleihung des Grimme Online Awards kommen wird - der von NRW-Medienminister Liminski ja ebenfalls zu den Kernaufgaben gerechnet wurde, dessen Finanzierung aber nicht geklärt ist. Von den Gesellschaftern sind hier klare Marschrouten und zugleich mehr als bloße Lippenbekenntnisse nötig.

Offenlegung: Der Autor dieses Textes ist Mitglied der Nominierungskommission Unterhaltung des Grimme-Preises