Wenn am 3. September Prime Video und Amazon MGM Studios in Berlin kommende Highlights enthüllen, wird eine Person fehlen, die das Geschäft mit deutschen Eigenproduktionen beim US-Streamer maßgeblich in Gang gesetzt hat: Philip Pratt. Mit einem "Es ist Zeit für mich zu sagen: ,Das war‘s auf Amazon!" verabschiedete sich der Head of German Originals Anfang August auf LinkedIn Knall auf Fall in eine noch unbekannte Zukunft. Kurz darauf wurde bekannt, dass eine weitere Führungskraft (die dritte in nur neun Monaten) das Unternehmen verlässt – was absolut berechtigte Fragen aufwirft:
Was ist los bei Amazon? Wer bestimmt künftig den Kurs? Und was hat das möglicherweise für Folgen für diejenigen kreativen Köpfe im Haus, die für Entertainment abseits des internen Personaldramas sorgen sollen? Also etwa für Petra Hengge?
Die Kölnerin hebt und senkt bei Amazon MGM Studios den Daumen, welcher Stoff die Chance bekommt, sich in eine Serien-Produktion zu verwandeln – und welcher trotz aller Arbeit, die bereits darin steckt, nicht weiterkommt. Philipp Pratt holte Hengge als Leiterin Deutsche Originals Serie im Sommer 2021 von RTL, wo sie Fiction-Redakteurin war. Nun ist er weg.
Spoiler: Auch bei RTL kam Hengge ihr Chef, Fiction-Leiter Philipp Steffens, der sie einst eingestellt hatte, abhanden. Man könnte sagen: Hengge hat Übung darin, wenn der Vorgesetzte plötzlich nicht mehr da ist.
Ob sie schon weiß, welche aufregenden Zeiten bei Amazon anstehen? Die prompte Zusage für unser Gespräch, das wir Ende Juli führen, und die ansteckende Fröhlichkeit, die aus ihren Augen und ihrer wohligen Erzählstimme blitzt, lassen vermuten: eher nein.
Wenige Tage zuvor ist Petra Hengge von Dreharbeiten in Luzern zurückgekehrt. Während Prime Video mit Tennis in Wimbledon der Fußball-WM trotzt und hauseigene Rekorde einfährt, ist die Abteilung Fiction (neben Hengge gehören Julia Nisslein, die in den kommenden Monaten von Thomas Kren vertreten wird, und Yakira Traub dazu), in diesem Sommer nicht untätig geblieben.
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Und, wie läuft’s am Set? Alles soweit zur Zufriedenheit? Petra Hengge lächelt und schweigt. Sie lässt sich immerhin entlocken, dass sie schon überlegten, mit der zweiten Staffel, sollte sie denn kommen, in den Winter zu gehen, weil es dann einfacher sein dürfte, Hotels als Drehorte zu bekommen – "sofern sie nicht in Skigebieten liegen".
Dass "Superior" das nächste große Seriending Made in Germany wird, würde Hengge vermutlich nicht so absolut formulieren. Dafür weiß sie nach einem Vierteljahrhundert on the job zu gut, dass sich Erfolg nicht erzwingen lässt. Man könne die bestmöglichen Zutaten zusammenbringen: ein tolles Autorenteam, besondere Regie, starke Locations und vor allem den richtigen Cast. "Am Ende rührt man den Zauberpott um und baut darauf, dass eine Magie entsteht, die die Menschen begeistert."
Sie selbst muss aus beruflichen Gründen natürlich viele Serien sichten, "um zu wissen, wo der Hype ist und warum er da ist." Bleibt sie gleich über mehrere Staffeln dran, dann ist diese eben beschriebene Magie im Spiel. Dann vergisst der private Mensch Petra Hengge, rechts und links zu schauen, wie die Serie gemacht wurde, lässt sich von der Story und den Figuren mitreißen. Zuletzt erging es ihr so bei der kanadischen Serie "Heated Rivalry" von HBO Max.
Gefragt, ob die Story um zwei schwule Eishockey-Profis auch gut zu Amazon gepasst hätte, antwortet Hengge lachend, das sei eine der großen Fragen, die man sich stellt, wenn ein Hit woanders läuft. "Hätten wir vermutet, dass die Geschichte eine solche Breite entwickeln kann? Ich glaube, die Macher von ,Heated Rivalry‘ selbst waren von diesem Erfolg überrascht." Daran sehe man einmal mehr, dass sich das Publikum nicht unbedingt zu Hundertprozent mit den Hauptfiguren, ihrer Situation oder ihrer sexuellen Orientierung identifizieren müsse, um emotional mitzugehen. "Es geht um Anziehung, um Liebe, um die Suche danach – Themen, bei denen viele andocken können."
Und genau das sei das Schöne an ihrem Beruf: "Manchmal entwickeln Geschichten eine ganz eigene Kraft, mit der niemand gerechnet hat. Bei ,Maxton Hall‘ war es ähnlich."
