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Meine Woche in Serie: Polizeiserien

Weiß doch jeder, dass das fiktiv ist. Oder?!

 

In den USA wird über das Genre Polizeiserien diskutiert. Der Vorwurf: Hier wird glorifiziert. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode steigt in die Diskussion ein und fragt: Müssen sich Autoren und Autorinnen mehr Gedanken über die von ihnen vermittelten Bilder machen?

von Ulrike Klode
13.06.2020 - 10:05 Uhr

Eigentlich sollte dieser Text über die letzte Staffel von "Homeland" gehen - damit wollte ich mich in die Sommerpause verabschieden. Aber ich habe mich umentschieden. Und das nicht, weil die letzte "Homeland"-Staffel es nicht wert wäre, darüber nachzudenken und zu schreiben. Sondern weil es im Serienkosmos gerade ein wichtigeres Thema gibt: das Polizei-Bild, das viele Polizeiserien vermitteln. Der Vorwurf: Diese Serien glorifizieren, machen die Polizei zu Helden und Heldinnen, zeigen Probleme nur aus Polizei-Perspektive. Die Diskussion wurde dadurch ausgelöst, dass ein amerikanischer weißer Polizist Ende Mai den schwarzen Amerikaner George Floyd getötet hat - und nun seit mehr als zwei Wochen täglich Hunderttausende in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Straße gehen.

Ich bin kein besonderer Fan von klassischen Polizeiserien - aber mal so nebenbei habe ich natürlich einige Folgen unterschiedlicher Vertreter des Genres gesehen. "Law & Order", "CSI" und wie sie alle heißen. Bis vor ein paar Tagen waren sie mir egal. Also, klar, mir war bewusst, wie wichtig sie für die Serienindustrie sind, weil sie nach wie vor diejenigen Serien sind, die verlässlich für hohe Quoten sorgen. Aber über dieses wirtschaftliche Phänomen hinausgehend waren sie mir egal. Dann habe ich erst den Text "Cops are Always the Main Characters" von Kathryn VanArendonk bei "Vulture" gelesen, in dem sie aufzeigt, dass es ein Problem ist, wenn die Polizei fast ausnahmslos der positiv besetzte Protagonist ist, aus dessen Perspektive erzählt wird. Kurz darauf "Die zwei Seiten von Law & Order - über die kulturelle Diskrepanz von Bildern" von Sandra Beck im deutschsprachigen Literaturblog "54 Books", die Gedanken aus VanArendonks Text aufgreift und weiterdenkt. Schließlich noch den Kommentar "Shut down all police movies and TV shows. Now." von Alyssa Rosenberg in "The Washington Post", die das strukturelle Problem sieht und fordert, alle Polizeiserien und -filme einzustellen*. Und dann fing ich an, über die Darstellung von Polizei in Serien nachzudenken. 

Ich machte mir Gedanken zur Medienwirkungsforschung: Dass in unserer komplexen Welt Menschen ihr Bild von gesellschaftlichen Bereichen und anderen Kulturen, die sie selbst nie aus erster Hand erleben, aus den Massenmedien ziehen und auch die fiktionalen Erzählungen da eine große Rolle spielen. Dann dachte ich über mein eigenes Bild von Polizei nach und wodurch es geprägt ist: Ich bin weiß und in einer Mittelschichtfamilie auf dem Land aufgewachsen, beide Privilegien haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich selbst bisher keine negative Erfahrung mit der Polizei gemacht habe. Ich habe aber mehr als zehn Jahre im Nachrichtenjournalismus gearbeitet, in dem Verbrechen und Polizeiarbeit eine besondere Bedeutung haben. Ich habe außerdem viele Serien und Filme gesehen und Kriminalromane gelesen, in denen es um Ermittler und Ermittlerinnen, Verbrechen und deren Aufklärung geht. Eigene Erfahrung, journalistische Berichtererstattung, fiktionale Erzählung - all das zusammengenommen ergibt mein Bild der Polizei. Dieses Bild ist sehr facettenreich (und natürlich unterscheiden sich in diesem Bild die Polizeien je nach Land, Aufgabengebiet und Staatsform).

