© Jessica Brooks/Amazon Video
Meine Woche in Serie

"Homecoming" oder: eine neue Quelle für Serieninspiration

 

Neben Büchern, Comics und alten Serien werden in den USA seit einiger Zeit auch Podcasts als Vorlagen für Serien genutzt. Ein Beispiel, das mit großen Namen verbunden ist: die Amazon-Serie "Homecoming". Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat genau hingehört und hingeschaut.

von Ulrike Klode
09.02.2019 - 08:45 Uhr

Inspiration kann vieles sein. Manchmal ist es ein Satzfetzen, den man von der Frau am Nachbartisch im Café aufschnappt, manchmal eine Szene auf der Straße, durch die man gerade geht, manchmal ein Ereignis, von dem man in den Nachrichten liest. Doch nicht immer kann man als Mensch, der mit kreativer Arbeit sein Geld verdient, darauf warten, dass einen die Inspiration im Café oder auf der Straße küsst. Man muss gezielt Inspiration finden, was nicht immer einfach ist. In der Serienbranche ist seit einigen Jahren der Druck besonders groß, immer neue Inhalte für Serien zu finden. Da ist erst recht keine Zeit für geduldiges Warten. Zum Druck, Inspiration zu finden, gesellt sich hier der Druck, dass man am liebsten beim Finden selbiger schon sicher sein möchte, dass die Frucht der Inspiration erfolgreich sein wird. 

Oft wird daher in der US-Serienbranche auf bereits Bekanntes gesetzt: In den vergangenen Jahren waren es vor allem alte Serien, alte Filme oder Bücher und Comics, die als Basis für neue Serien genutzt wurden. Wie mit dem Original umgegangen wird, ist ganz unterschiedlich. Die Bandbreite ist groß: zwischen ganz nah, fast wörtlich und einer losen Adaption, in der man nur die Hauptfigur und die Tonalität übernimmt, aber eine ganz andere Geschichte erzählt. 

Seit einiger Zeit wird nun eine weitere Quelle als Inspiration für Serien genutzt: Podcasts. Was mich als Podcastmacherin ("Seriendialoge", "Die Seriensprechstunde") und begeisterte Podcasthörerin natürlich besonders interessiert. Es gibt bereits einige Beispiele für Serien, die auf Podcasts basieren - wie "Lore" oder "Alex, Inc.". Dazu gehört auch eine Produktion, die mit großen Namen verknüpft ist: "Homecoming".

Der Podcast "Homecoming" erzählt die fiktive Geschichte einer Frau, die in einer experimentellen Einrichtung amerikanische Soldaten nach deren Rückkehr aus dem Einsatzgebiet betreut. Geschrieben wurde dieser Thriller-Podcast von Eli Horowitz und Micah Bloomberg. Gesprochen wurden die Figuren von bekannten Schauspielern, zum Beispiel Catherine Keener, David Schwimmer und Oscar Isaac.

Für die Serie, die Anfang November 2018 von Amazon veröffentlicht wurde, strebte man offenbar nach noch bekannteren Zugpferden. Mit Erfolg: Julia Roberts spielt die Hauptrolle (erwartungsgemäß großartig), damit ist "Homecoming" ihre erste Serie. Und Sam Esmail, der Erfinder und Macher von "Mr. Robot", führt in allen Folgen Regie. Zwei Namen sind allerdings geblieben: Eli Horowitz und Micah Bloomberg sind auch die Hauptautoren der Amazon-Serie. 

Weil sich - wie mittlerweile jedes Jahr - die Serien-Ereignisse im November und Dezember überschlugen, bin ich erst jetzt dazu gekommen, "Homecoming" zu schauen. Und ich war überrascht, wie nah und gleichzeitig wie fern die Serien-Adaption am Original ist. Nah: In der ersten Hälfte wurden ganze Dialoge und Szenenabfolgen übernommen. Fern: Wie anders es sich anfühlt, die Geschichte nicht nur zu hören, sondern zu sehen. Bei Büchern bin ich das bereits gewöhnt - wenn ich eine Serien-Umsetzung eines Buches sehe, weiß ich vorher, wie anders sich das Erleben der Geschichte anfühlen wird (unabhängig davon, wie die Geschichte tatsächlich umgesetzt ist). Bei Podcasts war diese Erfahrung neu für mich.

