Rosenberg, Mieze, Prince Kay One, Bohlen: Die Jury der elften 'DSDS'-Staffel © RTL / Stefan Gregorowius
Vorurteil der Woche

Ist "Deutschland sucht den Superstar" wirklich am Ende?

 

Im vorigen Jahr sah es so aus als müsste RTL sich etwas völlig Neues einfallen lassen, um den Zuschauerschwund bei DSDS aufzuhalten. Das war wohl ein Irrtum. Die neue Staffel ist die bravste seit langem – und die Kandidaten blamieren sich wieder ohne fremde Hilfe.

von Peer Schader
25.01.2014 - 10:05 Uhr

Vorurteil der Woche: "Deutschland sucht den Superstar" ist am Ende.

* * *

Ein Dreivierteljahr ist es her, dass RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger im "Spiegel" ankündigte, mal ordentlich am Rad drehen zu wollen. Die Quoten von "Deutschland sucht den Superstar" hatten zuvor fast wöchentlich neue Tiefs erreicht, und Sänger verteilte mutig klingende Reformankündigungen: "Aufgrund des Lebenszyklus des Formates reicht es nach zehn Jahren nicht mehr, an kleinen Rädchen zu drehen. Wir müssen drastischer sein, am großen Rad drehen." Dabei könne "eine ganz neue Dramaturgie" entstehen, "oder sogar ein neues Format".

Am Ende ist es aber doch bloß die elfte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" geworden.

Rosenberg, Mieze, Prince Kay One, Bohlen: Die Jury der elften 'DSDS'-Staffel© RTL / Stefan Gregorowius

Seit drei Wochen zeigt RTL die neuen Castings (bei rtlnow.de ansehen), und die angekündigten Veränderungen haben sich darin besser versteckt als ein in Flecktarn gehülltes Chamäleon. Sicher: Die Platzwarmhalter-Pöstchen neben Jurypräsident Dieter Bohlen sind neu besetzt worden; vor den Auftritten müssen die Bewerber nun durch einen Blinklichttunnel mit Winkefenster gehen, um einen "Jury-Joker" auszuwählen; und im Netz haben die Zuschauer eine Kandidatin direkt in den Recall wählen können. Aber das Rädchen hat RTL damit nicht neu erfunden. Im Gegenteil: Anstatt DSDS von Grund auf zu renovieren, hat der Sender die Show einfach nass durchwischen lassen, ein paar Korrekturen aus den vergangenen Jahren wieder rausgemoppt und die Flecken an den Wänden überpinselt.

Das war offensichtlich eine goldrichtige Entscheidung: Nach einem schwachen Start haben zuletzt wieder über 5 Millionen Menschen eingeschaltet. Und das, obwohl DSDS ganz und gar nicht mehr so "groß, laut, schrill und geil" ist, wie Moderatorin Nazan Eckes aus dem Off behaupten muss. Sondern pure Gewohnheit.

Der jetzige Erfolg ist vor allem deshalb erstaunlich, weil die Drastik der Kandidatendresche, in die sich die Show zuvor hineingesteigert hatte, inzwischen komplett fehlt. Früher wären der angehende Anlagenmechaniker, der es wagt, "My heart will go on" zu heulen, der brasilianische Schamane und die wirre Frau mit der Flatterstimme, dem "Stimmungsring" und der Gollum-Tanzperformance noch an Ort und Stelle in Grund und Boden gerammt worden. Spätestens durch das Spezialeffekt-Feuerwerk in der Nachbearbeitung. Inzwischen dürfen sogar übergewichtige Bewerber wieder zum Vorsingen, ohne dass das Bild künstlich zum Beben gebracht wird.

Im elften Jahr von "Deutschland sucht den Superstar" müssen sich die Kandidaten wieder alleine blamieren. Und Dieter Bohlen bedankt sich nachher sogar noch artig: "War nett, dich kennengelernt zu haben." Oder lobt: "Du bist so wie du bist. Nix ändern, ok?"

Vielleicht ist Bohlens Rolle in der Show sogar die drastischste Neuerung: Anstatt den Medien einmal mehr Material für Bildergalerien mit den "fiesesten Sprüchen" zu liefern, hat der "Poptitan" eine höflich-kritische Onkelhaftigkeit für sich entdeckt, bei der es zu den härtesten Urteilen gehört, wenn ein Auftritt "so schick wie 'ne Fischvergiftung" war.

Eher verstärkt hat sich hingegen der Jury-Chauvinismus, für den Bohlen mit seinem neuen Pultnachbarn Prince Kay One einen Nebenbohler gefunden hat: "Wenn die Brüste gut sind, isse weiter", hat der Rapper bereits zu Beginn der Staffel die entscheidungsrelevanten Kriterien seiner Juryarbeit auf den Punkt gebracht – und den DSDS-Senior dabei sofort auf seiner Seite gehabt ("Meine Ohren gehen eben manchmal durch die Augen").

Da hilft's auch nicht, wenn Mia-Sängerin Mieze mit ihrer ganzen Ninahagenhaftigkeit und die hinters Jurypult verirrte Marianne Rosenberg kritisch rüberschielen – am Ende sind die beiden Männer sich ja eh einig: "Arsch top, Stimme scheiße – aber weil wir nicht 'The Voice' sind, kriegst du ein 'Ja'."

Dass in dieser an Empörungsexplosionen nicht gerade armen Zeit nicht mal mehr eine Miniwutwelle durch die sozialen Medien schwappt, um diese Doppelportion Gockelhaftigkeit zu geißeln, zeigt bloß, dass DSDS ein für alle Mal im Mainstream-Mittelmaß angekommen ist. Die Sendung ist längst nicht mehr das, "worüber morgen alle reden" (Eckes), sondern die "Lindenstraße" der Castingshows: Sie geht halt einfach nicht mehr weg. Die Luft ist raus, die Spannung auch, und Bohlen schimpft nicht mehr so dolle. Die Leute schalten trotzdem wieder ein, weil sonst nichts Besseres läuft.

"DSDS ist am Ende", warb RTL vor dem Start der aktuellen Staffel in großen Anzeigen, und löste das vermeintliche Eingeständnis darunter mit dem kleingedruckten Zusatz auf: "...immer eine wahnsinnige Show".

Der zweite Teil der Behauptung ist gelogen, der erste längst Realität – und bald kommt's drauf an, was passiert, wenn die nächste große Casting-Konkurrenz aus dem eigenen Haus da ist. Aber das ist ja aus Sicht des Senders lange noch kein Grund, mit DSDS nicht trotzdem die nächsten 15 Jahre weiterzumachen.

Das Vorurteil: stimmt.

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