Mich würde sehr interessieren, woher welche Facette stammt, doch das wäre eine aufwändige Recherchearbeit, die jetzt zu weit führen würde. "Tatort", "KDD", "Großstadtrevier", "The Wire", "Veronica Mars", "True Detective", "Line of Duty", "Brooklyn Nine-Nine", "Broadchurch", "Die Brücke", "The Killing" - um jetzt nur ein paar Serien aufzuzählen, die ich gesehen habe, in denen Ermittler oder Ermittlerinnen und die Polizei im Mittelpunkt stehen. Mit anderen Worten: Meine Vorstellung ist stark beeinflusst von dem Bild, das Autoren und Autorinnen von Polizistinnen und Polizisten entwerfen. 

Die erfolgreichen amerikanischen Polizeiserien wie die verschiedenen "Law & Order"-Ableger oder die "CSI"-Varianten haben auch in Deutschland ein Millionenpublikum, das dort vermittelte Bild der Polizei prägt sich also auch bei den Zuschauern und Zuschauerinnen hierzulande ein. Grundsätzlich kann ich den Reiz dieser Serien verstehen. Aufregung und Spannung für eine knappe Stunde, ohne dass man sich eine komplexe Vorgeschichte über Wochen merken muss, in einer wohlbekannten und über Jahre erlernten Struktur erzählt, und am Ende gibt es eine - meist - beruhigende Lösung. Die Botschaft: Wenn die Polizei sich kümmert, wird alles gut. Und wozu, wenn nicht zum Kümmern, ist die Polizei schließlich da? Sie beschützt uns, sie sorgt dafür, dass wir beruhigt schlafen gehen können. Und wenn das System mal einen Fehler machen sollte, gibt es immer eine Heldin oder einen Helden in den Behörden, um den Fehler wieder geradezubiegen. Dafür übertreten diese Good Cops dann auch mal Gesetze - aber natürlich nur für einen guten Zweck.

In diesen meist 45-minütigen Folgen werden zwar Fälle aus allen gesellschaftlichen Schichten und Bereichen erzählt, aber hier ist kein Platz für komplexe Themen wie struktureller Rassismus oder Polizeibrutalität. Und wenn, dann wird Rassismus oder illegitime Gewalt, die von der Polizei ausgehen, als Einzelfälle gezeigt, die von den Helden und Heldinnen der Serie in nur einer Episode aufgeklärt werden. Ganz zu schweigen übrigens vom Infragestellen der Aufgaben und Kompetenzen der Polizei. All das zusammengenommen kann zur Folge haben: Grundlegende Probleme in der echten Polizei werden nicht wahrgenommen, weil das glorifizierende Bild alles überlagert - ein nötiger Veränderungsdruck kann so nicht entstehen. Und um genau diese Diskrepanz geht es jetzt in der Diskussion in den USA.

Dieses in fiktionalen Erzählungen erzeugte Bild wirkt nicht nur auf Leute, die mit der Arbeit der Polizei eigentlich nichts tun haben, sondern auch auf die Polizistinnen und Polizisten selbst. Ein Extrembeispiel, wenn auch nicht aus einer Polizeiserie: Ich habe mit Schrecken gelesen, dass der Punisher - eine brutale Marvel-Comic-Figur, die bei Netflix eine eigene Serie bekommen hat - offenbar zum Idol bestimmter Polizisten in den USA geworden ist. Einige haben bei Einsätzen in den vergangenen Tagen das Punisher-Symbol an der Uniform getragen. Der Punisher? Ein blutverschmierter Typ, der zu Selbstjustiz greift, weil Polizei und Justiz versagt haben? Im Ernst jetzt? Doch die Faszination ist nicht neu, wie Abraham Riesman bei "Vulture" unter dem Titel "Why Cops and Soldiers love the Punisher" schon 2017 zum Start der Serie schrieb.

