Wenn heute Abend im Ersten Gereon Rath und Charlotte Ritter ein letztes Mal aufbrechen, um im Berlin der 1930er Jahre auf Verbrecherjagd zu gehen und im Moka Efti den Totentanz der Weimarer Republik zu tanzen, könnte sich eine Frau in der ARD eigentlich entspannt zurücklehnen und das Finale nach zehnjähriger Produktionsanstrengung triumphierend genießen: „Pah, damals habt ihr mich alle für verrückt erklärt, das wird nichts, das endet im Desaster – und jetzt geht’s in die fünfte Staffel von ,Babylon Berlin‘.“
Vielleicht tut Christine Strobl das tatsächlich. Doch Zufriedenheit scheint nicht ihr Ding zu sein – wenn diese Anekdote über die ARD-Programmdirektorin stimmt: „Bist du happy, Christine?“, wurde sie auf der Berlinale einmal gefragt. Ihre Antwort: „Das ist ein Zustand, den ich nie erreichen werde.“
Wer sie persönlich trifft, sollte sich also auf eine Gesprächspartnerin einstellen, die hohe Ansprüche stellt, an sich selbst und an ihr Gegenüber. Sie gilt als schnell und schnell ungeduldig, wenn es ihr nicht zügig genug vorangeht. Wer nicht mit ihrem Tempo mithält, kann sie dem Vernehmen nach schon einmal unentspannt erleben.
Doch dann sitzt man ihr gegenüber und erlebt eine andere Seite.
Es ist Strobls zweiter Arbeitstag nach dem Sommerurlaub, in dem sie noch mehr Energie getankt hat, als man ihr ohnehin nachsagt. Unverschämterweise habe sie die zwei Wochen an der Nordsee sehr genossen, sagt sie, fast als müsse sie sich dafür entschuldigen, eine Arbeitspause eingelegt zu haben. Sie schenkt aufmerksam Wasser nach und wartet gespannt, aber nicht ohne Skepsis auf die Fragen.
Das Savoy in Köln, wo die „Babylon Berlin“-Crew wochenlang ihr Quartier aufschlug (wo auch sonst?), war ihre Wahl – und ist zugleich der ideale Ort, um nicht nur auf die aus damaliger Sicht revolutionäre Entstehung dieses Serienprojekts der Superlative zurückzuschauen. Sondern auch zu ergründen:
© ARD/Jens Koch
Das Bild gefällt ihr nicht, „total aus der Zeit gefallen“. Und Direktoren und Intendanten seien auch keine „Landesfürsten“, sondern „Kolleginnen und Kollegen, die ihr Geschäft verstehen“ – und die sie trotzdem im Sinne der notwendigen Veränderungen auch immer gewinnen müsse. „Diese dann umzusetzen, hat weniger mit Hierarchie als mit Überzeugung zu tun.“
Nun ist die Leitung der ARD-Programmdirektion politisch einer der heikelsten Jobs im Senderverbund, prestigeträchtig, aber mitunter undankbar, weil man auf die Mitwirkung der Landesrundfunkanstalten angewiesen ist. Es reißen sich nicht viele darum. Christine Strobl offenbar schon. Die Überzeugungstäterin, die sich selbst gern als „Kind der ARD“ bezeichnet, hat ihren Vertrag zum 1. Mai um weitere fünf Jahre verlängert – wieder mit der klaren Ansage: „Ich will gestalten und verändern, ich gebe keine Ruhe.“
Das klingt nach einer Nervensäge, findet Strobl allerdings zu hart: „Ich bin hartnäckig, nicht nur leidenschaftlich – und vielleicht macht mich das manchmal nervig. Aber bei allem, was man sich vornimmt, muss man den eigenen Plan immer wieder überprüfen. Manchmal ist er richtig, aber die Zeit noch nicht reif. Manchmal stimmt nur der Gedanke dahinter. Und manchmal muss man etwas ausprobieren, um zu merken: In meiner Wahrnehmung ist das richtig, aber es interessiert niemanden. Dann legt man einen Gedanken eben wieder weg.“
Bei „Babylon Berlin“ stimmte der Gedanke. Strobls Hartnäckigkeit und Bereitschaft, vor allem auch gegen Widerstände in diversen ARD-Gremien anzurennen, zahlten sich aus. Und genau darin liegt für sie bis heute der Reiz ihres Jobs. Sie habe immer wieder erlebt: „Wenn man eine gute Idee hat und die richtigen Leute zusammenbringt, die einander vertrauen, kann und muss man mutig sein.“
Als „Babylon Berlin“ vor mehr als zehn Jahren Gestalt annahm, war Christine Strobl Geschäftsführerin der ARD-Produktionstochter Degeto und Volker Herres ARD-Programmdirektor. Der 90-Minüter galt noch als Königsdisziplin des Fernsehens, die ARD nicht gerade als Medienhaus mit Serienkompetenz auf internationalem Niveau. Aber die Streamer waren bereits am Start. Es gab die Bücher von Volker Kutscher, die X-Filme hollywoodreif verfilmen wollten. Und es gab eben eine Produzentin mit großem fiktionalem Herz und einer Vision. Was fehlte, war das Geld.
