Am 3. März wird in der Kölner Flora Party sein. In einer der schönsten Stuben der Stadt will RTL das 25-jährige Bestehen der hauseigenen Journalistenschule feiern. Sogar der NRW-Ministerpräsident hat sich angekündigt. Und Stephan Schmitter, CEO RTL Deutschland, auch. Nur, als im vorigen Jahr die ersten Einladungen rausgingen, war das, was viele im Sender als schwärzesten Tag in der RTL-Geschichte beschrieben haben, noch nicht öffentlich: der Abbau von 600 Stellen, allein 230 davon im News-Bereich. Was das für die RTL Journalistenschule bedeutet?

Wie sinnvoll ist es noch, weiter Nachwuchs auszubilden für einen Markt der generell schwindenden Möglichkeiten? Und überhaupt: Wird sich RTL eine eigene journalistische Aus- und Weiterbildungsstätte weiter leisten angesichts verschobener Prioritäten?

Sollten Fragen dieser Art Leonhard Ottinger bedrücken, so lässt er es sich nicht anmerken. Er leitet die RTL Journalistenschule, seit es sie gibt. Mit einem erfrischenden "Moin" heißt er seinen Gast auf Hausbesuch willkommen.

Der für Köln eher untypische Gruß outet Ottinger als "Immi". Und tatsächlich ist er kein geborener Rheinländer, er fühlt sich aber so, wie er beteuert. Bis auf die sieben Jahre bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh, wo er als Projektleiter für Fortbildung im Medienbereich arbeitete, verbrachte er praktisch sein ganzes Leben in Rheinnähe. In Koblenz wuchs er auf, in Bonn studierte er Medienpädagogik und Erwachsenenbildung. Und in Köln bei RTL fand er seinen "Traumjob im Bildungsmanagement".

In der Senderzentrale am Picassoplatz hat der Diplom-Pädagoge auf jeden Fall ein Büro mit traumhafter Aussicht: links der Rhein und geradeaus das rechtsrheinische Epizentrum für Freiluftfestivitäten, Tanzbrunnen genannt. Bei Konzerten kommt es vor, dass Ottinger schon mal länger im Büro bleibt, um bei offenem Fenster zu lauschen. Akustik: 1 a. Nur bald vorbei. Auch am Tanzbrunnen wird restrukturiert, für Ottingers Ohren leider in ungünstige Schallrichtung.

Der allererste Jahrgang der RTL Journalistenschule startete an anderer Kölner Stelle. Nicht in der damaligen RTL-Zentrale an der Aachener Straße (da war kein Platz), auch nicht am Standort Ossendorf (wer will da schon hin), sondern im Mediapark, in unmittelbarer Nachbarschaft von 1Live und der von Sendern wie von Verlagen unabhängigen Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Unterrichtsbeginn: 2. Januar 2001. Von Anfang an dabei: Leonhard Ottinger als Gründungsgeschäftsführer und sein kleines Team.

Leonhard Ottinger © RTL/Winfried von Wilmsdorff
Neben "Otti" (so haben ihn Alumni getauft, aber den Spitznamen hört er nicht gern) sind das: die treue "Jutta" (Assistentin Jutta Lindemann) und der stets sonnengebräunte "Winnie" (RTL-Chefkameramann Winfried von Wilmsdorff mit berühmtem Bruder). Von ihm stammen übrigens die Kamera-Artefakte aus 38 RTL-Jahren, die in Glasvitrinen den Weg zu Ottingers Büro säumen.

Zum Trio neu hinzu kam im Oktober 2024 Simon Hof, der einst bei RTL das Verifikationsteam in den News aufbaute und das Magazin "Extra" leitete. Als Ausbildungsleiter soll er Ottinger im Operativen entlasten, sodass dieser sich auf den deutlichen Ausbau der externen Workshop-Angebote fokussieren kann. Denn die RTL-Rechnung geht so: Je mehr die Schule durch den Arbeitsbereich "externe Weiterbildung" einnimmt, desto weniger muss der Sender zuschießen.

