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Meine Woche in Serie

"Star Trek: Picard": Ach, Jean-Luc!

 

Die erste Staffel von "Star Trek: Picard" ist am Freitag zu Ende gegangen. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hatte mehr erwartet - besonders von der Hauptfigur Jean-Luc Picard. Jetzt zieht sie ein Fazit. Ohne Spoiler.

von Ulrike Klode
28.03.2020 - 10:00 Uhr

Ach, Jean-Luc.

Diese neue Zeiten sind nicht einfach für dich, wie wir gesehen haben. Dabei meine ich nicht die neuen Zeiten in der Föderation und in der Sternenflotte: dass die Synths - wie dein Freund Data einer war - nun verboten sind, dass die alten Werte nichts mehr zählen, dass niemand mehr auf dich hört. Sondern ich meine die neuen Zeiten, in denen du zu sehen bist. Serien, das sind längst nicht mehr 22 bis 26 einzelne Geschichten unterschiedlicher Qualität pro Staffel mit mehr oder weniger gut ausgearbeiteten Figuren. Serien, das sind jetzt vor allem komplexe Geschichten, die über 6, 10 oder auch 13 Folgen erzählt werden, getragen von facettenreichen Figuren. Und das Entscheidende: Serien werden jetzt ernstgenommen. Und zwar nicht nur von den Fans der jeweiligen Serie. Sondern insgesamt. Dafür wird mehr Geld ausgegeben, damit ist mehr Prestige verbunden. Geld und Prestige - beides hat ja auch dazu geführt, dass du jetzt wieder auf dem Bildschirm zu sehen bist. 

Bitte versteh mich nicht falsch, Jean-Luc: Ich habe mich sehr gefreut, dich wiederzusehen. Sogar in jeder einzelnen Folge. Aber nach dem Anschauen der ersten drei Folgen hatte ich dich überschätzt. Ich hatte gedacht, dass du eine ausgereifte, komplexe Figur bist, die nicht nur in der Lage ist, eine spannende zehnteilige Geschichte zu tragen (meinen Kolumnentext dazu gibt's hier). Sondern dass du auch noch darüber hinaus wirkst, weil du ein besondere Figur bist, die Werte verkörpert. So hatte ich dich in Erinnerung aus den vielen Folgen "The Next Generation". Eine Figur, wie wir sie in Zeiten wie diesen brauchen. Doch, wie ich jetzt festgestellt habe, bist du das nicht. Du inspirierst nicht mehr und bist auch überraschend wenig komplex, sondern du bist vor allem: arrogant - zum Beispiel, als du zur Sternenflotte reinmarschiert bist, um ein Schiff zu fordern; rücksichtslos - zum Beispiel mehrfach Raffi gegenüber; und hadernd - mit den ganzen Veränderungen um dich herum. Das ist zwar auf eine bestimmte Art interessant. Aber schade. Denn die Serienwelten wimmeln derzeit von arroganten männlichen Figuren, die hadern. Das einzig Neue an dir: Du darfst wirklich alt sein.

Jetzt frage ich mich natürlich: Warum hatte ich dich überschätzt? Lag es vielleicht daran, dass das Bild deiner Persönlichkeit in meinem Kopf bruchstückhaft über 178 Folgen entstanden ist? 178 Folgen, in denen nur ganz selten deine Charakterentwicklung im Mittelpunkt stand, sondern fast immer ein Abenteuer, das du mit deiner Crew durchstehen musstet? Aus diesen Bruchstücken habe ich mein Bild von dir geformt. Und mit Sicherheit habe ich dabei das eine oder andere Bruchstück vergessen. Ich hatte dich als ausgeformte, besondere Figur im Kopf, mit der man jetzt - da Serien aufwändig geschrieben und produziert werden - komplexe Geschichten erzählen kann.

Ach, Jean-Luc, klar weiß ich, dass du nichts dafür kannst. Dass du nur das Produkt derjenigen und diejenigen bist, die dich schreiben. Und ja, das enorme Gepäck, das du aus vergangener Zeit mitbringst, macht es nicht einfacher. Da gibt es so viele sich widerstrebende Erwartungen, denen man gerecht werden muss. Vielleicht habe ich dich also gar nicht überschätzt. Sondern meine Enttäuschung ist nur die Folge von bewussten Entscheidungen im Team der Autoren und Autorinnen. Die das Potenzial einer Figur, wie ich sie im Kopf hatte, nicht gesehen oder anders eingeschätzt haben. Erwartungen wie meine spielten da offenbar keine Rolle, weil man mit dem zurückgeholten, gealterten Captain nichts Neues versucht hat, sondern auf bewährte Erzählmuster und Figurenausrichtungen zurückgegriffen hat. Die zwar für eine Serie, die in den 90ern lief, neu sind. Die aber seit einigen Jahren Standard sind für aufwändig produzierte Serien, die Geschichten über eine Staffel hinweg erzählen. 

Natürlich werde ich auch die nächste Staffel mit dir schauen, einfach, weil ich dich, die "Star Trek"-Welten und die Geschichten mag, die mit dir erzählt werden, weil ich mit dir aus alten "The Next Generation"-Zeiten so viel verbinde. Und weil mir das Finale richtig gut gefallen hat - es macht mir Hoffnung darauf, dass du doch noch zu der Figur werden könntest, wie ich sie mir gewünscht hätte. Außerdem, Jean-Luc, wissen wir ja beide: Erste Staffeln sind im "Star Trek"-Universum fast schon traditionell schwache Staffeln. Daran gemessen war diese erste Staffel von "Star Trek: Picard" eigentlich gut. Und vielleicht, mein lieber Jean-Luc, brauchst du eben einfach Zeit, dich und deine besondere Rolle zu finden. Bis dahin werde ich weiterschauen: Ich werde mich freuen, dich zu sehen; ich werde selbst ein bisschen hadern; ich werde mich der "Star Trek"-Geschichten erfreuen. Und ich werde mich weiter für Seven of Nine begeistern - bei der ich mich sehr darüber freue, dass sie in Staffel 2 eine größere Rolle spielen könnte. Grüß sie bitte von mir. Und: A bientôt, Jean-Luc!

Die erste Staffel von "Star Trek: Picard" ist bei Amazon (Prime) verfügbar.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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