Nun arbeitet Petra Hengge, die Anfang der 1990er in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studierte, inzwischen für einen der datengetriebensten Konzerne der Welt – und betont dennoch das Unberechenbare. Wie es zu diesem interessanten Widerspruch kommt?
Daten, erklärt die Serien-Chefin, nutzten sie bei Amazon vor allem, um das eigene Bauchgefühl und die Erfahrung zu überprüfen. Am Anfang stehe immer der persönliche Zugang. Ein Stoff müsse sie berühren, neugierig machen, zum Lachen oder Weinen bringen. "Daten ersetzen nicht die eigene Kreativität, sie können sie aber besser machen." Wer ausschließlich aus Daten schöpfe, produziere zwangsläufig "more of the same", denn es handle sich immer um eine Betrachtung der Vergangenheit.
Ergo: "Maxton Hall", das im Dezember in die dritte und letzte Staffel geht, hätte es in dieser Logik nicht geben können – weil es den Erfolg von "Maxton Hall" zuvor nicht gab.
"Maxton Hall" mit KI? Nicht möglich
Der Algorithmus sei nicht ihr Chef, beteuert Hengge und hofft zugleich, dass es "noch ein bisschen so bleibt". Auch bei Künstlicher Intelligenz ist sie vorsichtig. Bei "Maxton Hall" sei praktisch keine KI zum Einsatz gekommen, bei "Superior" derzeit ebenfalls kaum. In der Postproduktion werde bei einigen Projekten experimentiert. Aber gerade bei Serien sei die Konsistenz über mehrere Episoden hinweg eine Herausforderung. Und vor allem müsse man sich fragen, ob die Ergebnisse den eigenen Qualitätsstandards entsprächen.
Hengge glaubt nicht daran, dass KI die kreative Arbeit in absehbarer Zeit ersetzen wird. Die Fiktion brauche neben dem Bekannten immer etwas Neues: einen Twist, eine neue Figur, einen eigenen Ton. Das Beste entstehe durch das Zusammenspiel vieler Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven einbringen und einer Geschichte ihren eigenen "Feenstaub" hinzufügen.
Das klingt beinahe altmodisch. Und dürfte die vielen Kreativen da draußen erleichtern, nicht wahr?
Küntliche Intelligenz war noch kein Thema, als Petra Hengge während des Studiums bei der ENA-Film zu jobben anfing. 1998 ging sie zu CreaTV, Hans Meisers Joint-Venture mit RTL, das stark war mit Daily-Talk, daneben aber auch Movies wie "Gesteinigt – Der Tod der Luxuslady" (RTL) oder "Absturz in die Todeszone" (ProSieben) herstellte. In dieser exquisiten Movie-Abteilung lernte Hengge das Handwerk des Produzierens, entwickelte erste eigene Stoffe und absolvierte parallel an der Filmschule Köln eine Ausbildung in International Producing. Als ihr damaliger Chef Wolfgang Schulte sich 2003 mit der Transatlantic Filmhouse AG selbstständig machte, ging sie mit, blieb aber nicht lang.
Für die nächsten zehn Jahre wandte sie sich vom Privatfernsehen ab und arbeitete als freie Dramaturgin und Script Consultant (in der Bürogemeinschaft "die drehbuchlotsen" mit Sebastian Stobbe) sowie als Producerin (für die Neue Mediopolis Köln) vor allem fürs Programmkino. Ihr größter Erfolg: die deutsch-französische Co-Produktion "Tournée" von Mathieu Amalric, 2010 u.a. in Cannes für Beste Regie ausgezeichnet.
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Der Wechsel zu RTL war dann "ein Kulturschock", aber genau der, den sie gesucht habe: "Plötzlich war Mainstream das Maß aller Dinge."
Vom Arthouse-Kino zu RTL
Mit "Magda macht das schon", ihrer ersten Comedy-Serie, landete Hengge einen Publikumsknaller, obwohl das Thema Altenpflege "nicht besonders sexy" ist: "Seien wir ehrlich: Alt werden und gepflegt werden müssen – es gibt kaum ein deprimierenderes Thema! Das als Comedy mit einer gewissen Leichtigkeit und etwas Hoffnungsvollem zu erzählen, steht für das, was ich machen möchte: Menschen unterhalten. Immer mit einer klaren Aussage und Haltung, aber ohne den Zuschauer:innen das Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist."
Als 2021 dann das Angebot von Amazon für die neu eingerichtete Stelle als deutsche Serienchefin kam, hatte sich bei RTL vieles verändert, nicht nur personell. Hengge nahm eine wachsende Unsicherheit wahr: sinkende Quoten, sinkende Werbeeinnahmen. Amazon bot dagegen: ein neues Medium mit dem Willen, auf bis dato unbekanntem Terrain zu wachsen, ein globales Publikum und die Möglichkeit, deutsche Geschichten über den deutschen Fernsehtellerrand hinaus zu erzählen. Sie wollte wissen, ob deutsche Fiction international mithalten kann.
"Maxton Hall" hat diese Frage inzwischen ziemlich eindeutig beantwortet.
