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Meine Woche in Serie

Für mich ist "The Handmaid's Tale" kaum auszuhalten

 

Die mit mehreren Emmys ausgezeichnete Serie "The Handmaid's Tale" ist nun auch in Deutschland zu sehen. Die Buch-Vorlage hat unserer Kolumnistin Ulrike Klode schlaflose Nächte beschert. Doch sie schaut sich auch die Serie an, obwohl die Geschichte für sie schlimmer ist als jede Horrorserie.

von Ulrike Klode
07.10.2017 - 10:25 Uhr

Bitte gucken Sie "The Handmaid's Tale - Der Report der Magd". Oder lesen Sie das Buch von Margaret Atwood. Denn die Geschichte, obwohl schon 1985 erschienen, ist hochaktuell. Sie zeigt, wie schnell sich eine Gesellschaft radikal verändern kann - und wie schleichend die Veränderungen sind, wie wenig man davon am Anfang mitbekommt. Bis es zu spät ist. Und sie macht klar: Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen. Wir müssen unsere Freiheit und unsere Werte verteidigen.

Ich habe diesen Text mit dem Satz überschrieben: "Für mich ist 'The Handmaid's Tale' kaum auszuhalten". Jetzt könnte man zwischen dem ersten Absatz und diesem Satz einen Widerspruch vermuten. Doch: Nein, da ist kein Widerspruch. Gerade weil die Serie beziehungsweise die Geschichte so hochaktuell und relevant ist, kann ich sie nur schwer ertragen. Gleichzeitig ist es wichtig, das auszuhalten. Weshalb ich mich jetzt schon zum dritten Mal damit konfrontiere. 

In den 90ern habe ich das Buch zum ersten Mal gelesen. Eine Zeit, in der ich Bücher verschlungen habe und immer neuen Lesestoff brauchte. In der ich zwar die Geschehnisse in den Büchern an mich heranließ, mich mitreißen ließ von den Geschichten - aber das Gelesene wenig Nachhall fand, sobald ich ein Buch beendet hatte. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mein Leben zu erkunden, meinen Platz zu finden. Ich machte gerade Abitur, musste mich entscheiden, was ich danach machen wollte. Mein Leben war gut, ich hatte viel vor, Deutschland war seit ein paar Jahren wiedervereinigt - und ich hatte wenig Anlass, mir darüber Gedanken zu machen, dass die Freiheit und Sicherheit, die ich genoss, fragil sein könnte. Ich las Atwoods Buch, es bewegte mich, aber es war für mich eine ferne Welt, die mit meiner nichts zu tun hatte.

Ich habe mich geändert und mit mir haben sich die Zeiten geändert. Ich habe einen Platz gefunden, habe eine kleine Tochter. Und ich sehe, dass mein freies Leben und das freie Leben meiner Tochter, wenn sie heranwächst, älter wird, auf eigenen Füßen stehen wird, nicht mehr selbstverständlich ist. Der Aufstieg Trumps hat mir vor Augen geführt, wie sich innerhalb von nur wenigen Monaten die Umstände ändern können. Nicht nur Trump: Auch die konservativen Kräfte, die in Europa und in Deutschland am Werk sind, getrieben von AfD und Konsorten. (Zum Weiterlesen nur ein paar Beispiele: 100-Tage-Bilanz, wie Trump die Frauenrechte einschränken will - ein Text über Trumps Frauenfeindlichkeit - ein Text über die Frauenfeindlichkeit der AfD - der Amnesty-Bericht 2017 zur Lage in Ungarn - ein Text über die geplante Justizreform in Polen.) Margaret Atwood selbst hat im Frühjahr in der "New York Times" in einem Essay beschrieben, warum ihr Buch unter Trumps Präsidentschaft relevanter denn je ist. 

Als ich im Frühjahr das Buch "The Handmaid's Tale" erneut in die Hand nahm - davon inspiriert, dass in den USA die Serie startete -, war ich also eine ganz andere Frau als noch in den 90ern. Und es hat mich erschüttert, obwohl ich die Geschichte ja bereits kannte und manche Szenen auch noch sehr lebhaft vor Augen hatte. Doch im Grunde war das, was ich nun las, für mich eine komplett andere Geschichte, die mir so nahe ging wie bisher kein anderes Buch. Ich litt mit der Hauptfigur, die im Buch keinen eigenen Namen haben darf, als Gebärmaschine in einer religiösen Diktatur missbraucht wird. Ich weinte für sie. Und sobald ich das Buch beiseite legte, beschäftigte ich mich mit den politischen Veränderungen in den USA, insbesondere denjenigen, die die Rechte und die Gesundheit von Frauen bedrohen. Ich hatte also eine schlaflose Nacht nach der anderen. Sobald ich das Buch ausgelesen hatte, konnte ich wieder besser schlafen. Doch was sich nicht geändert hat: Ich bin empfänglich und empfindsam für kleine Veränderungen, versuche Zeichen wahrzunehmen, zu deuten. (Hoffentlich ohne paranoid zu werden.) Und denke darüber nach, was ich selbst dagegen tun kann, dass rechte Kräfte unsere Freiheit einschränken wollen. 