Weder Marvel noch der Disney-Konzern, zu dem Marvel gehört, haben sich bisher explizit zum Punisher-Problem geäußert, stattdessen wurde auf geplante Millionen-Spenden für Organisationen verwiesen, die sich gegen Rassismus einsetzen (siehe zum Beispiel den Text bei "Gizmodo"). Gerry Conway, der Autor der Figur, sieht sich in der Verantwortung und hat Ende 2019 in einem Gespräch mit "Syfy.com" klargestellt: "Ein Selbstjustiz-Anti-Hero ist von seiner Anlage her eine Kritik des Justizsystems, ein Beispiel für soziales gesellschaftliches Versagen. Der Punisher ist ein Feind des Systems, ein Gesetzloser, ein Verbrecher. Die Polizei sollte einen Verbrecher nicht als ihr Symbol wählen." Und seine Reaktion vor ein paar Tagen: Er hat gemeinsam mit jungen schwarzen Künstlern T-Shirts entworfen, die das Punisher-Zeichen nun in den Black-Lives-Matter-Kontext stellen, wie "The Guardian" berichtet.  

Das führt mich zur Frage: Inwieweit setzen sich Serienautoren und -autorinnen eigentlich damit auseinander, wie ihre Figuren wirken? Welches Bild beim Publikum erzeugt wird? Nicht falsch verstehen, ich will jetzt nicht Generationen von Autoren und Autorinnen verdammen, die Polizeiserien schreiben. (Das wäre ein anderer Text und würde sich an die Verantwortlichen in den Sendern und in den Produktionsfirmen richten - wie es Alyssa Rosenberg in ihrem oben angesprochenen Text getan hat.) Sondern ich würde gerne verstehen, ob die Verantwortung für das Bild, das man erschafft, ein Thema ist.

Zum Entwickeln von Figuren und ihren Geschichten gehört es natürlich, dass man sich Gedanken über die Figur macht, die nicht notwendigerweise direkt etwas mit der Geschichte, die man erzählen will, zu tun haben. Das geht von komplexen Fragen wie "Was treibt sie an?" über "War sie in der Schule beliebt?" bis einfachen wie "Wie viele Geschwister hat sie?". Und vielleicht auch, welches Menschenbild der Serie zugrundeliegt - als Basis sozusagen. Aber das sind alles Gedanken, die nötig sind, um die Figuren und die Welt, in der sie sich bewegen, zu erschaffen. Sie gehen nicht über die Serie an sich hinaus, sie zielen nicht in die Köpfe des Publikums. 

Doch es wäre wichtig, sich die Frage nach dem vermittelten Bild zu stellen. Was bewirkt es im Publikum, wenn die Ermittler und Ermittlerinnen im Mittelpunkt stehen, die immer wieder verlässlich erfolgreich Täter und Täterinnen überführen? Die Verbrechen in einer enormen Quote aufklären, von der die echte Polizei nur träumen kann? Aus deren Perspektive heraus jeder Mensch, der nachts mit einer Kapuze durch die leeren Straßen schlendert, verdächtig wirkt? Und wenn die Person dann auch noch dunkle Haut hat, umso mehr? (Rassismus! Im deutschen Fernsehen? Oh ja, den gibt es. Und ich habe Ende Februar darüber geschrieben, was die Folgen sind und was man dagegen tun kann.)

Wieso, ist doch eh alles fiktiv, das weiß man doch! - Ja? Weiß man das? Ich habe oben ausgeführt, woraus sich das Bild in meinem Kopf zusammensetzt. Mein Job ist es, Serien zu schauen, über Serien nachzudenken, über Serien zu schreiben. Und selbst bei mir vermischen sich die Bilder unterschiedlicher Herkunft zu einem Bild. Natürlich weiß ich, dass sowohl die Verbrechens- als auch die Aufklärungsquote im wahren Leben nicht dem entspricht, was im "Tatort" gezeigt wird. Und doch schleicht sich das positive Bild bei mir ein, das ich so häufig gesehen habe: Am Ende wird der Täter oder die Täterin dingfest gemacht, und die Gerechtigkeit siegt. Erst wenn ich gezielt darüber nachdenke, kann ich das, was sich da vermischt hat, trennen. Aber auch nur, weil ich als Profi-Guckerin eben die Zeit habe, mich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich einfach nur abends zur Entspannung immer mal wieder Polizeiserien schauen würde, wäre mir vielleicht nicht bewusst, wie wenig die Serie mit der Realität zu tun hat. Und wie stark mich die dort gezeigte Polizeiperspektive prägt, wie sehr ich reale Probleme durch die von Serien übernommene Polizeibrille betrachte.  