Im so stets gleichbleibenden Budget der Journalistenschule nehmen Exkursionen ins Ausland einen wichtigen und von Schülern heißgeliebten Posten ein. So schwelgen Ehemalige noch heute in Erinnerungen an Disco- und Karaokenächte nach getaner Journalistenarbeit im EU-Betrieb von Brüssel, inklusive eines ausgelassen mitfeiernden Schulleiters. Dieser wiederum erinnert sich besonders gern an die USA-Reisen, an Hintergrundgespräche mit den CNN-Ikonen Wolf Blitzer und Anderson Cooper. Oder an die Begegnung mit jenen CBS-Reportern, deren staubbedeckte Gesichter an Nine Eleven um die Welt gingen und dem Besuch aus Cologne ein halbes Jahr später ihre Erlebnisse in New York schilderten. "Ohne Peters Kloeppels gute Kontakte wäre das so nicht möglich gewesen", sagt Leonhard Ottinger.

Auf die Initiative des ehemaligen USA-Korrespondenten und RTL-Star-Anchors ist überhaupt erst die Gründung der hauseigenen Bildungsstätte zurückzuführen, wie Ottinger erzählt. Die ersten Ideen hätten Kloeppel und sein Chefredakteur Hans Mahr (hier seine "Nahaufnahme") bereits 1999 gewälzt. Beide waren sehr daran interessiert, die Informationskompetenz ihres Senders weiter auszubauen. Nur woher das Personal dafür nehmen?

Klar, RTL hatte Volontäre. Oder man bediente sich bei der AZ Media von André Zalbertus, der als einer der ersten in Deutschland Nachwuchsreporter zu VJs, also Videojournalisten ausbildete. Ein vernünftiges Recruiting-Verfahren gab es aber nicht. Ebenso wenig eine Schule mit Schwerpunkt Fernsehjournalismus. Kloeppel und Mahr waren sich einig: Wir müssen unsere Ausbildung reformieren. Strukturell nahmen sie sich die vom Großverlag Gruner+Jahr eingerichtete Henri-Nannen-Schule in Hamburg zum Vorbild, die Kloeppel selbst absolviert hatte.

10 Jahre RTL Journalistenschule © RTL/Stefan Gregorowius Leonhard Ottinger und Peter Kloeppel beim zehnjährigen Jubiläum der RTL Journalistenschule.

Leonhard Ottinger weiß noch, wie er und der RTL-Chefmoderator einen ganzen Tag bei der damaligen Schulleiterin Ingrid Kolb verbrachten und sich von ihr erklären ließen, was man denn in einer Journalistenschule so macht. Es war der Beginn eines engen Austauschs. Man war ja auch unter dem weiten Konzerndach von Bertelsmann miteinander verbunden. Ein internationales Journalismusprogramm, das sich der Medienriese 2010 zum 175. Geburtstag geschenkt hatte, stemmten beide Schulen über einige Jahre gemeinsam.

Zwei Journalistenschulen im RTL-Kosmos

Und dann kam das Jahr 2022, als RTL Deutschland Gruner +Jahr schluckte samt der Henri-Nannen-Schule und der Kontakt laut Ottinger "noch intensiver und enger" wurde. Seither steht aber auch hartnäckig die Frage im Raum, ob zwei Journalistenschulen im RTL-Kosmos nicht eine zu viel ist. Durch das Restrukturierungsprogramm "Shift 2026" bekommt das Gerücht einer Fusion aus Kostengründen noch einmal mehr Nahrung. Ottinger setzt ihm entschlossen entgegen:

"Wir sind über die Jahre schon vorher näher zusammengerückt, ein Zusammenschluss ist nicht geplant. Es gibt ein klares Bekenntnis von RTL zu beiden Schulen." Sie ergänzten sich wunderbar: "In Hamburg machen wir Text und digital, in Köln Bewegtbild und digital." Wer für "Capital" ein langes Wirtschaftsstück schreiben wolle, würde das in Köln nicht in dem Maße lernen wie bei den Kollegen in Hamburg. Die Hamburger wiederum kommen seit 2024 zu den Kölnern, um Fernsehen zu lernen. Das soll Ottinger zufolge fortgesetzt werden ebenso wie der Austausch von Referenten und die gegenseitige Hilfe mit Praxisstationen.

Nachzutragen ist an dieser Stelle, wie Leonhard Ottinger eigentlich selbst an die RTL-Schule kam.

Es sei klar gewesen, dass der Gründungsdirektor in spe, Peter Kloeppel, über einzelne Seminare hinaus nicht die Zeit haben würde, sich um das Daily Business der Journalistenschule zu kümmern. "Es brauchte eine Doppelspitze", erklärt Ottinger. Und da sich beide von einigen Fortbildungsprojekten kannten, die er bei Bertelsmann organisierte, habe ihn Kloeppel als zweiten, pädagogisch-versierten Geschäftsführer vorgeschlagen.

