Erst vor wenigen Tagen ist eine neue Studie über Sichtbarkeit und Vielfalt im Fernsehen veröffentlicht worden. Und auch wenn Frauen in gewissen Bereichen inzwischen deutlich häufiger zu sehen sind als in der Vergangenheit, bleiben die Baustellen in anderen Bereichen groß. Ganz zu schweigen von anderen Vielfaltskriterien wie der Sexualität, Herkunft und Behinderungen. Hier ist das Ergebnis ernüchternd: Der Weg in eine vielfältige Darstellung von Menschen im Fernsehen wird ein langer sein

Gerade für die Fernsehbranche, in der sich viele selbst gern als tolerant und weltoffen beschreiben, sind durch die Studie eklatante Versäumnisse offengelegt worden. Zwar sind sich alle einig, dass man den eingeschlagenen Weg fortsetzen werde, doch um echte Vielfalt auf den Bildschirmen zu gewährleisten, wird es wohl noch dauern. Dazu trägt auch der Fachkräftemangel bei, über den wir an anderer Stelle schon einmal berichtet haben. Immer wieder heißt es in Gesprächen: Diversity schön und gut, aber wir mussten die Stelle X am besten schon gestern besetzen. Und so wird genommen, wer schnell verfügbar ist - und das Thema Diversity rückt plötzlich in den Hintergrund.

Katja Bäuerle © UFA Katja Bäuerle
Offiziell will das aber niemand sagen. Auf die Frage von DWDL.de, inwieweit auf Diversity-Kriterien Rücksicht genommen werden kann, wenn innerhalb von kurzer Zeit ein Job zu besetzen ist, reagieren einige Personalverantwortlichen regelrecht pikiert. "Auf Diversity-Kriterien Rücksicht nehmen zu müssen ist hier nicht das Thema", sagt Katja Bäuerle, Creative Responsibility Managerin bei der UFA. Man sei kein gemeinnütziger Verein. "Es ist für uns absolut unternehmerisch notwendig ein vielfältigeres Team zu werden." Neue und andere Perspektiven auf bestimmte Inhalte würden die eigene Relevanz "und unser Überleben" sichern, so Bäuerle. Sie ist bei der Produktionsfirma Teil eines "Diversity Circle". Darin sitzen auch Kolleginnen und Kollegen, die für unterschiedliche Themenbereiche sprechen.

"Mehraufwand kompromisslos auf uns nehmen"

Katrin Menig © Bavaria Film Katrin Menig
Katrin Menig, Senior Manager Employee Experience & Culture Innovation bei Bavaria Film, sagt sogar, dass die Beachtung von Diversity-Kriterien Stellenbesetzungen beschleunigen würde. "Durch eine inklusive Sprache steigt die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber, und durch das Aufbrechen unbewusster Denkmuster fallen Bewerbungen nicht durch subjektive Screening-Raster." Sollte es tatsächlich vorkommen, dass es nach einem Bewerbungsverfahren kein diverses Team gebe, setze man auf "Active Sourcing" - also eine direkte Ansprache von potenziellen Interessentinnen und Interessenten. Und Alexandra Delvenakiotis, Vice President Corporate Communications bei Sky, sagt, dass mangelnde Zeit kein Argument sein könne. "Wir müssen diesen Mehraufwand kompromisslos auf uns nehmen. Schließlich wollen wir die besten Kandidaten für uns gewinnen. Darüber hinaus geht es auch um eine positive Positionierung unseres strategischen Personalmanagements sowie dem Aufbau einer diversen Kandidaten-Pipeline." 

Beim RBB steht Diversity seit diesem Jahr in den Unternehmenszielen. Wie viele andere Unternehmen auch hat sich der Sender der Charta der Vielfalt verpflichtet und bekennt sich so zu Vielfalt in den eigenen Reihen. Im ARD-Verbund ist der RBB in Vielfaltsfragen auch deshalb so wichtig, weil beim Sender von Intendantin Patricia Schlesinger alle Fäden zusammenlaufen. So hat man ein senderübergreifendes Diversitäts-Board geschaffen, in dem Entscheiderinnen und Entscheider aus Programm, Produktion und Personalmanagement vertreten sind. Der RBB selbst setzt nach eigenen Angaben auf interne Diskussionsangebote und regelmäßige Berichterstattung im Intranet über entsprechende Themen. Hinzu kommen Schulungen und Fortbildungsmaßnahmen. 

Wie wird Vielfalt eigentlich gemessen?

Doch wie wird eigentlich die Vielfalt in den verschiedenen Unternehmen gemessen? Das ist mitunter gar nicht so leicht zu beantworten, aus der deutschen Historie heraus ist es etwa unüblich, bestimmte Merkmale wie die ethnische Herkunft abzufragen. Sehr breit besprochen ist mittlerweile die Frauenquote, die im RBB bei 49,7 Prozent liegt, bei Personen in Leitungsfunktionen liegt sie geringfügig niedriger (49,4 Prozent). Darüber hinaus erfasst der RBB eine Schwerbehindertenquote und hat im vergangenen Sommer alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu aufgerufen, an einer freiwilligen und anonymen Umfrage zu verschiedenen Vielfalts-Aspekten teilzunehmen. 