Der Showrunner der seit mehr als 20 Jahren laufenden Serie "Law & Order: Special Victims Unit"**, Warren Leight, hat in einem interessanten Interview im Podcast "TV's Top 5" von "The Hollywood Reporter" vor ein paar Tagen gesagt, dass er das Problem ebenfalls sehe, dass die Polizei in Polizeiserien insgesamt zu positiv dargestellt werde. Für seine eigene Serie könne er das aber nicht einschätzen. An einer anderen Stelle in dem Gespräch führt er allerdings aus, dass "Law & Order: SVU" zeige, wie das System funktionieren müsse, damit es Gerechtigkeit gebe. Die Hauptfiguren machten zwar auch Fehler, würden sie aber erkennen und korrigieren. "Aber kann das Publikum denn unterscheiden zwischen so soll es sein und so läuft es in Wirklichkeit ab? Ist da nicht die Gefahr, dass die Zuschauer die Serie als Beweis dafür ansehen, dass das Justizsystem funktioniert?", wird er gefragt. Woraufhin er sinngemäß antwortet: Ja, die können das unterscheiden. Und als Beleg nennt er Zuschauerbriefe, in denen jemand zum Beispiel schreibt, dass er sich wünsche diese oder jene Figur hätte in seinem Fall ermittelt, dann wäre alles anders ausgegangen. Mir zeigt diese Antwort: Warren Leight unterschätzt die Wirkung seiner Serie, er scheint sich erschreckend wenig Gedanken darüber gemacht zu haben. Denn Zuschauerpost wie diese ist in meinen Augen ein Beleg für das Gegenteil: Die Person, die das geschrieben hat, geht davon aus, dass diese oder jene Figur in Realität existieren könnte, dass das System in Wirklichkeit genau so funktioniert, wie in "Law & Order: SVU" gezeigt. 

Dabei ist Warren Leight offenbar einer von denen, die sich Gedanken machen. Er kritisiert, dass die Showrunner von amerikanischen Polizeiserien weiß und männlich sind. Er beschreibt, wie unerwartet stark es sich auf die einzelnen Folgen seiner Serie ausgewirkt hat, seitdem ein Drittel der Autoren im Team nicht-weiß sind. Er sagt auch, dass sie sich noch mehr bemühen müssten zu zeigen, wie stark die ethnische Herkunft und die Klassen-Zugehörigkeit darüber entscheiden, wie Verdächtige und Zeugen behandelt werden, wie Verbrechen verfolgt und Urteile gefällt werden.

Natürlich ist Warren Leight nicht das Maß aller Dinge, er ist nur einer von vielen (wenn auch ein einflussreicher, der seit mehr als 15 Jahren Polizeiserien schreibt und entwickelt). Aber er ist ein Beispiel, das zeigt: Hier wird zu wenig über das vermittelte Bild nachgedacht. Denn erst, wenn man darüber nachgedacht hat und sich dessen bewusst ist, kann man eine Entscheidung fällen: Will ich dieses Bild vermitteln? Wenn ja, ist das eine absichtsvolle Entscheidung. Wenn nein, kann das Bild noch verändert werden. Aber gar nicht darüber nachzudenken, ist nachlässig - besonders bei Serien mit Millionenpublikum. Meine Hoffnung: Dass sich das durch die angestoßene Diskussion verändert. Und nicht nur bei Polizeiserien, sondern bei allen Serien. 

Diese Kolumne geht jetzt in die Sommerpause - wir lesen uns im August wieder!

*Zwei US-Dokuserien, die Polizisten und Polizistinnen bei ihrer Arbeit zeigen, wurden übrigens Mitte der Woche eingestellt (Nachricht bei DWDL).
**Die Serie "Law & Order: Special Victims Unit" ist in Deutschland unter zwei Namen bekannt: Unter dem Originalnamen - auch "Law & Order: SVU" abgekürzt - und unter "Law & Order: New York".

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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