„Die erste Revolution war, sich ein solches Projekt überhaupt zuzutrauen“, erinnert sich Christine Strobl. „Die zweite war, es nicht allein stemmen zu wollen, sondern einen Partner zu finden, dem wir auch noch die Erstveröffentlichung zugestehen.“
Wie bitte? „GEZ-Millionen für diese Sky-Serie, aber Gebühren-Zahler dürfen sie erst in einem Jahr sehen?“, wütete „Bild“ in der Nacht vor der Weltpremiere im Berliner Ensemble. Premierengäste erinnern sich an eine sichtlich angefasste Christine Strobl, die unter Druck gegenüber der Boulevardzeitung argumentierte, dass die rund 40 Millionen Euro für die damals teuerste deutsche Serie aller Zeiten zur Hälfte aus dem Ausland kämen.
"Es muss das Richtige zum Richtigen finden."
Sky Deutschland macht inzwischen bekanntlich keine Fiction mehr. Für die fünfte und letzte Staffel „Babylon Berlin“, die dennoch alte Rekorde schlägt (ein Drittel Kosten mehr pro Sendeminute), mussten die ARD-Anstalten mehr in den Klingelbeutel stecken, bekamen aber auch Fördermittel etwa vom Land NRW. Vor allem aber ist der damalige Tabubruch heute kaum noch als solcher vorstellbar. Die Grenzen zwischen Öffentlich-Rechtlichen, Privatsendern und Streamingplattformen sind längst durchlässiger geworden. ARD und ZDF auf Joyn, auf Netflix? Kein Problem.
Und trotzdem fehlt der große Nachfolger.
„Wenn Sie wüssten, wie sehr mich das Thema Kooperation im Alltag beschäftigt“, sagt Strobl, und man meint, einen Seufzer herauszuhören. „Nicht nur, weil der Reformstaatsvertrag es vorgibt, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass wir eher mehr als weniger kooperieren müssen, um angesichts der Fragmentierung der Gesellschaft und knapper werdender Mittel relevant zu bleiben und Bindung zu schaffen.“
Deshalb baue die ARD Kooperationen auf vielen Ebenen aus: mit dem ZDF etwa wieder bei der Tour de France und bald auch in der Unterhaltung (hören wir die Sektkorken an Silvester knallen?), mit Magenta beim Fußball und mit wem auch immer beim ESC (die Gespräche mit RTL sind laut Strobl „nie abgerissen, aber vielleicht fällt uns auch ein ganz anderer Partner ein“, um ihren „Traum einer Art nationaler Vorentscheid“ zu erfüllen). Auch in der Fiktion seien sie mit Streamern „an diversen Projekten dran“, spoilert Strobl, alle „noch nicht verkündungsreif“.
Entscheidend sei: „Es muss das Richtige zum Richtigen finden.“ Das gelte auch beim Thema Windowing, da hat Strobl ihre lessons learned aus „Babylon Berlin“: „Wenn wir viel Geld in eine Produktion investieren, wollen wir sie natürlich auch entsprechend früh in der Mediathek zeigen können.“ Die fünfte Staffel steht seit 10. September zum Stream bereit. Der Sog scheint ungebrochen. Hier die frischen Zahlen: vor der linearen Ausstrahlung fast fünf Millionen Abrufe, inklusive der begleitenden Doku; rund elf Millionen Abrufe bei den alten Folgen seit 24. Juli.
