Ein Gastbeitrag von Corinna Mehner, Geschäftsführerin der Studio Alba Productions GmbH, Professorin und Vizepräsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen München. Sie ist Mitglied im Vorstand der Sektion Kino sowie im Gesamtvorstand der Produktionsallianz.
CONTENT IST KING - Unser Nachwuchs kennt sich im Multiplattformen-Geschichtenerzählen besser aus als wir das bisher berücksichtigen
Ich habe das Glück, seit ein paar Jahren neben meiner produzentischen Tätigkeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in München als Professorin für Produktion unseren Nachwuchs mit auszusuchen und kennenzulernen und darf versuchen, deren Anliegen zu verstehen. Ich versuche, unserem Nachwuchs mein „altes“ Wissen weiterzugeben über Content entwickeln, finanzieren, produzieren und auszuwerten und gemeinsam mit ihnen zu verstehen, wie ihr und unser Morgen aussehen könnte.
Ein Blick über den Tellerrand auf die Aufgaben des Produzierens von gestern und heute hinaus, ein Blick in unser Morgen aus dieser Perspektive ist ein Blick, der sich mehr als lohnt.
Jedes Jahr stehe ich in der Filmhochschule während der Vorlesungen oder unseren Hochschulleitungssitzungen oder Abteilungssitzungen - ein ganzes Haus engagierter Menschen, die sich für unser Morgen einsetzen - und sehe in die Zukunft der deutsche Film und Fernsehbranche.
Drehbücher, die man in dieser Reife nicht erwarten dürfte, Regiehandschriften, nach denen man sich sehnt, junge Produzentinnen und Produzenten mit viel Mut und viel Leidenschaft, die unseren Markt und unsere Branche oft bereits schlauer und breiter analysiert haben als wir „fertigen“ Branchenteilnehmer in all unserer Differenziertheit. Ich begegne dort dem Wunsch nach sehr viel Genrefreude, einer großen Genrefreiheit, anderen Erzählweisen und einer anderen Wertestruktur unsere Gesellschaftsformen, als wir bisher gewohnt sind.
Absolventinnen und Absolventen, die brennen, wie man selten noch brennt. Content ist King und diese jungen Menschen sind unsere Nachfolge. Wenn wir sie nicht ernst nehmen, verlieren wir den Zugang zum Content von morgen.
Seit ich selbst als Produzentin für unseren Markt tätig bin, wird das Kino regelmäßig für tot erklärt, unsere Branche für zu zerklüftet, für zu unberechenbar. Erst kam das Internet, dann das Streaming, die Gamesbranche, dann der Creator bei YouTube, TikTok und Instagram und jetzt die KI-Modelle. Immer neue Geschäftsmodelle, neuer Hype, große wirtschaftliche Veränderungen.
Und was ist immer geblieben? Der sich wie immer geartete und zu entwickelnde Content, der scheinbar aufwendiger herzustellen und zu verbreiten ist als je. Aber ist das wirklich so?
Technologien verändern sich. Auch, wie Geschichten entstehen und verbreitet werden. Aber nie, dass sie entstehen. Ob Tonfilm oder Algorithmus: Am Ende entscheidet, ob ein Inhalt trägt, unterhält, anrührt oder begeistert - und ob es jemanden gibt, der ihn machen kann. Und wer genau macht den Inhalt in Zukunft, den Content, der auf den Multiplattformen vertrieben wird? Wer hat Verständnis und Knowhow genug für diese Inhalte, die vielen unterschiedlichen Ausspielplätze, möglicherweise teilweise gleichzeitig oder in Koproduktion funktionieren müssen?
Und hier möchte ich gerne ansetzten. Unser Nachwuchs sitzt bereits in unseren Hörsälen.