Was ich reizvoll finde: Sam Esmail hat dem Visuellen großen Raum gegeben in dieser Serie, die ja ursprünglich fürs Hören gedacht war. Große, bis ins Detail inszenierte Bilder. Einstellungen, die lange auf perfekt geometrischen Inneneinrichtungen oder Treppenhäusern ruhen. Kamerafahrten aus der Vogelperspektive in Gebäuden und auf Straßen. Er hat damit dieser Geschichte, die auch in der Fernseh-Serie stark auf Dialoge baut, eine zusätzliche Ebene gegeben, die sie zwar für sich genommen nicht gebraucht hat - schließlich hat sie auch als Podcast sehr gut funktioniert. Aber die sie reicher und auf eine Art eindrücklicher gemacht hat, die im Podcast natürlich nicht möglich ist.

Obwohl ich oben geschrieben habe, dass die Geschichte besonders in der ersten Hälfte nah am Original umgesetzt wurde: Die Dialoge wirken anders. Das Besondere an Podcasts ist, dass mir die Stimmen sehr nah sind, viel näher als das beim Fernsehen möglich wäre. Man könnte sagen: Es ist intim. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich Podcasts über Kopfhörer höre, ich die Stimmen also in meinem Ohr habe, näher als alle anderen Stimmen in meiner Umgebung mir normalerweise sind und auch näher als die Stimmen, wenn ich Serien schaue. Andererseits hat das damit zu tun, dass es eben nur die Audio-Ebene gibt, auf der erzählt werden kann. Ich nehme die Geschichte also nur mit einem Sinn auf, und das hochkonzentriert. Wenn mich eine Podcast-Folge fesselt, blende ich alles um mich herum aus und richte alle Aufmerksamkeit nur aufs Hören. Fernsehen wirkt aufs Auge und aufs Ohr, ich folge unter Umständen zwar auch hochkonzentriert, aber eben zweikanalig, sozusagen. Diese Intimität wird beim Podcast "Homecoming" übrigens dadurch zusätzlich gefördert, dass große Teile der Dialoge als Mitschnitte von Therapiegesprächen und Telefonaten präsentiert werden - ich beim Hören also das Gefühl habe, andere Menschen zu belauschen. 

Sam Esmails stark komponierte Bilder schaffen einen Gegensatz zum intimen Hör-Erlebnis im Podcast. Die Geometrie und die fürs menschliche Auge im Alltag ungewohnte Vogelperspektive schaffen eine Distanz zu den Figuren. Natürlich hätte Esmail versuchen können, die Intimität der Podcast-Erzählung auf die Serie zu übertragen, die Nähe per Bilder herzustellen. Aber so ist die Serie etwas Besonderes geworden, das sich deutlich vom Original absetzt. 

Podcasts, die zu TV-Serien werden, scheinen in den USA mittlerweile ein Trend zu sein. Zumindest, wenn man anschaut, an wie vielen solcher Projekte derzeit gearbeitet wird. Bis amerikanische Fernsehtrends in der deutschen Branche ankommen, dauert es bekanntermaßen immer ein bisschen. Aber so langsam könnte sich da etwas tun - ich bin gespannt, welcher Podcast der erste sein wird. Achja, und falls jemand noch Inspiration sucht: Einfach mal begeisterte Podcasthörerinnen und -hörer fragen, was sich bei ihnen in der Playlist findet.

Die erste Staffel der Serie "Homecoming" ist bei Amazon verfügbar, die zweite ist in Arbeit.
Den Podcast "Homecoming" gibt's überall da, wo es Podcasts gibt. Und hier geht's zur Website des Podcasts.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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