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Meine Woche in Serie

Warum die ARD die "Lindenstraßen"-Lücke füllen muss

 

"Die Lindenstraße" ist in ihren Themen und ihren Figuren so vielfältig wie kaum eine andere Serie bei ARD und ZDF. Ihre Einstellung wird daher eine große Lücke hinterlassen. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat aufgeschrieben, warum es Pläne für die Zeit nach der "Lindenstraße" geben muss.

von Ulrike Klode
17.11.2018 - 10:20 Uhr

Die Serie "Lindenstraße" hat eine wichtige Funktion: Sie ist diejenige fiktionale Sendung, die sich Woche für Woche mit sozialen Themen, Problemen und Konflikten unserer Gesellschaft beschäftigt. Diejenige Sendung, die Figuren sichtbar macht, die im restlichen Programm nur am Rande vorkommen. Die das Publikum sogar tiefer in den Alltag und die Geschichten dieser normalerweise marginalisierten Figuren eintauchen lässt, als es ein Fernsehfilm möglich macht. Diejenige Sendung, die eine Vielfalt unserer Gesellschaft zeigt, wie man sie sonst im fiktionalen TV selten zu sehen bekommt. Doch damit ist es ab März 2020 vorbei: Die Programmverantwortlichen der ARD haben beschlossen, dass "Lindenstraße" dann eingestellt werden soll

All das, was ich oben aufgezählt habe, findet sich so in keinem regelmäßigen fiktionalen Programminhalt der öffentlich-rechtlichen Sender. Auch nicht im "Tatort", der zwar dafür bekannt ist, dass dort immer wieder soziale Themen in Krimi-Form gepresst werden. Wo aber die regelmäßig auftretenden Figuren in der Mehrzahl männlich, weiß und heterosexuell sind. Wo sich Charaktere anderen Geschlechts, anderer Hautfarbe, anderer sexuellen Orientierung lediglich als Opfer, Täter oder als Randfiguren wiederfinden, die nur in einer Folge auftauchen. 

Aber all das brauchen wir - und zwar in fiktionaler Form.
Einerseits muss den Zuschauerinnen und Zuschauern die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand zu schauen - oder besser noch: aus der eigenen Nachbarschaft hinaus in eine andere Nachbarschaft zu schauen. Damit wir alle, die wir uns im Alltag oft freiwillig und unfreiwillig mit Menschen umgeben, die uns ähnlich sind, auch mit Menschen auseinandersetzen können, die uns unähnlich sind, die anders denken, die anders fühlen, die andere Lebenshintergründe haben, die aber in unserem Alltag bisher nicht sichtbar waren. Damit wir alle zum Nachdenken angeregt werden über Themen, die uns selbst nicht direkt betreffen, die aber für andere in unserem Land wichtig sind und die in der Gesellschaft als Ganzes diskutiert werden müssen.
Und andererseits brauchen diejenigen Menschen in unserer Gesellschaft, die zu den Gruppen gehören, die im deutschen Fernsehen nur selten sichtbar sind, Vorbilder, Figuren, die ihnen ähnlich sind und Geschichten, die ihren eigenen ähneln, die ihnen helfen, ihre eigene Identität zu finden und zu formen.
All das kann eine gut gemachte Serie leisten. Denn - klar - am einfachsten erreicht man das Publikum, wenn man solche Themen fiktional und damit unterhaltend verpackt.

Natürlich ist ein Programminhalt nur ein Angebot an die Zuschauer und die Zuschauerinnen. Wenn das Angebot nicht überzeugt, schalten viele aus oder gar nicht erst ein. Bei der "Lindenstraße" haben in den vergangenen Jahren stetig weniger eingeschaltet. Verständlich, dass sich die Programmverantwortlichen Gedanken darüber machen, ob "Lindenstraße" noch die Kraft entfaltet, die sie lange Jahre ausgestrahlt hat. Die Fernsehlandschaft und die Bedingungen, unter denen die Zuschauerinnen und Zuschauer einschalten, haben sich in den mehr als 30 Jahren seit dem Start der "Lindenstraße" fundamental verändert. Das Programm-Angebot ist riesig geworden, gleichzeitig ist die Zahl der Personen gesunken, die Sendungen dann einschalten, wenn sie gesendet werden. Doch eines hat sich nicht geändert: Dass die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD und ZDF einen Programmauftrag haben, der im Rundfunkstaatsvertrag festgehalten ist. Und weil man diesen Programmauftrag viel zu selten selbst liest (bei mir ist es auch schon wieder zehn Jahre her, dass ich ihn im Wortlaut gelesen habe), zitiere ich §11 Absatz 1 im folgenden komplett: 

"Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sie sollen hierdurch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten. Auch Unterhaltung soll einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entsprechen." (Der gesamte Rundfunkstaatsvertrag in seiner aktuellen Fassung findet sich zum Beispiel hier als pdf.) 

Also darf im Fall "Lindenstraße" gar nicht die Frage sein, ob das abnehmende Publikumsinteresse an den Inhalten lag, die ich im ersten Absatz beschrieben habe. Die grundlegenden Inhalte der "Lindenstraße" sind nicht verhandelbar - sie entsprechen dem Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Frage kann nur sein: Wie kann man diese Inhalte verpacken, damit sie das Publikum erreichen? Eine wöchentliche Soap Opera, die bereits seit 1985 gesendet wird, ist offenbar nicht mehr die Antwort auf diese Frage.

Da die Programmverantwortlichen der ARD nun beschlossen haben, "Lindenstraße" in anderthalb Jahren einzustellen, müssen sie sich spätestens seit dem Zeitpunkt, an dem sie die Entscheidung gefällt haben, Gedanken darüber machen, wie diese Lücke gefüllt werden kann, die die wöchentliche Serie hinterlässt. Es wäre ein sehr großer Fehler, diese Lücke einfach klaffen zu lassen. Ich bin auf das Ergebnis gespannt.

PS: Wer sich dafür interessiert, wie es um die Geschlechterdiversität im deutschen Fernsehen bestellt ist: Im Sommer 2017 wurde eine Studie dazu veröffentlicht, die von den großen Sendern unterstützt wurde. Das Ergebnis ist ernüchternd, die wichtigsten Erkenntnisse sind in einem pdf zur Studie nachlesbar. Interessant außerdem: Karoline Meta Beisel von der "Süddeutschen Zeitung" hat im Sommer 2018, also ein Jahr nach dem Veröffentlichen der Studie, bei den Verantwortlichen in den Produktionsfirmen und Sendern nachgefragt, ob sich etwas geändert hat

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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