Vorurteil der Woche

Hat ZDFneo sein "TVLab" bedeutungslos geschrumpft?

von Peer Schader
23.08.2014 - 10:27 Uhr

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Knapp anderthalb Stunden erübrigt ZDFneo in diesem Jahr noch für sein "TVLab" im Programm. Von Experiementierleidenschaft lässt sich da kaum noch reden. Die Idee ist nach wie vor gut, hat sich aber nicht durchgesetzt. Zeit für einen Schlussstrich?

Vorurteil der Woche: Das "TVLab" ist für ZDFneo ein unverzichtbarer Bestandteil der stetigen Programmerneuerung.

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Was für eine großartige Idee! Eine Woche lang legt sich das Fernsehen ins Zeug, sein Publikum jeden Abend mit einer neuen, außergewöhnlichen Idee zu überraschen, und am Ende dürfen die Zuschauer wählen, was davon in Serie geht. "TVLab" heißt der Versuch, den der niederländische Sender NPO 3 seit 2009 jährlich im Programm unternimmt, und es wäre höchste Zeit, dass auch das deutsch... – ach, Moment mal.

Wir haben ja längst unser eigenes "TVLab". Bei ZDFneo. Die großartige Idee interessiert in Deutschland bloß kaum noch jemanden.

Dabei passte es ganz gut, als der kleine ZDF-Ableger 2009 erstmals abstimmen ließe, welche der – tatsächlich sehr unterschiedlichen – Programmideen das Publikum am liebsten wiedersehen würde. Am Ende gewann Youtube-Star Tedros "Teddy" Teclebrhan, der zwei Staffeln seiner "Teddy's Show" produzieren durfte, bevor sich Internet und Fernsehen wieder auseinander gelebt hatten. Doch das Versprechen war gehalten. Außerdem durfte das Mitbewerber-Kinomagazin "Moviacs" eine Ehrenrunde durchs Programm drehen, Sarah Kuttners ebenfalls fortgesetztes Gesellschaftsmagazin "Bambule" ist ZDFneo sogar bis heute erhalten geblieben.

Seitdem ging's mit dem "TVLab" rasant bergab. Im zweiten Jahr strich der Sender nicht nur die Moderationen radikal zusammen, sondern verzichtete auch auf  die Gespräche mit den Machern über die Entstehung ihrer Idee. Statt zehn waren nur noch sieben Sendungen im Rennen. Im vierten Jahr beschränkt sich ZDFneo nun auf drei Tests, allesamt Pilotfolgen für eine erste eigene Serie, die am Donnerstag ab 21.45 Uhr in einem Rutsch weggesendet werden (und seit Freitag im Netz angesehen werden können).

Vom "TVLab" ist eine nicht ganz anderthalbstündige Restexperimentierfreudigkeit geblieben – und fast kann man das dem Sender nicht verübeln. Weil sich der Nutzen bisher in Grenzen hielt. Und oft nicht das originellste Format gewinnt. Sondern das, dessen Macher ihre Follower auf Facebook und Twitter am effektivsten mobilisieren. Das ist nicht schlimm. Im vergangenen Jahr führte das allerdings dazu, dass ZDFneo am Ende des "TVLab" mit "Tohuwabohu" als Gewinner dastand – einer hübschen Sendung für Kinder.

Anstatt diese an den Kika weiterzureichen, produzierte ZDFneo vier Folgen eines Formats, das den Verantwortlichen weder ins Programm, noch in die Zielgruppe gepasst haben muss. Und das deshalb im Sommer samstags um 13 Uhr weggezeigt wurde. Einen großen Kreativwettbewerb hätte es dafür nun wirklich nicht gebraucht.

Jetzt ist Sense
© ZDF/Bernd Spauke

Dieses Jahr soll alles anders werden. In Mainz ist man voll und ganz darauf eingestellt, endlich zu zeigen, dass ZDFneo auch junge Serien kann. Die drei Bewerber mühen sich, vor allem mit originellen Grundkonstellationen zu überzeigen: In "Jetzt ist Sense" heftet sich Der Tod (gespielt vom sympathischen Antoine Monot Jr., der seinen Staatsanwalt-Anzug aus "Ein Fall für Zwei" gleich anbehalten konnte) einem Schlüsseldienstmitarbeiter an die Fersen, damit der ihm hilft, seine Kundschaft einzusammeln: "Los geht's, wir müssen noch 'ne Fähre kriegen." Und Schlüsseldienstler Andi meckert, weil er als einziger die Toten sehen kann: "Die Leute halten mich für 'nen Spinner, der Selbstgespräche führt!" – während die Kamera Andi allein im Zimmer zeigt, wie er (scheinbar) Selbstgespräche führt. Ulkig.

Alibi Agentur
© ZDF/Claudius Pflug

Die "Alibi-Agentur" erfindet Ausreden für Fremde, damit die ihre Liebschaften vor der Gattin verheimlichen können, kann sich aber nicht entscheiden, ob sie lieber tragisch oder komisch wäre. Beides zusammen wirkt merkwürdig unentschieden.

Blockbustaz
© ZDF/Bennet Switala

Der dritte Bewerber, "Blockbustaz", hält sich nicht mit sonderlich vielschichtigen Charakteren auf, sondern zeigt Eko Fresh als arbeitslosen Daheimwohnrapper, der mit Kumpel Ferris MC, seinem "Spastifreund", in der Platte rumhängt, Stress mit der Mama hat und zum ersten Mal mit der Freundin zusammenzieht. Das Lustigste daran ist die Moderatorenstimme, die in der ersten Szene aus dem schrecklichen Formatradio plappert: "Eine Stunde noch zur Mittagspause. Und was gibt's eigentlich bei euch in der Kantine? Janine aus Erkelenz hat angerufen. Bei denen gibt's heute Kartoffelgratin und eine toskanische Gemüsesuppe."

Ein paar gute Gags pro Pilot reichen leider nicht aus, um nachher einen der drei Tests mit Leidenschaft in die Verlängerung zu wählen – zumal aus Sicht der Zuschauer überhaupt nicht klar wird, was sie in weiteren Folgen erwarten könnte. Noch mehr flache Witze über "Ghost"-DVD-Ausleihe in der Bibliothek bei "Jetzt ist Sense"? Noch mehr schlechtlauniges Chefgemecker in der "Alibi-Agentur"? Und bei "Blockbustaz" holt Hauptprotagonist Sol dann als nächstes seinen Führerschein nach? Hm.

Dem Gewinner ist zu wünschen, dass er die Kurve noch kriegt, und vor allem nicht zu einer kuriosen Nichtsendezeit im Programm laufen muss. Womöglich ist es an der Zeit, das Experiment "TVLab" bei ZDFneo nach dieser Wahl vorerst zu beenden.

Das heißt ja nicht, dass der Sender nichts mehr wagen soll – ganz im Gegenteil: Mit dem Anspruch, den ZDFneo zum Start mal hatte (und vom Intendanten immer noch zugesprochen bekommt), müsste eigentlich permanent Ausprobierwoche sein. Ohne dass dafür auf einen Tag im Jahr gewartet werden müsste, an dem das sprichwörtlich Programm ist.

Das Vorurteil: stimmt nicht. 

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