Ein Gastbeitrag von Andrea Schönhuber-Majewski, Geschäftsführerin der MoveMe GmbH. Sie ist Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Produktionsallianz und Vorsitzende der Sektion Entertainment.
25 Jahre und kein bisschen leise. Happy Birthday, DWDL!
Ungefähr so lange bin auch ich in der Fernseh- und Entertainmentbranche unterwegs. Genau genommen sind es inzwischen sogar schon über 30 Jahre. In dieser Zeit hat sich unsere Branche mehr als einmal gehäutet. Wir haben Krisen erlebt, neue Sender, neue Plattformen, neue Technologien und den Aufstieg und Fall ganzer Genres.
Aber ich glaube, jetzt stehen wir tatsächlich vor einem der größten Umbrüche unserer Branche. Ist das schlimm? Nicht unbedingt. Es ist vor allem anders. Und anders muss ja nicht schlechter sein.
Deshalb möchte ich auch keine Trauerrede auf das gute alte Fernsehen halten. Keine nostalgische Rückschau darauf, wie wunderbar früher alles war. Sondern lieber Mut machen. Und das ausgerechnet als „alte weiße Frau“, die nach mehr als 30 Jahren in diesem Geschäft immer noch Lust hat, mitzumischen.
Denn eines ist klar: Was wir vor allem brauchen, ist gutes Programm. Und dafür brauchen wir mutige Produzenten und mutige Entscheider.
Die klassischen Privatsender kämpfen mit sinkenden Reichweiten und Werbeeinnahmen. Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen, ihre Strukturen zu reformieren, bleiben aber häufig in genau diesen Strukturen gefangen. Und die Streamer mischen den Markt kräftig auf, produzieren in Deutschland aber wesentlich weniger als die klassischen Sender.
Gleichzeitig werden die Budgets knapper. Die klassischen Brot-und-Butter-Formate verschwinden zunehmend. Entweder soll es der ganz große Hit sein, möglichst mit einem prominenten Namen, oder das Programm muss so billig sein, dass wir Produzenten am besten gleich noch die Finanzierung mitbringen.
Und was machen wir? Wir jammern. Über die Sender, die Streamer, die Budgets und die fehlenden Aufträge.
Ich kann es verstehen. Aber ich kann es langsam auch nicht mehr hören.
Vielleicht sollten wir wieder mehr darüber nachdenken, was wir selbst verändern können.
Die großen Produktionsgruppen werden immer größer. Es wird fusioniert, gekauft und konsolidiert. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Größe bringt finanzielle Kraft, internationale Netzwerke und die Möglichkeit, Risiken zu verteilen.
Aber Größe macht nicht automatisch kreativ. Und schon gar nicht beweglich.
Hier liegt für mich die große Chance der unabhängigen Produzenten.
Ich glaube an kleine Speedboote. An Unternehmen, die schnell reagieren können, die nicht erst durch fünf Hierarchieebenen müssen, bevor jemand eine Entscheidung trifft. Die ungewöhnliche Ideen ausprobieren, Talente entdecken und auch einmal Risiken eingehen.
Kleine Speedboote können Dinge, die große Tanker nicht können. Sie sind wendiger, schneller und können auch einmal in unbekannte Gewässer vorstoßen.
Aber eines müssen wir dafür dringend lernen: Wir müssen aufhören, immer nur Einzelkämpfer sein zu wollen.
Warum arbeiten unabhängige Produzenten nicht viel häufiger zusammen? Warum bündeln wir nicht unsere Kräfte, entwickeln gemeinsam Stoffe, teilen Netzwerke, Know-how und finanzielle Risiken? Warum denken wir bei anderen Produzenten immer zuerst an Konkurrenz und nicht an mögliche Partner?
Wir müssen ja nicht gleich fusionieren, um gemeinsam stärker zu werden.
Und dass das nicht nur Theorie ist, erlebe ich gerade selbst: Gemeinsam mit der Produktionsfirma me:works produzieren wir eine sechsteilige Doku-Serie für Amazon. Zwei unabhängige Produzenten bringen ihre Erfahrungen, Ideen und Kontakte zusammen, statt sich als Konkurrenz zu betrachten. Und wisst ihr was? Es macht unglaublich viel Spaß!