Dieses Prinzip hat Strobl zuletzt auf ein anderes teures Prestigeprodukt übertragen: den „Tatort“. Charlotte Lindholms Ermittlungen vorigen Sonntag in einer Klinik für Demenzkranke standen vorab zum Stream bereit. Um das „Experiment mit Hintergedanken“ (siehe DWDL.de) bewerten zu können, ist es noch zu früh. Aber die Ideengeberin und Antreiberin sieht auf Nachfrage „erste Signale in die richtige Richtung“. Mit der Vorabpremiere könne die ARD einen zusätzlichen Mehrwert bieten, „ohne dass das Lagerfeuer am Sonntag kleiner wird“. Am ersten Wochenende habe die angemeldete Nutzung in der Mediathek zehn Prozent über der Vorwoche gelegen.
"Von zehn Sachen dürfen neun scheitern, wenn eine ans Ziel kommt."
Das zeigt einmal mehr: Christine Strobl denkt weniger in den alten Kategorien von Sendeplätzen und Zuständigkeiten als in Portfolios, Plattformen und Nutzerinteressen. Sie will, dass sich die ARD von ihrem linearen Denken löst. Und zwar hopp hopp.
Als sie 2021, mitten in der Corona-Zeit, das Amt von Volker Herres übernahm, kam sie mit ebenso viel Reformeifer und Tschingarassabumm, wie sie es zuvor bei der in die Finanz- und Sinnkrise geratenen Degeto an den Tag gelegt hatte. Sie kürzte als erstes den „Weltspiegel“ und politische Magazine, aber nicht, weil sie deren Themen nicht mehr wollte, sondern anders erzählt, denn junge Menschen schauten ihrer Meinung nach keine achtminütigen Magazinbeiträge mehr zu einer vorgegebenen Uhrzeit im klassischen Fernsehen.
Ihr Plan, eine Talkshow gegen Markus Lanz zu positionieren, ging ebenso wenig auf wie die Verlängerung der „Tagesschau“ auf 30 Minuten. Und dass Thilo Mischke doch nicht Moderator von „ttt“ wurde und im Misserfolg alle auf sie zeigten? „Das ist im Gehalt drin, das gehört zum Job“, entgegnet Strobl trocken. Ihr Vorstoß, dem ARD-Publikum das Genre Reality nicht vorzuenthalten und es in eine positive, öffentlich-rechtliche Form zu übersetzen, scheint wiederum aufzugehen: Deutscher Fernsehpreis für „Werwölfe“ und zweite Staffel ab 24. September. „Den Dschungel überlasse ich aber gerne weiterhin Inga Leschek“, ergänzt sie lachend.
Nicht alles gelinge und natürlich werde nicht jede Idee von allen geteilt. Die ARD sei da „nicht immer ein Eldorado der Freude“. Aber toll findet sie an ihr: „Es finden sich immer wieder Menschen, die Lust haben mitzumachen.“ Ein bisschen mehr amerikanisches Denken wünscht sie sich dann doch: „Von zehn Sachen dürfen neun scheitern, wenn eine ans Ziel kommt.“
Wechsel in die Politik? Ausgeschlossen
Der Amerika-Bezug kommt nicht von ungefähr. Als Jugendliche besuchte Christine Strobl eine private Highschool in Norfolk, Virginia, bevor sie dann ihren Abschluss in Offenburg machte und anschließend Jura in Freiburg studierte. Ihre jüngere Schwester, Juliane Schäuble, ist als US-Korrespondentin für „Die Zeit“ tätig. Und, ach ja, haben wir schon erwähnt, dass ihr Vater Wolfgang Schäuble ist und ihr Mann Thomas Strobl?
