© ZDF
Meine Woche in Serie

"Fett und Fett" & "Lodge 49": Einfach treiben lassen

 

Die ZDF-Serie "Fett und Fett", die niederländische Serie "Toon" und die US-Serie "Lodge 49" haben eines gemeinsam: Im Zentrum steht eine entscheidungsschwache Männerfigur, die durchs Leben stolpert. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat sie sich genauer angeschaut.

von Ulrike Klode
09.11.2019 - 11:30 Uhr

Ich habe in dieser Woche Männern dabei zugeschaut, wie sie ziellos durchs Leben stolpern. Zuerst war es Jaksch aus der ZDF-Serie "Fett und Fett", danach Toon aus der niederländischen Serie "Toon". Und beim Gucken beider Serien habe ich immer wieder an Dud aus der amerikanischen Serie "Lodge 49" gedacht. Alle drei eint, dass sie sich vor Entscheidungen drücken und im Zweifel den Weg des geringsten Widerstands gehen. Mit so einer Figur im Mittelpunkt eine Serie zu erzählen, ist nicht einfach. Denn so eine Figur kann - für sich genommen - ziemlich langweilig sein.

Toon (Joep Vermolen) zum Beispiel würde, wenn man ihn ließe, den ganzen Tag Games spielen und hin und wieder zum Keyboard greifen. Vor die Tür würde er nur gehen, um im Laden in der Nachbarschaft einzukaufen. Deswegen spielt das Leben dem armen Toon übel mit: Er wird überraschend mit einem Lied berühmt. Nicht, dass er das wollte. Er singt das Lied nur, weil er hofft, so die ungebetenen Gäste aus seiner Wohnung zu vertreiben. Er konnte ja nicht wissen, dass einer seiner ungebetenen Gäste - seine Schwester - das Lied filmt, der Clip danach ein riesiger Erfolg im Netz wird und er plötzlich eine Musikerkarriere starten muss. Das Leben kann so gemein sein!

Dud. Was würde Dud (Wyatt Russell) den ganzen Tag lang machen? Er würde am kalifornischen Strand herumhängen und surfen. Wenn, ja wenn, ihm das Leben nicht auch übel mitgespielt hätte. Er hat den Halt verloren, seit sein Vater gestorben ist. Will das aber nicht wahrhaben und versucht daher gar nicht erst, wieder auf die Füße zu kommen. Doch das Leben sorgt dafür, dass er wieder ganz langsam auf die Füße kommt - indem das Leben ihn auf eine seltsame Geheimloge stoßen lässt, die sein Interesse weckt.

Bei Jaksch (Jakob Schreier) in München ist die Frage einfach zu beantworten: Er würde jeden Abend mit Freunden in eine Bar/zu einer Party gehen, viel trinken, erfolglos Frauen ansprechen, seinen Kater ausschlafen, tagsüber zu Hause rauchend herumhängen und abends wieder in eine Bar gehen. Und das Interessante im Vergleich zu den anderen beiden Serien ist: Jaksch wird in "Fett und Fett" kein dicker Knüppel zwischen die Beine geworfen, durch den sich alles verändert. Sondern Jaksch darf sein harmloses, scheinbar zielloses Leben fortführen. Klar passieren in der Serie Dinge: Er hat ein Vorstellungsgespräch; er muss eine gebrauchte Waschmaschine kaufen; er hat Angst, wichtige Nachrichten nicht zu bekommen, weil sein Handy-Akku fast leer ist; er schwimmt in der Isar; er verpasst einen Bus. Extrem unspektakulär, eigentlich. Und doch funktionieren diese Mini-Geschichten, weil wir bei Jaksch erstens spüren, dass er gar nicht so ziellos ist, dass er sucht, fast schon verzweifelt. Aber einfach nicht findet, weil er sich selbst dabei behindert. Und weil Jakob Schreier und Chiara Grabmayr, die die Serie erfunden und geschrieben haben, die Figur sehr gekonnt treiben lassen. Während Jaksch unschlüssig durch seinen Tag stolpert, lässt er sich ablenken und so passieren kleine, unerwartete Gegebenheiten, die wunderbar erzählt sind. Jaksch braucht keine große Geschichte, weil sein Alltag, so wie Schreier, Grabmayr und ihre Co-Autoren und -Autorinnen ihn erzählen, gepaart mit seinen besonderen Charakterzügen, unterhaltsam ist. 

Auch Toon stolpert von einer Sache in die nächste mit immer größeren Konsequenzen - obwohl er all das nicht will. Aber weil er entscheidungsschwach ist und den Weg des geringsten Widerstands wählt, muss er Dinge tun, die er tief im Innersten nicht will.

Bei Dud liegt der Fall anders: Er ist im Grunde froh, dass ihm etwas Seltsames wie diese Geheimloge passiert. Denn das lenkt ihn ab von seinem Schmerz, reißt ihn aus seiner Verzweiflung. Durch diese eine Entscheidung, die er am Anfang der Serie fällt - nämlich dem Rätsel des Geheimlogen-Rings nachzugehen, verändert sich nach und nach sein Leben, ohne dass er viel dafür tun muss. Das Einzige was nötig ist: offen sein für Neues. Das fällt ihm leicht, besonders dann, wenn keine weiteren Entscheidungen seinerseits nötig sind.  

Toons Geschichte wird über zwei Staffeln in insgesamt 16 Episoden erzählt. Fortsetzungen wären grundsätzlich vorstellbar, aber ich finde, dass die Figur damit auserzählt ist, wie es so schön heißt. Ich denke nicht, dass man aus Toon noch mehr herausholen kann - ohne die Figur grundlegend zu ändern.

Über Jaksch gibt es, wenn man die zwischen 2015 und 2017 im Netz veröffentlichten Folgen und die fürs ZDF produzierten Folgen zusammenzählt, elf Episoden. Und ich könnte mir vorstellen, ihm auch noch einmal mindestens sechs weitere Folgen zuzuschauen, wie er durchs Leben stolpert und sich ablenken lässt. 

Bei Dud freue ich mich schon darauf, ihn bald wiederzusehen. Denn in den USA ist die zweite Staffel beim Kabelsender AMC gerade zu Ende gegangen. Und ich hoffe sehr, dass die zehn neuen Folgen in nicht allzu ferner Zukunft auch in Deutschland verfügbar sein werden. Danach ist dann leider Schluss mit Dud: AMC hat bekanntgegeben, dass es keine dritte Staffel geben wird. Schade!

"Fett und Fett" ist in der ZDF-Mediathek verfügbar.
"Toon" gibt's bei Netflix. 
"Lodge 49" gibt's bei Amazon Prime.

Tipps zum Weiterlesen:
- Die DWDL-Rezension von Kevin Hennings zu "Fett und Fett".
- Genau zu beschreiben, was für eine Art Serie "Lodge 49" eigentlich ist, ist verdammt schwer. Emily VanDerWerff trifft mit ihrem Vox.com-Text über die Serie aber den Nagel auf den Kopf, finde ich.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

Teilen