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Meine Woche in Serie

"Deutschland 86" vernachlässigt seine starken Figuren

 

Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hatte sich auf ein Wiedersehen mit den Figuren von "Deutschland 83" gefreut. Doch die Begegnung in "Deutschland 86" fiel weniger gut aus, als sie erwartet hatte. Weil die Figuren phasenweise von der Handlung erdrückt wurden.

von Ulrike Klode
27.10.2018 - 10:11 Uhr

Ungefähr nach der Hälfte der ersten Folge von "Deutschland 86" habe ich zum Handy gegriffen und WhatsApp-Nachrichten beantwortet. Hin und wieder mal zum Fernseher geschaut, dann weitergetippt. Erst als die Folge vorbei war, fiel mir mein Verhalten auf, und ich dachte darüber nach, warum ich mich hatte ablenken lassen. In der ersten Staffel, "Deutschland 83", hatte ich einige spannende Figuren kennengelernt, auf die ich mich eigentlich gefreut hatte. Doch der Funke war im Auftakt der zweiten Staffel, "Deutschland 86", nicht übergesprungen. Ich schaute zwar weiter, aber auch in Folge 2 ließ ich mich immer wieder ablenken, ebenso in Folge 3, die Bilder waren schön, manche Szenen wirklich unterhaltsam. Aber das reichte nicht aus. Weil die Figuren - die schönen starken Figuren, die ich in "Deutschland 83" kennengelernt hatte - verloren gegangen waren. 

Mich hatte Lenora Rauch (Maria Schrader) interessiert, die sich mit Leib und Seele für ihr Land einsetzte, ohne Rücksicht auf Familie, die jeden und jede mit ihrer Art um den Finger wickeln konnte und zu immer waghalsigeren Handlungen trieb, wenn es der DDR diente. Mich faszinierte Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), der hohe Funktionär, der knallhart zu sich und allen anderen war, keine Gefühle zeigte, doch immer mal wieder etwas Weichheit aufblitzen ließ und dann wie ein verlorener Mann wirkte. Ich mochte Alex Edel (Ludwig Trepte), den Sohn des westdeutschen Generals, der unter dem Erwartungsdruck seines Vaters fast zusammenzubrechen schien und schließlich aufbegehrte. Mich interessierte Tobias Tischbier (Alexander Beyer), der mit seiner empathischen Art jeden und jede auf seine Seite ziehen konnte und so als Professor an einer westdeutschen Uni undercover für die DDR Stimmung gegen die Politik der bundesrepublikanischen Regierung machte. Und schließlich die Hauptfigur Martin Rauch (Jonas Nay), der Spion wider Willen, der hilflos wie ein Welpe wirkte, doch immer wieder unglaubliche Manöver hinter sich brachte, dessen Loyalität schwankte. Diese Figuren waren nicht nur gut geschrieben, sondern auch noch hervorragend besetzt - allen voran Maria Schrader und Sylvester Groth zeigten Spitzenleistungen, und ich hätte sofort ein Spin-off mit Schweppenstette und Lenora Rauch als Hauptfiguren geschaut.  

Doch in den ersten Folgen von "Deutschland 86" - das dem Namen entsprechend drei Jahre nach "Deutschland 83" spielt - war von diesen starken Figuren nichts zu spüren. Klar, sie kamen vor. Aber sie wurden von der Handlung getrieben, ohne eigenständig handeln zu dürfen. Lenora Rauch und Martin Rauch wirkten fast fehl am Platz, als sie einen Waffendeal abwickeln sollen, der erst schief zu gehen scheint, dann doch irgendwie nicht - und dann doch wieder. Die Wendungen und Loyalitäten waren nicht immer leicht zu durchschauen - selbst wenn ich hochkonzentriert zugeschaut hätte. Ich fühlte mich in den ersten Folgen tatsächlich ein bisschen an die Action-Serie "Jack Ryan" erinnert, in der die Handlung in immer neue Explosionen getrieben wurde, aber keine Spannung aufkam. Selbst das Erklären der verzwickten politischen Lage in Südafrika Mitte der 80er Jahre wurde nicht den Figuren Lenora und Martin überlassen, sondern übernahm sicherheitshalber ein Animationsfilmchen, an dem es an sich nichts auszusetzen gibt, außer: Es passte nicht in die Serie, es war ein Fremdkörper. Und nein, es war auch kein Stilelement, das einen neuen Ton setzen sollte - denn dieser Ton tauchte nie wieder auf.

