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Meine Woche in Serie

"Bad Banks" hat in Staffel 2 ein Figuren-Problem

 

Die erste Staffel der Arte/ZDF-Serie "Bad Banks" war rasant, bei der zweiten Staffel wird das Tempo sogar noch erhöht. Doch die Rechnung geht nicht auf, schreibt unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
08.02.2020 - 08:33 Uhr

Mitten in Folge 3 der zweiten Staffel von "Bad Banks" merke ich, dass mir Jana Liekam, die Hauptfigur, egal ist. Es ist schwer zu sagen, ob das plötzlich passiert ist oder ob das ein schleichender Prozess war. Eigentlich könnte ich jetzt ausschalten und mich anderem zuwenden. Aber weil es eine Serie ist, deren erste Staffel ich gerne geschaut habe, bleibe ich dran. Leider ändert sich an meiner Gleichgültigkeit auch in den folgenden 3 Episoden nichts. Doch zumindest stelle ich dabei fest, woran es hakt, warum mich die zentrale Figur - eine junge Bankerin - nicht mehr interessiert.

Als die erste Staffel der Arte/ZDF-Serie "Bad Banks" vor zwei Jahren lief, war ich anfangs sehr begeistert. Besonders die ersten Szenen, wie eine mir noch unbekannte Figur im schwarzen Kapuzenpulli im Frankfurter Bankenviertel auf der Straße durch Tumulte und Proteste läuft, hatten es mir angetan. Chaos, Untergang, Revolte vor den Türen des Kapitalismus - das war reizvoll und vielversprechend. Die Serie entwickelte sich zwar in eine andere Richtung, als ich das nach den ersten Minuten erwartet hätte. Aber das war okay, ich fand schnell in die Hauptfiguren hinein und verfolgte gebannt ihre rasanten Geschichten. Gegen Ende der ersten Staffel ging der Serie ein bisschen die Luft aus, aber auf hohem Niveau - mich störte das nicht weiter. Hohes Tempo, interessante Figuren und mit Investmentbanking in Kombination mit Finanzkrise ein Setting, das ich so noch nicht gesehen hatte. Zurecht gab's dafür Preise zuhauf - darunter den Grimme-Preis in der Kategorie Serie.

Die zweite Staffel leidet allerdings an etwas, das in vielen zweiten Staffel passiert - besonders, wenn die erste Staffel hochgelobt und begeistert aufgenommen wurde: Man versucht, die erste Staffel zu übertrumpfen, scheitert aber daran. (Bei "Deutschland 86", der zweiten Staffel von "Deutschland 83", ist Ähnliches passiert, ich habe in dieser Kolumne darüber geschrieben.)
Im Fall von "Bad Banks" heißt das: Das Tempo wurde erhöht, indem man einfach mehr Konflikte eingebaut hat und die Figuren nun von Eskalation zu Eskalation rennen lässt. Es geht Schlag auf Schlag, manchmal liegen zwischen den Krisen-Höhepunkten nur Minuten. Grundsätzlich kann man so natürlich erzählen. Wenn das gut gemacht ist, sitzt die Zuschauerin, der Zuschauer angespannt und fast atemlos auf der Sofakante, kriecht fast in den Bildschirm, wagt nicht zu blinzeln, aus Angst, etwas zu verpassen. Wie es bei der britischen Serie "Bodyguard" der Fall war. Wenn das nicht gut gemacht ist, sitzt die Zuschauerin, der Zuschauer zurückgelehnt auf dem Sofa, schaut immer mal wieder aufs Handy, denkt darüber nach, schnell mal in der Küche was zu trinken zu holen - während die Figuren von einer brenzligen Situation in die nächste hasten. 

Wenn das nicht gut gemacht ist, liegt das meist daran, dass die Figuren vernachlässigt wurden. Und genau das ist in der zweiten Staffel von "Bad Banks" passiert: Jana Liekam (Paula Beer), die hochbegabte, super cleverere und extrem ehrgeizige Bankerin, die in der ersten Staffel geschickt und zu ihrem eigenen Vorteil ein System zum Wanken gebracht hat, ist in Staffel zwei noch immer Teil des Systems. Es werden Zwänge aufgebaut, die ihre Motivation bei bestimmten Entscheidungen deutlich machen sollen. Doch je weiter die Staffel fortschreitet, desto unklarer wird, was die Figur eigentlich antreibt, desto ferner wird sie mir. Ich kann mich nicht mehr einfühlen in sie, weil sie keine ausgereifte Figur ist, weil sie kein Eigenleben hat, sondern nur bestimmte Funktionen erfüllt.

Selbst das, was für die Figur Jana Liekam auf dem Spiel steht, lässt mich kalt. Was einerseits daran liegt, dass keine Zeit dafür aufgewendet wird, die Gefahren greifbar aufzubauen: Selbst Gefängnis wirkt harmlos, wie man an der Figur Gabriel Fenger (Barry Atsma) sieht, die im Gefängnis kein schlechtes Leben zu haben scheint und danach wieder in guter Position in der Bankenbranche einsteigt. Genauso die Gefahr Jobverlust oder Karriereende. Was soll's? Jana Liekam, ihre Kollegin und ihr Kollege sind jung und haben viel Geld beiseite geschafft. Da ist es doch kein Drama, wenn man rausgeschmissen wird. Andererseits kommt hier wieder das Problem der nicht ausgereiften Figur zum Tragen: Wenn ich mich nicht in Jana Liekam und ihre Kollegen und Kolleginnen einfühlen kann, sind mir ihre Schicksale genauso egal wie ihre Motivationen.

Es ist schade, dass man sich hier für ein höheres Tempo entschieden und dabei die Figuren aus dem Auge verloren hat. Aber: eine zweite Staffel nach einer starken ersten Staffel ist eben schwierig, wie man in den vergangenen Jahren an vielen Serien gesehen hat. Und es gibt einige Beispiele, bei denen einer schwachen zweiten Staffel eine starke dritte folgte. 

Tipp zum Weiterlesen: Emily VanderWerff, die TV-Kritikerin der US-Site vox.com, hat sich 2018 ausführliche Gedanken zum Zweite-Staffel-Problem gemacht.

Die zweite Staffel von "Bad Banks" ist in der Arte-Mediathek und in der ZDF-Mediathek verfügbar. (Dort findet sich übrigens auch die erste Staffel.) Arte hat die sechs Episoden an zwei Abenden am 6. und 7. Februar gezeigt, im ZDF läuft die zweite Staffel in Doppelfolgen am 8., 9. und 10. Februar. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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