Auch bei Bavaria Film führe man regelmäßig Employer-Branding-Umfragen durch, sagt Katrin Menig. "Aussagen wie ‘Wir sind ein offenes und tolerantes Unternehmen’ oder ‘Vom Anzugträger bis Paradiesvogel – bei uns darf jeder sein wie er ist’ erfahren dabei große Zustimmung." Und Katja Bäuerle, Creative Responsibility Managerin bei der UFA, sagt gegenüber DWDL.de, dass das Unternehmen in diesem Jahr damit beginne, die Vielfalt der Charaktere in UFA-Produktionen vor der Kamera zu erfassen. "Hinter der Kamera ist eine Messung hinsichtlich vieler Diversity-Dimensionen ja nur mittels anonymer und freiwilliger Angaben möglich. Solche Umfragen planen wir aktuell noch nicht." Sky nutzt derweil ein sogenanntes "Diversity Dashboard", um zu schauen, ob die angestrebte Vielfalt auch tatsächlich dem Praxistest standhält. Ein ähnliches Tool entwickelt derzeit auch der RBB (DWDL.de berichtete). "Aber Diversity geht noch viel weiter. Insbesondere der kulturelle Faktor eines inklusiven Umfeldes, in dem jeder und jede er/sie selbst sein kann und unterschiedliche Meinungen bewusst gefördert werden, ist essenziell", so Sky-Unternehmenssprecherin Delvenakiotis.

"Wir sind als Branche in puncto Diversität sicherlich noch nicht am Ziel angekommen – sowohl vor als auch hinter der Kamera nicht."
Katrin Menig von Bavaria Film

Katja Bäuerle erklärt, die UFA versuche in der persönlichen Ansprache und der Adressierung inklusiver zu sein. "Bei der UFA haben wir unsere Stellenausschreibungen mit dem Ziel überarbeitet, eine möglichst größere, vielfältigere Gruppe an interessierten Talenten anzusprechen." So stelle man infrage, ob frühere Kriterien, wie etwa Bildungsabschlüsse, heute tatsächlich notwendig sind in Stellenausschreibungen. Darüber hinaus stellt sich die Produktionsfirma auf "spitzeren Plattformen" vor, neben Online-Datenbanken und Messen etwa auch bei EDI Jobs, einer Plattform für diverse Arbeitgeber oder auch bei MyAbility, einer Plattform für Menschen mit Behinderung. 

Mitarbeiter werden in Sachen Diversity geschult 

Alexandra Delvenakiotis © Sky Alexandra Delvenakiotis
"Unsere Mitarbeitenden im Recruiting sind zum Thema Diversity geschult und unterstützen die Führungskräfte aktiv darin, vielfältige Kandidaten zu interviewen und bei der Einstellung auf die Diversität ihres jeweiligen Teams zu achten", so Alexandra Delvenakiotis von Sky. Und in höheren Führungspositionen nutze das Unternehmen das Prinzip einer ausgewogenen Kandidatenliste für eine engere Auswahl. Katrin Menig sagt, bei Bavaria Film sensibilisiere man alle an einem Recruiting-Prozess Beteiligte. Etwa durch Unconscious Bias-Trainings, um sich eventueller, unbewusster Denkmuster bewusst zu werden - "und ihnen entgegenzutreten", so Menig. 

Der RBB verweist neben entsprechenden Formulierungen in Stellenausschreibungen auch auf seine Sommerakademie, die den Sender vielfältiger machen soll. Seit 2017 erhalten darin jeweils 10 bis 12 junge Menschen mit "Einwanderungsbiografie, Migrationshintergrund oder interkultureller Sensibilität" Einblicke in den öffentlich-rechtlichen Journalismus. Dafür kooperiert der RBB mit der electronic media school. Darüber hinaus arbeitet man mit verschiedenen Vereinen und Initiativen zusammen, so unterstützt der RBB das Mentoring-Programm "Wege in den Journalismus" der Neuen Deutschen Medienmacher*innen.

Aufmerksamkeit ja, aber jetzt muss auch was passieren

Das alles zeigt schon: Viele Unternehmen, und vor allem die Personalabteilungen, sind sich der Wichtigkeit des Themas bewusst. Doch wie weit ist die Branche in Sachen Diversity nun tatsächlich? Hier sieht die Realität nüchtern aus, das räumen auch die von DWDL.de befragten Unternehmen ein. "Wir sind als Branche in puncto Diversität sicherlich noch nicht am Ziel angekommen – sowohl vor als auch hinter der Kamera nicht", sagt Katrin Menig von Bavaria Film. Grundsätzlich könne man aber sagen, dass Medienschaffende in der Regel "sehr weltoffen und diversen Gruppen gegenüber sehr aufgeschlossen sind". Daher sei die Branche schon weiter als andere. 

"Die Branche ist bemüht", lautet das Fazit von Katja Bäuerle, Creative Responsibility Managerin der UFA. "Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat begonnen, es gibt viele Absichtserklärungen und Ideen, auch von uns." Nun gehe es darum zu schauen, was passiere, wenn Kolleginnen und Kollegen, die man an den Tisch einlade, dort nicht nur sitzen, sondern auch mitbestimmen wollen. "Wie reagiert eine vermeintliche Mehrheit an besagtem Tisch dann?". Werden Personen in Führungspositionen tatsächlich einen Schritt zurück machen, um schon heute einen Unterschied zu machen und diverse Teams zu gewährleisten? Auch das wird eine spannende Frage der Zukunft. "Vor uns liegt ein sehr weiter Weg, aber es ist gut, dass wir jetzt alle zumindest mal losgelaufen sind. Und stehenbleiben werden wir nicht mehr", sagt Bäuerle.