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Meine Woche in Serie

"Star Trek: Discovery": Wie weit kann man gehen?

 

Die neue "Star Trek: Discovery" zeigt, wie schwierig es sein kann, an alte Serien anzuknüpfen. Gerade bei Kultobjekten wie den "Star Trek"-Serien ist die Gefahr sehr groß, hartgesottene Fans zu verschrecken. Ein schmaler Grat, findet unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
30.09.2017 - 10:40 Uhr

"Der Weltraum - unendliche Weiten." Ich liebe diese vier Wörter. Ich könnte tagelang ununterbrochen "Star Trek: The Next Generation" gucken und wäre glücklich. Und jedes Mal wieder würden diese vier Wörter zu Beginn jeder Folge eine leichte Gänsehaut erzeugen. Doch ich bin weder Trekker noch Trekkie, also kein Hardcore-Fan von "Star Trek" - ich habe kein Spezialwissen zu Uniformen, einzelnen Begebenheiten oder den Raumschiffen, ich kann kein Klingonisch. In meinem Schrank hängt auch keine Star-Trek-Uniform. Doch ich liebe diese Serie und genauso liebe ich Captain Jean-Luc Picard. Mit James T. Kirk konnte ich zwar nicht viel anfangen, habe die Folgen von "Raumschiff Enterprise" dennoch gerne geschaut. Und auch "Deep Space Nine" fand ich richtig gut. Mit "Voyager" bin ich nicht warm geworden, warum, weiß ich gar nicht mehr. "Enterprise" hat mich enttäuscht, und mehr als ein paar Folgen habe ich davon nicht gesehen. 

Kommen wir zur neuesten Serie aus dem "Star Trek"-Universum: "Discovery". Die ersten zwei Folgen habe ich so schnell es geht angeschaut - ich mochte die Figuren (allen voran Michael Burnham, gespielt von Sonequa Martin-Green), die für "Star Trek" ungewohnt düstere Stimmung, die fantastischen Bilder. Vermutlich wird für mich der Montag jetzt zum "Discovery"-Tag, entsprechend der Veröffentlichung auf Netflix Deutschland. Aber: Diese beiden Episoden fühlten sich für mich nicht wie "Star Trek" an. Was jetzt grundsätzlich kein Problem ist, weil ich gut gemachte Serien schätze. Aber wie mag das eingefleischteren "Star Trek"-Fans gehen? Wie kommen die zum Beispiel damit klar, dass die Klingonen anders aussehen - auf mich wirkten sie fast wie eine eigene Rasse, so wenig erinnerten sie mich an die Klingonen, die ich im Kopf hatte. Es ist ein schmaler Grat, der hier beschritten werden musste: Sie konnten nicht aussehen wie Lieutenant Worf in "The Next Generation", dann hätte die Serie gestrig und altbacken wirken können. Also mussten sie verändert werden. Aber wie stark kann man das machen, ohne Fans zu verschrecken? Und ist man hier bei den Klingonen vielleicht sogar zu weit gegangen?

Was für die prägende außerirdische Rasse der Klingonen gilt, gilt natürlich ebenso für die Serie als Ganzes: Wer zu viel Neues riskiert, verliert Fans. Aber wer zu sehr beim Alten bleibt, hinkt hinter den rasanten Entwicklungen her, die Serien im Allgemeinen in den vergangenen Jahren genommen haben - und verschreckt auf lange Sicht vermutlich ebenso viele Fans. Ich würde nicht weiterschauen, wenn "Discovery" nicht meinen Ansprüchen an hochwertig gemachte Serien genügen würde. Das "Star Trek"-Gefühl ist für mich in dem Fall zweitranging. (Allerdings kann es gut sein, dass sich dieses Gefühl noch einstellt im Laufe der nächsten Folgen - ich hoffe darauf.)

Ich habe mich tatsächlich sehr darüber gefreut, dass man es bei CBS gewagt hat, sich weiter von den Vorgängern zu entfernen als bei anderen Serien, die in letzter Zeit neu aufgelegt wurden (wenn auch nicht so weit, wie Fuller das gerne gehabt hätte, wie er im Juli "Entertainment Weekly" gesagt hat). Theoretisch hätte es ja auch sein können, dass man sich dafür entscheidet, es wie bei "Full House" und "Fuller House" zu handhaben - um jetzt mal ein Extrembeispiel zu nennen. Also: Im selben Stil die Geschichten bereits bekannter Figuren weiterzuerzählen. Entsprechend erleichtert war ich, als bekannt wurde, dass Bryan Fuller die neue "Star Trek"-Serie aufsetzen würde. Bryan Fuller, der so starke Serien wie "Pushing Daisies", "Hannibal" oder "American Gods" erschaffen hat und als Drehbuchautor für "Deep Space Nine" und "Voyager" gearbeitet hat. Selbst als er als Showrunner ausgestiegen ist, war ich guter Hoffnung, dass das Projekt bereits so weit fortgeschritten war, dass nicht mehr alles Bryan-Fuller-Artige zurückdrehbar sein würde. Ich war mir also bis zum Einschalten am Montagabend ziemlich sicher, dass ich hier kein "Fuller House" à la "Star Trek" erleben würde. Wobei ich überhaupt nichts dagegen hätte, bekannte Gesichter wiederzusehen - und wenn irgendwann Captain Picard auftauchen würde, wäre ich natürlich aus dem Häuschen. 

