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Meine Woche in Serie: "Star Trek: Picard"

In Zeiten wie diesen brauchen wir Figuren wie Picard

 

Anti-Helden waren gestern. Mit Jean-Luc Picard in der neuen Serie "Star Trek: Picard" ist eine Hauptfigur wieder da, die an das Gute glaubt und sich dafür einsetzt. Er ist genau zur richtigen Zeit zurückgekehrt, findet unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
25.01.2020 - 08:38 Uhr

Es tut gut, Jean-Luc Picard (Sir Patrick Stewart) in der neuen Serie "Star Trek: Picard" wiederzusehen. Weil er ein guter Mensch ist. Und die guten Menschen, die haben sich in den vergangenen Jahren rar gemacht in der Serienlandschaft. Ja, Picard stammt aus einer anderen Zeit - einerseits aus der fiktiven Zukunft, in der "Star Trek: The Next Generation" ("TNG") sieben Staffeln und vier Filme lang spielte. Andererseits aus der realen Vergangenheit Ende der 80er-Jahre bis Mitte der 90er-Jahre, als die Serie lief.

Damals waren viele Serien einfacher gestrickt als heute, die Figuren oft auch. Jean-Luc Picard, Captain des Raumschiffs USS-Enterprise NCC-1701-D, war auch damals eine herausragende Figur. Weil er an das Gute glaubte, weil er moralisch handelte und für seine Prinzipien einstand, weil er jedem Individuum und jeder Lebensform offen und neugierig begegnete, weil er tief in seinem - wenn auch künstlichen - Herzen Pazifist war. Es ging ihm nicht darum, andere Lebensformen zu beherrschen, sondern friedlich mit ihnen zusammenzuleben und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Picard, der Idealist, der sehr viel dafür tat, seine Ideale tagtäglich umzusetzen.

Die Figur Picard hat alle geprägt, die "Star Trek: The Next Generation" regelmäßig eingeschaltet haben. Egal, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Die Medienforschung zeigt, dass wir aus jeder Serie, in die wir uns vertiefen, etwas mitnehmen. Seien es Fragen, Anregungen oder Probleme, mit denen wir uns beschäftigen. Oder ganze Charaktereigenschaften, in denen wir uns wiederfinden, an denen wir uns reiben oder mit denen wir uns auseinandersetzen. Unabhängig davon, wie bemerkenswert die Serie "Breaking Bad" war: Eine Figur wie Walter White hat mir persönlich nicht gutgetan - es hat mich fast geschmerzt, White bei seiner Spirale des Niedergangs begleiten zu müssen. Doch es war die Faszination am Bösen, die mich weitergucken ließ. Viele Figuren wie Walter White habe ich in den vergangenen Jahren begleitet, viele unmoralische und zutiefst eigennützige Entscheidungen verfolgt. Und jetzt sehne ich mich nach anderen Geschichten und Figuren.

Picards Geschichten und die Geschichten seiner Crew drehten sich in "TNG" um politische, soziologische und - ja - moralische und ethische Fragen. Und immer hinterließen die Folgen bei mir ein gutes Gefühl. (Außer, es handelte sich um Doppelfolgen, dann stellte sich das gute Gefühl erst am Ende der zweiten Folge ein.) Nicht, weil da ein Held war, der alle Probleme im Handumdrehen und im Alleingang löste. Sondern weil da eine verlässliche Figur war, die sich den Problemen stellte, sie von allen Seiten betrachtete, gemeinsam mit anderen diskutierte und schließlich gemeinsam mit anderen eine Lösung fand, die zwar nicht immer das eigentliche Problem löste, die aber Hoffnung machte.