Auch wenn Leonhard Ottinger von Haus aus kein Journalist ist und es ihn auch nie reizte, selber Redakteur zu sein: Es klang für ihn "total spannend", eine Journalistenschule für Fernsehjournalismus zu gründen und dann auch noch in Köln. "Nichts gegen Gütersloh", lacht er, "aber die Aussicht, nach sieben Jahren Westfalen ins Rheinland zurückzukehren, fand ich sehr attraktiv."

Im August 2000 gab RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler das finale Go zur Schulgründung, pünktlich zur Telemesse, sodass Hans Mahr der versammelten Medienjournalistenschar verkünden konnte: RTL hat jetzt eine Journalistenschule für TV und Multimedia. Kloeppels preisgekrönte Glanzstunden an Nine Eleven standen noch bevor, deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein "Wie bitte?!" durch die Branche hallte: Was will der "Tutti Frutti"-Sender mit Journalismus? Das verhält sich doch wie schwarze Milch, das gibt es nicht, das schließt sich aus.

Absolventen arbeiten auch bei ARD und ZDF

"Das hat schon damals gut zusammengepasst und es passt über die Jahre immer noch", kontert Schulleiter Ottinger die anfänglichen Vorbehalte. Natürlich habe es vor 25 Jahren noch keine Erfahrung gegeben, was die Absolventen der RTL Journalistenschule tatsächlich taugen. "Dass wir eine gute Ausbildung anbieten, sprach sich dann aber schnell rum."

Mächtig stolz ist er, dass vom ersten Jahrgang gleich fünf Abgänger bei den Öffentlich-Rechtlichen unterkamen, darunter der aktuelle ARD-Peking-Korrespondent Jörg Endriss. Und als mit Wolf-Christian Ulrich und Daniel Bröckerhoff zwei Absolventen eines Jahrgangs beim ZDF landeten, Ulrich beim "MoMa" und Bröckerhoff bei "heute+", ließ Ottinger bei der Vorstellung seiner Schule gerne einfließen: "Beim ZDF können Sie mit Alumni von uns morgens aufstehen und abends ins Bett gehen."

Leonhard Ottinger © RTL/Winfried von Wilmsdorff
Externe Anerkennung ist dem Schulleiter nach wie vor wichtig. Insbesondere die Wege über den Rhein zum WDR sind für seine Alumni kurz – was eigentlich nicht im Sinne der Schulerfinder sein dürfte. RTL Deutschland steckt schließlich (einschließlich des 10-Prozent-Mitgesellschafters Landesmedienanstalt NRW) einiges an Geld in Ausbildung und Gehalt der Schüler. Doch Ottinger zufolge war der Anspruch von vornherein, für den Markt insgesamt und nicht für den Eigenbedarf allein auszubilden. Eine Übernahmegarantie könne man schließlich nicht geben. Eine Verpflichtung, im Haus zu bleiben, gebe es ebenso wenig.

Knapp zwei Drittel von den letzten sieben Jahrgängen taten es doch. Ottinger betont aus Controller-Sicht den Return on Investment: Die Schüler produzieren während der zweijährigen Ausbildung jede Menge Content. Und: Sie bringen frische Ideen ein. Sein Lieblingsbeispiel: das Format "ntv Faktenfinder", in einem Innovationsworkshop an der Schule entstanden und von einer Absolventin moderiert. Summa summarum, schließt Ottinger fast schon staatstragend: "Mit der Ausbildung von Journalisten erfüllen wir auch einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag – unabhängig davon, wo die Absolventen das erlernte journalistische Handwerk nachher einsetzen."

Diese Rechnung schien ja auch tatsächlich lange so aufzugehen – bis zum 2. Dezember 2025, als die Geschäftsführung von RTL-Deutschland in einem internen "Business Update" mit der 2021 begonnen Informationsoffensive endgültig und brachial brach.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich unter den 230 Journalistinnen und Journalisten, die RTL News verlassen müssen, auch Alumni und Trainer der Journalistenschule befinden. Zumal Ottinger & Co. den Turnus zum Einstieg in die Schule 2022 von zwei Jahren auf jährlich umgestellt hatten (was im Bewerbungsverfahren ab Frühjahr 2027 wieder zurückgenommen wird). Die vielen neuen Stellen damals im Haus, ob bei "Stern TV am Sonntag" und "Team Wallraff" in Köln oder bei "RTL Direkt" in Berlin, mussten besetzt werden. Und nun?