Nun ist die Serie endlich auch in Deutschland zu sehen. (Schade, dass sie dadurch, dass sie nur in einem Streamingdienst verfügbar ist, deutlich weniger Menschen erreicht.) Und ich musste mich überwinden, sie anzuschalten. Zwei Abende lang habe ich mich davor gedrückt und hätte ich nicht vorgehabt, in dieser Kolumne darüber zu schreiben, hätte ich vermutlich immer noch nicht damit angefangen. Nun habe ich die erste Folge gesehen, und es war einfach nur furchtbar. Und trotzdem großartig. Anders als das Buch beginnt die Serie mit der Szene, in der die Hauptfigur versucht, sich mit ihrer kleinen Tochter zusammen zu retten. Die Flucht misslingt, die Tochter wird weggebracht. Es ist für mich die schlimmste Vorstellung überhaupt, dass mir jemand meine Tochter wegnimmt oder dass meiner Tochter irgendetwas zustößt - schon aus diesem Grund hätte mich diese Szene sehr aufgeregt. Aber in diesem speziellen Fall weiß ich - weil ich das Buch kenne -, was alles folgen wird, also wie das Leben der Hauptfigur als Sklavin von religiösen Fanatikern weitergehen wird und was mit ihrer Tochter passiert. Es war für mich wirklich kaum auszuhalten. Ich habe minutelang geweint.

Trotz allem: Die Geschichte ist fantastisch umgesetzt. Nicht nur, was Schauspieler und Kamera angeht. Auch Setting, Location und Kostüme sind sehr gut gewählt: Der Alltag, die Rituale sind vertraut und gleichzeitig fremd. Diese verstörende Zukunft wirkt verdammt nah, weil sie in der uns bekannten Gegenwart spielt. Die Häuser, die Autos, die Einrichtungen, die Technik - all das sieht so aus, wie es derzeit um uns herum aussieht. Ein Beispiel: Die brutale Umerziehung der Frauen, die auserkoren sind, die Kinder der Elite zur Welt zu bringen, findet in einer alten Turnhalle statt. Eine Turnhalle, wie die, in der heute Kinder Sportunterricht haben. Eine Turnhalle, in der die Farbe von den Wänden blättert und bei deren Anblick man sofort diesen Turnbeutel-Muff in der Nase hat. 

Eindrücklich, aufrüttelnd und dazu noch hervorragend erzählt. Natürlich werde ich weitergucken. Auch wenn "The Handmaid's Tale" für mich schlimmer ist als jede Horrorserie. 

Und zum Schluss noch ein Hörtipp und ein paar Gucktipps: 

Im DWDL.de-Podcast "Seriendialoge" geht's diese Woche um mehrere Serien: "The Americans", "Deutschland 83" und "Berlin Station". Denn ich spreche ich mit einem Geheimdienst-Experten vom Spionagemuseum in Berlin darüber, wie nah an der Realität diese Agenten-Serien sind. 

Mein guilty pleasure "Riverdale" geht weiter. Die Folgen der zweiten Staffel dieser Comic-Adaption gibt's ab 12. Oktober wöchentlich bei Netflix. Über die erste Staffel hatte ich in dieser Kolumne im Frühjahr geschrieben.

Gefühlt wird über die Serie schon seit einer Ewigkeit geredet, jetzt ist sie endlich fertig: Tom Tykwers "Babylon Berlin" startet am 13. Oktober bei Sky 1. Es werden sicher noch viele Texte dazu erscheinen, wer aber heute schon eine Kritik dazu lesen will, dem kann ich die Rezension von "Zeit"-Redakteur Lars Weisbrod empfehlen: "Chicago an der Spree"

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"The Handmaid's Tale - Der Report der Magd": In Deutschland beim Telekom-Angebot Entertain TV verfügbar.

Das Buch:
"The Handmaid's Tale" von Margaret Atwood. Verlag: Anchor. Sprache: Englisch.
"Der Report der Magd" von Margaret Atwood. Verlag: Piper Taschenbuch. Sprache: Deutsch.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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