Oder unser Joint Venture mit Steffen Henssler und Tobias Bischoff. Gemeinsam haben wir die Mizu gegründet und produzieren nicht nur Kochformate miteinander.
Jeder steuert etwas Eigenes bei, inspiriert und fordert den anderen heraus. So werden gemeinsam Dinge möglich, die man allein vielleicht nicht angegangen wäre. Man muss nicht alles selbst machen oder können. Für mich ist dieses Zusammenarbeiten die beste Bestätigung meiner These: Gemeinsam erreichen wir mehr, ohne unsere Unabhängigkeit aufzugeben.
Und wenn wir schon über Unabhängigkeit sprechen, müssen wir auch über unsere Rechte reden. Wir entwickeln Ideen, investieren Zeit, Geld und Kreativität, tragen unternehmerische Risiken – und am Ende gehören uns die Formate meist nicht mehr. Natürlich müssen Sender und Plattformen ihre Investitionen absichern. Aber warum können Rechte nach einer bestimmten Zeit nicht an uns zurückfallen? Warum sollten wir erfolgreiche Formate nicht selbst weiterentwickeln oder international vermarkten können, wenn ein Sender sie nicht mehr nutzt?
Gerade für kleinere Produktionsfirmen wäre das eine riesige Chance, langfristig eigene Werte aufzubauen. Wir können nicht immer unternehmerischen Mut von Produzenten verlangen, wenn wir ihnen gleichzeitig die Möglichkeit nehmen, mit ihren eigenen Ideen unternehmerisch erfolgreich zu sein.
Und natürlich müssen sich auch die Auftraggeber bewegen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche von ihnen dem produzentischen Denken deutlich mehr Raum geben als andere. Bei einigen habe ich leider oft noch das Gefühl, dass man uns Produzenten nicht wirklich zutraut, selbst kreativ zu denken. Da wird immer noch viel zu häufig Redakteursfernsehen gemacht.
Dabei müssten doch gerade jetzt alle ein gemeinsames Interesse daran haben, dass neue, überraschende und erfolgreiche Programme entstehen. Dafür braucht es Vertrauen und die Bereitschaft, auch einmal zu scheitern.
Denn wenn wir nur noch das produzieren, was schon einmal funktioniert hat, werden wir irgendwann nichts mehr produzieren, was wirklich überrascht.
Und wir Produzenten müssen wieder mehr wagen. Mich erinnert die heutige Situation manchmal an die Zeit, als wir angefangen haben. Da gab es keine Sicherheit, keine Garantien und oft auch kein Geld. Aber es gab Ideen, Leidenschaft und den unbedingten Willen, etwas auf die Beine zu stellen.
Genau diesen Start-up-Geist wünsche ich mir zurück. Dazu gehört auch, jungen Talenten wirklich eine Chance zu geben. Nicht nur darüber zu reden, sondern ihnen Verantwortung zu übertragen. Und zu akzeptieren, dass die nächste Generation Fernsehen und Entertainment vielleicht ganz anders denkt als wir. Zum Glück!
Ich wünsche mir eine Branche, in der wieder mehr ausprobiert wird. In der nicht jede Idee durch so viele Gremien geschleust wird, bis von ihrer ursprünglichen Kraft kaum noch etwas übrig ist. In der Produzenten als Creative Counterparts, Unternehmer und nicht nur ausführende Dienstleister sind.
Vielleicht müssen wir dafür wieder ein bisschen so denken wie mit 25. Weniger Angst vor dem Scheitern, mehr Lust auf Neues. Weniger Besitzstandsdenken, mehr Neugier. Und vor allem weniger Jammern.
Denn eines habe ich in 30 Jahren gelernt: Unsere Branche war immer dann am spannendsten, wenn sich gerade alles verändert hat.
Also lasst uns die Veränderung nicht nur ertragen. Lasst sie uns gestalten.
Die großen Tanker werden ihren Weg schon machen. Aber ich hätte große Lust, mit ein paar kleinen Speedbooten ordentlich Wellen zu schlagen.
Happy Birthday, DWDL! Und auf die nächsten 25 Jahre.