Es gibt kaum ein Porträt, das ohne diese biografische Randnotiz auskommt. Auf die Frage, ob ihr beruflicher Weg ohne diese familiäre Konstellation anders verlaufen wäre, antwortet sie: „Wenn Sie damit meinen, ob ich dann vielleicht in der Politik gelandet wäre: Das war für mich immer ausgeschlossen, auch wenn mich die Politik in der Beobachtung immer fasziniert.“
Mehrfach war Christine Strobl als Intendantin im Gespräch, zuerst beim SWR, ihrem Heimatsender, wohin die Volljuristin 1999 als Trainee kam und es bis zur Fernsehspielchefin brachte. Doch sie zog sich selbst aus dem Rennen um die Nachfolge von Peter Boudgoust zurück. Das gehöre sich so, als Frau des Innenministers von Baden-Württemberg – was Thomas Strobl inzwischen nicht mehr ist. Ihm zuliebe zog sie, die im südbadischen Gengenbach aufwuchs, 1993 nach Heilbronn. In diesem Juli feierten sie dort in einer großen Sause 30. Hochzeitstag. In der Käthchenstadt ist Christine Strobl längst keine „Reingeschmeckte“ mehr. Sie wohnt direkt am Neckar, joggt dort, paddelt auf dem Board. Wenn es der Terminkalender zulässt.
© ARD/Jens Koch
Und sie ist, wie gesagt, schnell. Ihre Ungeduld bestreitet Strobl nicht. Schnelligkeit sei für sie zwar kein Wert an sich – am Ende müsse das Ergebnis gut sein. Aber: „Drei Momente am Tag gibt es garantiert, in denen ich denke: Das muss jetzt aber schneller gehen.“ Andererseits: Die ARD sei gar nicht so langsam wie ihr Ruf. Gerade bei der Mediathek habe sich in drei Jahren enorm viel verändert. Fast 20 Prozent aus dem linearen Budget flössen inzwischen dorthin. „Wenn der große Tanker ARD einmal Fahrt aufnimmt, ist er enorm wirkmächtig.“ Ihre Aufgabe als ARD-Programmdirektorin begreift sie als „strategische Portfolioarbeit mit klarem Steuerungsanspruch“.
Manche in der ARD sollen angeblich dagegenhalten, wenn Strobl stärker steuern will. Es heißt sogar, sie habe sich mit ihrer unbändigen Energie Gesprächskanäle auf Direktoren- und Intendanten-Ebene versperrt. Das mag nur Gerede sein, das darauf fußt, dass Strobl auf dieser Hierarchiebene trotz Diversity-Beschwörungen noch immer eine der wenigen Führungsfrauen ist.
Dass sie völlig richtig an die Reformsache rangeht im Sinne von: Es gibt nur eine ARD und nicht neun – das dürfte unbestreitbar sein, oder?
Ihre bisherige Bilanz lässt sich übrigens nicht allein an Einzelprojekten wie „Babylon Berlin“ oder "Werwölfe" bemessen. Sie hat die ARD-Programmdirektion umgebaut, Koordinationsstellen zusammengeführt und damit einige der Einfallstore abgeschafft, die das Programm nicht unbedingt besser gemacht hatten. Wohin mit einer Dokumentation über Religion? Zur Koordination Religion oder zur Koordination Doku? Solche Fragen sollen künftig einfacher beantwortet werden. Im Zentrum stehen fünf Genres: Information, Unterhaltung, Fiktion, Sport und Doku.
Aus der Abteilung Sport stehen in der Lobby des Savoy bereits parat fürs gemeinsame Abendessen: Koordinator Axel Balkausky und WDR-Sportchef Karl Valks. Eine halbe Stunde länger als geplant hat unser Gespräch gedauert. Bevor Christine Strobl mit Laptop unterm Arm zu den wartenden Herren eilt, beantwortet sie gerne die große Frage, was sie sich bis zum Amtsende 2031 noch vorgenommen hat.
Früher habe es gereicht, ein gutes Programm zu machen, holt sie aus. Heute müsse man sich in einer zunehmend fragmentierten Welt Gedanken über Distribution machen. „Dabei haben wir etwas, das ein hohes Gut ist: unsere Bindungskraft. Es ist ein großes Geschenk, dass die Menschen uns bei aller berechtigten Kritik immer noch in einem so großen Maß vertrauen. Dieses Vertrauen auch 2031 noch zu haben und wirksam für die Themen und Geschichten, die wir im Sinne unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags erzählen wollen, einsetzen zu können – das ist mein großes Ziel.“
Dann also bitte gerne weiter keine Ruhe geben, Frau Strobl.
von