Weil Fristen im Anspracheprogramm noch ausstehen, will sich Ottinger zum laufenden Verfahren nicht äußern. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass ihn die aktuellen Entwicklungen mindestens genauso bekümmern wie Katja Burkard.

So teilte die RTL-Mittagsmoderatorin (und Nicht-Alumni) unlängst Untergangsfantasien im Plauder-Podcast von Bettina Böttinger, was viel Wirbel auslöste, allerdings wegen einer anderen getätigten und dann zurückgezogenen Aussage. Burkard sagte also, dass Journalismus für sie zwar "nach wie vor der tollste Beruf" sei und sie niemanden bremsen würde, ihn zu ergreifen, aber: "Heute kannst du Kindern nicht mehr raten, Journalistin zu werden, weil der Beruf leider nicht mehr die Perspektiven bietet. Und mit KI, ach, furchtbar! Guck dir mal an, wo Leute überall entlassen werden."

Was bringt die Zukunft?

So apodiktisch von diesem bei allen Schwierigkeiten noch immer "sehr vielfältigen und sehr erfüllenden Beruf" abzuraten, findet Leonhard Ottinger "nicht richtig". Zweitens ist er fest davon überzeugt, "dass unabhängiger, gut gemachter Journalismus in einer funktionierenden Demokratie weiterhin gebraucht und sein Publikum finden wird."

Aber braucht RTL dafür wirklich noch eine eigene Journalistenschule?

Ottinger versucht mit Verve, Zweifel ausräumen: Bei RTL News arbeiteten "auch zukünftig noch rund 1.300 Journalisten", es gebe "reichlich Bedarf und Fläche, um mit 15, 18, 20 Journalistenschülern eine Ausbildung zu gestalten", insbesondere für YouTube. Schon im Jahr der Finanzkrise 2008, als es überall und auch bei RTL zu Einsparungen kam (zur Filmmesse nach Cannes fahren nur noch zwei und nicht mehr fünf oder bitte keine Print-Abos mehr, reicht auch digital), sei die Schule "nicht angekratzt" worden. Lehrplan und USA-Exkursionen, alles weiter möglich. "Und das ist bis heute so."

Aus dem Bekenntnis von RTL News-Geschäftsführer Martin Gradl (übrigens ein Absolvent des ersten Jahrgangs), dass der Nachrichtenbereich von RTL "immer Garant für unabhängigen Journalismus sein wird und es dafür auch langfristig journalistischen Nachwuchs braucht", liest Bildungsmanager Ottinger eine Garantie für seine Schule ab: Wir werden weiter gebraucht. Das Ausbildungsprogramm bleibe "im Kern unangetastet".

Gut, höchstens Trumps restriktive Einwanderungspolitik könnte die RTL-Bildungsreisenden vom nächsten Flug in die Staaten abhalten. Man werde sich genau anschauen, wie die Midterm Elections ablaufen und wenn im Sommer Heerscharen von Fußballfans und Reportern ins Land wollen, und dann im September entscheiden.

Bis dahin intensiviert Leonhard Ottinger aber erstmal die Vorbereitungen für die große Geburtstagssause. Es gibt noch viel zu organisieren, unter anderem soll auch die Website der Journalistenschule einen neuen Look bekommen. Auf die Schlussfrage, ob es auch noch in 25 Jahren etwas zu feiern gibt, antwortet er mit einem Lachen: "Ich bin 61. Dann lebe ich doch gar nicht mehr. Oder ich erlebe die Feier mit Rollator."

Im Ernst fährt er fort, dass er sich auf jeden Fall sicher ist: "Es wird auch in 25 Jahren einen Beruf geben, der mit der Zusammenstellung und Vermittlung von Informationen zu tun hat und das überwiegend von Menschen gemacht und nicht von Maschinen. Vielleicht braucht es dann aber dafür keinen Kamera-Workshop mehr, weil wir eh alle Kontaktlinsen tragen, die Bilder machen? Und es muss auch keiner schreiben können, weil alles sprachgesteuert ist?"

Tja, wer weiß das schon. Leonhard Ottinger glaubt jedenfalls zu wissen: "Es wird eine 50-Jahr-Feier geben von einer Einrichtung, die im Jahr 2000 als RTL Journalistenschule gegründet wurde."