Mal war die Lösung technischer Natur, mal politischer oder zwischenmenschlicher Natur. Aber immer konnte er sie nur finden, weil er zuhörte und offen für andere Meinungen, andere Ideen war und mit anderen zusammenarbeitete. Nicht immer waren seine Entscheidungen "richtig", er war nicht unfehlbar - wie man zum Beispiel an den Handlungssträngen ablesen kann, die sich in Staffel 5 um den Borg Hugh drehen. Aber das zeigte nur: Jeder Mensch macht Fehler. Das Universum ist zu komplex, um immer vorhersagen zu können, welche Konsequenzen Entscheidungen haben. Und ja, Zweifel am eigenen Handeln ist angebracht, genau wie Captain Picard immer wieder zweifelte. Doch das hat ihn nicht davon abgehalten, Entscheidungen zu fällen - nach reiflicher Überlegung, Diskussion und mit beiden Füßen auf seinen moralischen Prinzipien stehend.

Der Blick auf die reale Welt im Jahr 2020 ernüchtert, frustriert sogar: Weiße Rassisten (Nazis sind hier ausdrücklich mitgemeint!) versprühen Hass und säen Gewalt in Deutschland; Trump regiert und befeuert den Hass in den USA; die ersten Folgen der Klimaerhitzung lassen auch für Europa Schlimmes befürchten; Frauen und Minderheiten werden in vielen Ländern unterdrückt. Doch die, die Einfluss in Politik und Wirtschaft haben, handeln kurzsichtig - aus Angst, Wähler und Wählerinnen und Kunden und Kundinnen im Heute zu verschrecken, erarbeiten sie keine Lösungen für Morgen. Sondern hoffen, dass es entweder nicht so schlimm wird wie vorhergesagt oder dass sie dann tot sind und die Folgen nicht spüren. Ideale? Das Wort scheinen sie gar nicht zu kennen.

Fast 20 Jahre nach dem letzten Wiedersehen in "Star Trek: Nemesis" ist auch Picard in "Star Trek: Picard" frustriert, wenn er auf seine Welt in den 90er-Jahren des 24. Jahrhunderts blickt: überall Rassismus, Abschottung und Angst vor Technik. Das widerspricht all dem, wofür er in seiner Zeit bei der Sternenflotte gearbeitet und gekämpft hat. Picard fühlt sich mit seinen mehr als 90 Jahren fremd und fehl am Platz in dieser Welt, die früher mal einer Gesellschaftsutopie und seinen Idealen entsprach. Der Idealist ist müde geworden und hat sich zurückgezogen in die scheinbare Idylle der Weinberge. Doch: "Ich habe nicht gelebt, sondern auf den Tod gewartet", stellt er schließlich in Folge 1 von "Star Trek: Picard". Und rafft sich auf, schüttelt die Müdigkeit aus den alten Gliedern und stellt sich einer ganz persönlichen Herausforderung, in der es aber um die großen Fragen der Zeit gehen wird, in der er lebt. Der Idealist ist wieder aufgewacht und macht sich nun auf, ein Team um sich zu versammeln. Denn er will mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln - und ohne auf den eigenen Vorteil bedacht - die Welt zu einer besseren machen. 

Nein, Picard ist keine Erlöserfigur, mit der auf einen Schlag alles gut ist. Und auch kein Superheld mit übermenschlichen Kräften. Solche Figuren haben wir bereits zuhauf, doch sie haben gemeinsam, dass sie nicht inspirieren, sondern uns die Hände in den Schoß legen lassen - weil wir in der echten Welt keine Superkräfte haben. Picard dagegen ist nur ein Mensch; ein guter Mensch mit Prinzipien, der wieder daran glaubt, dass er gemeinsam mit anderen etwas verändern kann. Allein dadurch kann er andere Menschen inspirieren. Auch echte Menschen in unserer Welt, die vor dem Bildschirm sitzen und ihn bei seiner Reise begleiten. Und wenn dann endlich in Folge 3 das altbekannte "Engage!" aus Picards Mund zu hören ist, ist das wie eine Aufforderung ans Publikum.

Die zehn Folgen von "Star Trek: Picard" werden wöchentlich freitags bei Amazon Prime Video veröffentlicht. Die zweite Staffel ist bereits in Arbeit. 

Kleiner Tipp zum Weiterhören: In Folge 39 des DWDL-Podcasts "Seriendialoge" habe ich mit der Serienforscherin Prof. Dr. Daniela Schlütz darüber gesprochen, wie Serien auf uns wirken. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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