© ZDF/Mathias Bothor
Meine Woche in Serie

ZDF-Serie "Unterleuten": Erst lesen, dann gucken

 

Mit Serien nach Buchvorlage ist das so eine Sache: Man muss sowohl denen im Publikum gerecht werden, die die Vorlage kennen, als auch denen, die die Vorlage nicht kennen. Ulrike Klode hat Juli Zehs Roman "Unterleuten" mit Begeisterung gelesen und zieht nun ein Fazit der ZDF-Serie.

von Ulrike Klode
14.03.2020 - 09:45 Uhr

"Unterleuten" von Juli Zeh ist ein wunderbares, ein bemerkenswertes Buch. Ich erinnere mich noch genau, wie ich es im Sommer 2017 verschlungen habe. Ich saß in einem kleinen Ferienhäuschen an der Schlei auf einem hellroten Sofa, es regnete, mein Mann und meine Tochter spielten irgendwas, waren genervt vom Regen. Mir war das egal. Ich war schließlich in Unterleuten, diesem kleinen fiktiven Ort in Brandenburg, wo der Sommer unerträglich heiß war, als ein Windkraftprojekt geplant wurde, das die Unterleutener gegeneinander aufbringen sollte. 

Auch wenn die Geschichte in Brandenburg spielt und ich in Nordhessen aufgewachsen bin: Ich habe in diesem Buch so viel gefunden, das mir von meiner Kindheit und Jugend in einem 400-Seelen-Dorf bekannt vorkam. Gleichzeitig auch die Sehnsucht der Stadtmenschen nach Dorfidylle, einem Ideal, das so nie zu finden sein wird. Ich bin so leicht in die Figuren hingerutscht, dass ich später sogar davon überzeugt war, dass Juli Zeh nicht nur mit Perspektivwechseln arbeitet, sondern verschiedene Figuren in Ich-Perspektive erzählen lässt. Was übrigens nicht stimmt - aber Bände spricht für den Eindruck, den manche Figuren bei mir hinterlassen haben.

Nicht nur mich, auch viele andere Menschen hat das Buch angesprochen - es war 2016 auf Platz 13 der meistverkauften Bücher in Deutschland. Dass dieser zeitgenössische Gesellschaftsroman, der auch eine Ost-West-Geschichte ist, als Serie adaptiert wird, ist naheliegend. Noch im Erscheinungsjahr kündigte daher das ZDF an, "Unterleuten" als Eventserie produzieren zu wollen. Dreieinhalb Jahre später ist die nun fertig: Aus drei Folgen besteht "Unterleuten - Das zerrissene Dorf", je etwa 90 Minuten lang. In der Mediathek sind sie schon seit einiger Zeit zu sehen, am Donnerstag lief im ZDF der dritte Teil. 

Für mich war die Serie eine Art Wiedersehen - wenn auch ein ungewöhnliches Wiedersehen. Schließlich habe ich nicht nur altbekannte Figuren wiedergetroffen, sondern sie gleichzeitig dabei beobachtet, wie sie dasselbe durchmachen wie bei unserer ersten Begegnung. Aber so ist das nun mal oft, wenn man Bücher, die man gelesen hat, als Serie anschaut - außer, die Adaption weicht stark von der Vorlage ab. Doch die Serie "Unterleuten" ist nah dran am Buch - was mich freut. Gleich in den ersten Minuten überzeugt mich das Casting: Die Figuren sind so besetzt, wie ich sie mir vorgestellt habe. (Thomas Thieme als Rudolf Gombrowski, genial! Aber auch alle anderen Rollen - super!) Die Spielorte ebenso. Und auch das Spiel der Schauspieler und Schauspielerinnen passt zu meinem Bild der Figuren.

Es ist, als hätte das Team um Regisseur Matti Geschonneck und Autor Magnus Vattrodt in meinen Kopf geguckt und dann alles so umgesetzt, wie sie es da vorgefunden haben. Das ist gut - für mich. Und dieses besondere Gefühl ist wieder da: Genau wie im Sommer 2017 in dem kleinen Ferienhäuschen an der Schlei bin ich begeistert von Juli Zehs Geschichte und ihren bemerkenswerten Figuren. Klar kommt nicht alles in den drei Teilen vor. Da musste gekürzt werden, 640 Seiten lassen sich nicht eins zu eins in 270 Minuten übersetzen. Auch dramaturgische Gründe haben sicher eine große Rolle gespielt. Aber: für mich funktioniert diese Serie in ihrer Umsetzung hervorragend. 

Allerdings, und jetzt kommt ein großes ALLERDINGS: Für mich funktioniert es, weil ich das Buch gelesen habe. Weil ich das Buch gelesen habe, komme ich sofort in die Figuren hinein, verstehe ihre Motivation, ihre Gefühle. Doch für diejenigen, die das Buch nicht kennen, wird das viel schwieriger. Denn - und das wurde mir erst beim Nachdenken nach dem Gucken klar - in der Serie ist es nicht gelungen, die viele Arbeit, die Juli Zeh in die Charakterisierung der Figuren steckt, entsprechend zu übersetzen. Ja, ich weiß, "gelungen" hört sich so an, als hätte man das versucht und keinen Erfolg gehabt. Das kann ich natürlich nicht beurteilen. Vielleicht war es auch eine bewusste Entscheidung. Für mich ist es aber ein Defizit. Denn bei Juli Zehs Roman sind es die Figuren, die so stark und bemerkenswert sind. Die Handlung ist für sich betrachtet ganz ok. Doch erst durch die Figuren, die so ambivalent, so vielschichtig sind und so detailliert beschrieben wurden, wird die Handlung zu einer großen Geschichte über unsere Gesellschaft, über Hass, Missgunst und Habgier.

Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Arbeit und mehr Aufwand in die Figuren gesteckt worden wäre. Dass den Figuren mehr Raum gegeben wird - auch wenn das auf Kosten der Handlung gegangen wäre. Die tollen Figuren hätten das wettgemacht. Dann wäre ein eigentlich spannender Charakter wie Elena Gombrowski (Christine Schorn) nicht zu einer griesgrämigen Alten reduziert worden, deren Entscheidung, ihren Mann zu verlassen, plötzlich kommt und es nicht nachzuvollziehen ist, warum sie diese Ehe 30 Jahre über sich hat ergehen lassen.

Der Roman kann seine Wucht nur entfalten, weil seine Figuren fein ausgearbeitet und facettenreich sind, weil sie leben und atmen dürfen. Die Serie kann diese Wucht leider nur für die Menschen im Publikum entfalten, die das Buch bereits kennen. Das ist sehr schade - weshalb ich jeder und jedem nur dringend empfehlen kann: Lest "Unterleuten" von Juli Zeh. 

Alle drei Folgen von "Unterleuten - Das zerrissene Dorf" gibt's in der ZDF-Mediathek, das Buch "Unterleuten" von Juli Zeh im Buchhandel.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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