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Meine Woche in Serie

So wie bei "GoT" kommen wir nie wieder zusammen. Hach!

 

Nur noch drei Episoden, dann ist "Game of Thrones" beendet. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode findet, diese achte und letzte Staffel ist ein ganz besonderes Erlebnis. Warum, das beschreibt sie in ihrer Kolumne. KEINE SPOILER!

von Ulrike Klode
04.05.2019 - 10:20 Uhr

Ich habe mir eben durchgelesen, was ich am 2. September 2017 nach dem Finale der siebten Staffel von "Game of Thrones" geschrieben habe: "'Game of Thrones' hat sich sehr stark verändert". Eigentlich bin ich ganz froh, dass ich diesen Text erst jetzt und nicht schon vor dem Auftakt zur achten Staffel herausgekramt habe. Ich hätte mich sonst an meinen Ärger und meine Enttäuschung darüber, wie sich die Serie entwickelt hat, erinnert und wäre voreingenommen an die neue Staffel herangegangen. Um das zu vermeiden, habe ich mich noch nicht einmal gut vorbereitet: Ich habe mir entgegen meiner Gewohnheit keinen Überblick darüber verschafft, was bisher passiert war.

Denn eigentlich mag ich "Game of Thrones" sehr. Obwohl ich nicht verstehen konnte, warum es für viele Menschen tatsächlich ein wichtiges Thema war, als HBO ein paar Wochen vor der Ausstrahlung die Längen der einzelnen Folgen veröffenlicht hat, so habe ich doch die ansteigende Aufregung unter "Game Of Thrones"-Begeisterten gespürt. Es kam mir vor, als würde weltweit jedes Gespräch, jeder Text, jeder Post, jeder Audio-Beitrag, jedes Video, der oder das mit der Serie zu tun hat, ein leichtes Summen von sich geben. Bis ich dieses Summen wahrnahm, dauerte es ein bisschen, weil ich mich - wie oben beschrieben - bewusst wenig vorab mit der Serie auseinandersetzte. Aber als ich es endlich wahrnahm, steckte mich das Summen an. 

Zum Start der ersten Folge dann wurde aus dem Summen ein Brummen. Ich bildete mir ein, die Unruhe zu spüren, die uns, die wir die Serie gucken, erfasste, weil es das letzte Mal ist, weil alles auf ein Ende zu läuft. Ein Ende, das begeistert oder enttäuscht oder irgendetwas dazwischen. Seit drei Wochen nun brummt es um mich herum. Dieses leichte Brummen hat mich eine besondere Achte-Staffel-"Game of Thrones"-Routine entwickeln lassen: Ich gucke am Montagabend die neue Folge, lese am Dienstagvormittag ein paar Recaps, erwarte am Dienstagnachmittag sehnsüchtig den "GoT"-Newsletter der "New York Times" (der natürlich sofort von oben bis unten gelesen wird), höre von Dienstag bis Donnerstag mehrere Podcasts dazu, lese Freitag bis Sonntag unterschiedliche Meta-Texte. Und meide am folgenden Montag tagsüber Twitter und Instagram, um der Spoilergefahr zu entgehen. 

Auch wenn sich meine eigentliche Guck-Routine nicht groß von der anderer Serien unterscheidet - mein Mann und ich sitzen gemeinsam abends auf dem Sofa, haben allerdings das Licht sehr stark gedimmt -, so ist es doch ein anderes Erlebnis. Weil ich mir einbilde, diese Gemeinschaft der Guckenden zu spüren. Viele von ihnen sind mir einige Stunden voraus, weil sie entweder bereits die US-Ausstrahlung gesehen haben oder kurz danach den Stream. Trotzdem: Es ist für mich eine Art kollektives Erlebnis, obwohl ich beim Schauen der Serie selbst natürlich nichts von den Anderen mitbekomme. Doch ich weiß, da sind weltweit viele Millionen Menschen, die es - genau wie ich -, kaum abwarten können, bis die nächste Folge veröffentlicht wird. Die - genau wie ich - in Episode 3 mit ihren Lieblingen mitgefiebert haben, als würde das diese Figuren vor dem fast sicheren Tod bewahren. Die - genau wie ich - nach dem Gucken einer Folge das Bedürfnis nach intensiver Auseinandersetzung mit der Handlung, den Figuren, den Dialogen, den Effekten, dem Vorspann oder auch dem Soundtrack haben. Die - genau wie ich - am liebsten mehr Folgen in der letzten Staffel hätten. Die - genau wie ich - jetzt schon wehmütig sind, dass das große Serienereignis "Game of Thrones" in nicht einmal drei Wochen vorbei sein wird. Ich bin Teil einer großen vorgestellten kulturellen Gemeinschaft, die gerade ihren Höhepunkt erlebt. Und das ist sehr großartig. 