Ein Selbstläufer war das Projekt, das Hengge als bereits eingekaufte IP zum Einstieg vorfand, bei weitem nicht. Beim Greenlight habe es noch viel Gegenwind gegeben. Romance, Young Adult, das gab es im Portfolio von Prime Video praktisch nicht. Rückenwind brachte noch während des Drehs der Erfolg des spanischen Films "Mea Culpa". Seither gilt in Hengges Abteilung und Worten: "Wir lieben es, eskapistische Welten zu schaffen, in die man sich hineinträumen kann." Die tristen, unsicheren Zeiten verlangten geradezu danach.
Die Strategie dahinter formulierte Hengge bereits im Sommer 2024 im DWDL-Interview: Es soll im Genre-Mix mehr in Richtung "Popcorn-Entertainment" gehen. Also: mehr Mainstream statt Nische, mehr "Maxton Hall" statt "Der Greif" oder "Luden". Ob Amazon USA nach "Maxton Hall" finanziell mehr springen lässt? Hengge lächelt: "Über unsere Budgets reden wir nicht."
"Wir lieben es, eskapistische Welten zu schaffen, in die man sich hineinträumen kann"
Dass Geld natürlich hilft für mehr Production Value, bestreitet sie nicht. Wie gut eine Serie wird, hänge aber vor allem vom Storytelling, vom Schauspiel und von der Inszenierung ab. Gerade bei den begrenzten deutschen Budgets müsse man gezielt arbeiten: ein schöner Look, starke Geschichten, ein paar "Money Shots", die am Anfang Aufmerksamkeit erzeugen. "Danach muss die Geschichte tragen."
Und vielleicht ist das auch der Kern dessen, was Petra Hengge aus zwei sehr unterschiedlichen Welten bei Amazon zusammenbringt. Aus der Arthouse-Zeit hat sie die Überzeugung mitgenommen, dass eine Geschichte etwas Eigenes haben muss. Aus dem Mainstream-Fernsehen die Erkenntnis, dass sie trotzdem jemanden erreichen sollte – und im Idealfall ein Publikum, das nicht nur in Deutschland sitzt.
Niemand in Los Angeles verlange allerdings von ihr, auf Biegen und Brechen einen internationalen Hit zu produzieren. Es gelte: "Exceptional Entertainment for Germany and the world – aber Germany comes first", sagt Hengge in astreinem Denglisch. Mitsprache bei neuen Projekten gibt es durchaus.
In der US-Zentrale werden Drehbücher gelesen, Notes gegeben; die Kollegen kämen auf Set-Besuch wie zuletzt bei "Superior" in Luzern. Hengge findet das beruhigend und nicht störend zu wissen, dass man "noch einmal den Qualitätsstempel aus den USA bekommt". Bestimmte Regeln gelten ohnehin, etwa bei Zielgruppen, Altersfreigaben und der internationalen Ausstrahlbarkeit. Dass die kulturellen Unterschiede dabei manchmal sichtbar werden, nimmt Hengge mit "viel gesundem Menschenverstand". In Deutschland reagiere man sensibler auf Gewalt, in den USA stärker auf sexuellen Content. Eine Einschränkung empfinde sie darin nicht.
(Na, da darf man ja gespannt sein, wie "sexy" die angekündigte Erotik-Dramedy "Friends Sex and Games" tatsächlich wird.)
Thriller und Action im Fokus
Überhaupt scheint sich Petra Hengge im globalen Amazon-Kosmos nach wie vor sehr wohlzufühlen. Bei internationalen Summits trifft sie Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern. Ein Event in Mumbai ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Ihr indisches Pendant habe mit ähnlichen Fragestellungen zu tun, aber unter völlig anderen kulturellen Rahmenbedingungen. Religionen, Sprachen und gesellschaftliche Sensibilitäten spielten dort eine viel größere Rolle. Und auch die Genres unterschieden sich: In Indien sind Crime und Thriller viel stärker vertreten, "oft deutlich härter als das, was wir aus Deutschland heraus erzählen."
In die Richtung Thriller und Action will übrigens auch sie (nach der Erfahrung mit der Sebastian-Fitzek-Verfilmung "Die Therapie") ihre Fühler ausstrecken. "Spoiler", sagt Petra Hengge, "wir suchen gerade aktiv, aber es gibt noch nichts, was ich verkünden kann."
So, das war der Stand, als wir uns Ende Juli verabschiedeten. Und nun? Was macht der "Management-Exodus" bei Amazon Deutschland mit ihr? Auf Nachfrage teilt die Serien-Chefin in dieser Woche mit:
An der Struktur bei Amazon MGM Studios habe sich nichts geändert, und die Stellen würden nachbesetzt werden. "Wir sind ein eingespieltes, gut aufgestelltes Team in Deutschland mit einer klaren inhaltlichen Strategie." Daran werde sich nichts ändern, "auch wenn wir ein paar Aufgaben umverteilen".
Das lassen wir als Cliffhanger einfach mal so stehen.
von