Was die anderen vielversprechenden Figuren angeht: Schweppenstette war degradiert worden, Annett Schneider, aus D83 bekannt als Martins regimetreue Freundin, war statt ihm eine hohe Funktionärin. Alex Edel hatte unabhängig von den anderen seine eigene Geschichte in West-Berlin. Doch all das ging genauso wenig auf wie Lenoras und Martins Erlebnisse in Südfrika und Angola. Selbst neue Figuren wie die südafrikanische Freiheitskämpferin Rose Seithath (Florence Kasumba), die DDR-Ärztin Tina Fischer (Fritzi Haberlandt) und die DDR-Geldeintreiberin Barbara Dietrich (Anke Engelke) blieben flach, obwohl sie viel zu erzählen gehabt hätten. 

Genauso lange, wie Schweppenstette braucht, um sich einen Reim auf diese neue DDR zu machen - in der es nun höchste Priorität ist, Devisen zu beschaffen - und wieder in den inneren Kreis in der HVA aufgenommen zu werden, genauso lange braucht "Deutschland 86", zur alten Stärke zurückzufinden. Ab Folge 4 etwa sind die Figuren wieder da und dürfen handeln. Plötzlich dürfen sie zeigen, dass die interessantesten Geschichten in ihnen selbst sind. Lenora Rauch, die zurück in der DDR die Ziele des Systems in Frage stellt und sich ihrer Schwester stellen muss, deren Sohn Martin sie ins Exil geschickt hatte. Lenora Rauch, die sich um Rose Sorgen macht, mit der sie eine Beziehung hat. Schweppenstette, der Kontakt mit den Amerikanern aufnimmt. Ärztin Tina Fischer, die ein menschenfeindliches System entlarvt und verzweifelt ist. Barbara Dietrich, die das Devisenbeschaffen auf die Spitze treibt. Nur Rose Seithath und Alex Edel dürfen sich nicht entwickeln: Sie ist und bleibt nichts anderes als das Bindeglied zum Handlungsstrang in Afrika. Er wird zum Vehikel, um einen Handlungsstrang in West-Berlin voranzutreiben, der zu wenige Berühungspunkte mit den anderen Strängen und Figuren hat und bei dem erst in Folge 10 klar wird, welches Ziel damit verfolgt wurde. 

Ab Folge 5 ist es endlich so weit: Ich freue mich auf jede weitere Episode, weil ich wissen will, wie es mit den Figuren weitergeht. Und ich werde mit vielen Szenen belohnt, die mich für die ersten Folgen entschädigen. Ein paar Beispiele: Schweppenstette, wie er auf seinen amerikanischen Nachbarn wartet, um mit ihm Aufzug zu fahren und die etwas verstockten Unterhaltungen zwischen beiden. Barbara Dietrich und Lenora Rauch, wie sie in einem riesigen Besprechungszimmer ein großartiges Zwiegespräch über die alten und neuen Ziele der DDR führen. Oder Lenora Rauch, wie sie betrunken mit ihrem Neffen Martin Rauch über ihren verlorenen Glauben an die DDR redet und immer wieder aus Versehen aufs Klavier haut. Und im Grunde jede Szene, in der es um Tina Fischer geht. Besonders eindrücklich aber ist ihr Warten am Grenzübergang in Episode 8, eine Szene, die mich zu Tränen gerührt hat. 

Welche Figur mich allerdings nur selten packt: Martin Rauch. Anfangs ging er in Action unter, weshalb mir nicht aufgefallen ist, wie schwammig die Figur geworden ist. Und selbst in der zweiten Hälfte der Staffel ist er schwer zu greifen. Ich verstehe, dass seine überzeugende Kompetenz als Spion zu tragen kommen soll, als er allen Seiten alles mögliche verspricht. Doch was will er? Was ist sein eigentliches Ziel? Und als das am Ende deutlich wird und er seinen Plan umzusetzen versucht, passt das Ziel nicht zu seiner Figur.  

Zweite Staffeln sind schwer, keine Frage - besonders wenn die erste auch international so hochgelobt wurde wie im Fall von "Deutschland 83". Doch da "Deutschland 86" in der zweiten Hälfte zur Stärke seiner Figuren zurückgefunden hat, bin ich zuversichtlich, dass sich diese Stärke auch in "Deutschland 89" wiederfinden wird, also in Staffel 3, die von Amazon bereits in Auftrag gegeben wurde. Ich will auf jeden Fall erfahren, was die Ereignisse von 1989 mit Schweppenstette und Lenora Rauch machen. 

"Deutschland 86" ist bei Amazon Prime verfügbar. 

Einen kleinen Lesetipp habe ich noch: Carolin Ströbele hat bei "Zeit Online" eine lesenswerte Analyse zum Zweite-Staffel-Problem deutscher Serien geschrieben. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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