Das Nachdenken darüber erfüllt mich allerdings mit Wehmut. Und damit meine ich nicht die auf das Ende von "Game of Thrones" bezogene Wehmut. Klar, die ist sowieso da. Sondern das Nachdenken über eine solche Gemeinschaft der Guckenden. Denn ich befürchte, dass ich das so nie wieder erleben werde. Das hat mit der stark fragmentierten Serienlandschaft zu tun: sehr viele Anbieter - sowohl Sender als auch Streamingdienste; Konzentration auf ganz unterschiedliche Zielgruppen; sehr viele Serien, die veröffentlicht und schon nach kurzer Zeit eingestellt werden. Wir Serienguckenden haben eine riesige Auswahl zur Verfügung, können in den meisten Fällen selbst entscheiden, was wir wann und wieviele Folgen am Stück wir davon gucken wollen. Natürlich wird HBO auch nach "Game Of Thrones" weiterhin großartige Serien machen und wöchentlich veröffentlichen. Aber eine Saga, die das Zeug hat, dass sich über mehrere Jahre ein so großes weltweit verstreutes Millionenpublikum gemeinsam zusammenfindet, sobald eine neue Folge veröffentlicht wird? Ein globales Millionenpublikum, das kollektiv die Luft anhält, wenn eine geliebte Figur sterben muss, das gemeinsam auf das große Ende einer großen Erzählung hinfiebert und das das große Ende doch gleichzeitig am liebsten noch weiter hinauszögern würde?

Als "Game of Thrones" im April 2011 - also vor acht Jahren - gestartet ist, hätte natürlich auch niemand prognostizieren können, welchen Sog diese Serie entwickeln würde. Allerdings war die Serienlandschaft damals noch eine andere. Es gab zwar bereits Streamingdienste, doch die erste eigene Serie eines Streaminganbieters war noch längst nicht auf dem Markt. Zum Start der letzten Staffel von "Game of Thrones" sind einige interessante Texte veröffentlicht worden, die sich einerseits damit auseinandersetzen, wie die Serie das Fernsehen verändert hat und andererseits damit, wie sich währenddessen die Serienlandschaft entwickelt hat. Zwei Analysen kann ich besonders empfehlen: 
"'Game of Thrones' changed TV. Let's count the ways" von John Koblin, und Matt Zoller-Seitz fragt bei "Vulture": "Is 'Game of Thrones' the last show we will watch together?"

Ich werde jetzt schnell noch diese eine Podcastfolge zu Ende hören - die sehr lange und intensive "The Long Night"-Episode hat ziemlich lange Podcastfolgen nach sich gezogen, es gab schließlich viel zu besprechen, weshalb sich mein "GoT"-Hören dieses Mal auf Freitag ausgedehnt hat. Und dann schauen, ob neue spannende "Game of Thrones"-Betrachtungen veröffentlicht wurden. Ach ja, und natürlich brummt es schon heftig. Schließlich sind es gar nicht mehr so viele Stunden, bis die vierte Episode erscheint. Ich freue mich besonders auf ..., ... und ... ;-) 


(via Giphy)

Hinweis: Ursprünglich hatte ich statt "The Long Night"-Episode fälschlicherweise  "Battle of the Night"-Episode geschrieben. Ein Leser hat mich dankenswerterweise darauf hingewiesen, und ich habe es korrigiert. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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