Jetzt finde ich es spannend zu beobachten, wie sich die Serie entwickelt und ob sich irgendwann das "Star Trek"-Gefühl bei mir einstellt. Besonders interessant ist vor diesem Hintergrund: Offenbar sind die ersten beiden Folgen eher als Prequel zur dritten Folge zu sehen, was die dritte Folge zum eigentlichen Piloten macht. Das erklärte Showrunner Aaron Harberts in der Begleitsendung "After Trek" (ja, natürlich habe ich die auch angeschaut), die nach Episode 1 und 2 veröffentlicht wurde. Gerade bei "Star Trek"-Serien war es bisher schwierig, vom Piloten auf die gesamte Serie zu schließen - hätte ich die Figur Captain Picard nicht von der ersten Sekunde an ins Herz geschlossen, hätte ich nach der Pilot-Doppelfolge von "The Next Generation" vielleicht gar nicht weitergeschaut. (Dan Seitz von der US-Popkultur-Seite "Uproxx" hat dazu eine interessante Analyse geschrieben.) Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Vielleicht hat Michael Burnham sogar Picard-Potenzial für mich, obwohl sie so ganz andere Charakterzüge aufweist. Hach, ist das aufregend!  

Und zum Schluss noch ein Hörtipp und ein paar Gucktipps: 

Im DWDL.de-Podcast "Seriendialoge" geht's diese Woche um einen deutschen Klassiker: "Familie Heinz Becker". Eine Comedy-Serie über eine saarländische Familie, die vor mehr als 20 Jahren bundesweit Erfolg hatte. Und die Weihnachtsfolge gehört bei einigen Familien immer noch zu den Feiertagen dazu. 

Terror in Dänemark: Eine U-Bahn in Kopenhagen wird überfallen, die Täter nehmen Passagiere als Geiseln und halten sie unter der Erde gefangen. Sie fordern Lösegeld vom Staat, doch der will nicht zahlen. Gleichzeitig arbeitet die Terror-Einheit daran, die Geiseln zu befreien. Geschichten wie solche gibt es seit ein paar Jahren im Fernsehen zuhauf. Doch die dänische Serie "Countdown Copenhagen" macht das anders als von "24" oder "Homeland" gewohnt: Denn die Geschichte wird überraschend zurückhaltend erzählt, was eine bedrückende Stimmung schafft und die wenigen Action-Szenen umso eindrücklicher macht. Die acht Episoden folgen den acht Tagen der Geiselnahme. Sehenswert! Die ersten beiden Folgen der ersten Staffel von "Countdown Copenhagen" ("Gidseltagningen" im Original, der internationale Titel lautet "Below the Surface") liefen im Februar auf der Berlinale. ZDFneo hat die dänische Serie mitproduziert, sie ist dort ab 6. Oktober um 23.15 Uhr an acht aufeinanderfolgenden Abenden zu sehen, alle Folgen sind ab 6. Oktober um 20.15 Uhr in der ZDF-Mediathek abrufbar.
DWDL.de hat die Serie im Sommer vorgestellt, zur ausführlichen Kritik geht's hier

Verstörend und ausgezeichnet: "The Handmaid's Tale - Der Report der Magd", die Serien-Adaption von Margaret Atwoods dystopischem Roman, startet am 4. Oktober in Deutschland - und zwar bei T-Entertain. Acht Emmys hat die Serie bei der Preisverleihung vor knapp zwei Wochen bekommen, darunter auch in den Kategorien "Beste Serie" und "Beste Hauptdarstellerin".
Christian Fahrenbach hat einen ausführlichen Text über die Serie für DWDL.de geschrieben: "Was man über 'The Handmaid's Tale' wissen sollte".

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"Star Trek: Discovery": Neue Folgen gibt's wöchentlich montags auf Netflix.

"After Trek": Neue Folgen gibt's wöchentlich montags auf Netflix.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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