Die Frage, die wir uns aber heute stellen sollten, ist nicht, wie früher das immer der Fall gewesen war, wie unser Nachwuchs uns möglichst ähnlich folgt und unseren Vorstellungen entspricht. Sondern: wie gehen wir heute adäquat mit unserer so scheinbar unsicheren Zukunft, unserem Wunsch nach Planungssicherheit und unserem Nachwuchs um?
Die bedeutende Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, sollte also nicht sein, wer unser Nachwuchs ist und was er können sollte, sondern was unser Nachwuchs in unserer Branche vorfindet. Und die Antwort darauf sollten wir, die Chefs von heute, die Geschäftsführerinnen und Senderchefs, Produktions- und Plattformchefs, uns genau überlegen. Vorbild sein im Weiterdenken ist in unserer Branche keine Kür, sondern Pflicht. Denn wir kreieren und verbreiten Content. Content für die ganze Welt. Content, der verändert. Content, der zusammenhält. Content für unser aller Morgen.
Eines ist gewiss: nach vorne denken kann tatsächlich - im Moment noch - nur der Mensch und nicht die KI-Modelle.
Wir argumentieren in Quartalen, Plänen, Strategien, Algorithmen. Unsere Zukunft ist aber der Content von morgen. Unsere Zukunft liegt nicht in unseren Bibliotheken, unseren Lizenzen und unseren Formaten von gestern.
Der Content von morgen wird von Menschen gemacht, die heute zwischen zwanzig und dreißig sind.
Zu oft höre ich heute das Wort Marktdynamik, wirtschaftlicher Druck. Es wird um knappe Ressourcen gekämpft, statt sie zu vermehren. Und das aber kann sich kein Unternehmen mehr leisten, das 2035 noch Content anbieten will. Oder gilt das schon für 2030?
Linear ausspielen wird auch zu diesem Zeitpunkt nur einer von vielen verschiedenen, gleichzeitig existierenden Ausspielwegen sein.
Was unsere Absolventen heute häufig antreffen, ist ein altes System. Wer unten steht bekommt Praktika, Projektverträge, die Aussicht auf die Aussicht auf eine Festanstellung.
Wie wir aber bereits sehen können, ist dieses System nicht unendlich wiederholbar. Unsere besten Talente gehen inzwischen in die Creator-Economy, nicht weil sie YouTube lieben, sondern weil dort Kooperation statt Verdrängung gilt, Verantwortung ab dem ersten Tag, Sichtbarkeit statt Warteschleife. Unsere Branche verliert also die, die wir morgen brauchen, wenn wir diese Tatsache übersehen. Und das ist noch keine neue Krise, sondern eine Entscheidung. Unsere Entscheidung. Und Entscheidungen können wir ändern, können wir beeinflussen.
Warum sollten also die besten Talente ausgerechnet bei uns bleiben, wenn wir das Gegenteil dessen vorleben, was junge Talente anzieht? Unsere Unternehmenskultur ist unser Content-Recruiting. Wir konkurrieren also nicht nur mit anderen Sendern oder Plattformen, wir konkurrieren mit einem Lebensgefühl.
Wer heute Entscheider ist, wird in 10 Jahren von zwei Arten von Content beurteilt: von dem, den seine Marke macht – und von dem, den die Talente machen, die er nicht gehalten hat. Beide Schriften schreiben wir gerade, deshalb drei Dinge – nicht für 2030, sondern jetzt:
- Erstens: Sichtbarkeit. Lasst Absolventen nicht drei Jahre im Bewerbungs-Nirwana verschwinden. Eine Ansprechperson. Eine Antwort. Eine ehrliche.
- Zweitens: Verantwortung ab dem ersten Tag. Akzeptieren, dass die nächste Generation Film anders denkt als wir. Zum Glück.
- Drittens: fair bezahlen, was auch immer das in Zukunft heißt.
Lasst uns gemeinsam einmal den Blick nach vorne wagen. Jede Krise dieser Branche war am Ende eine Erneuerung – getragen von Menschen, die man für zu jung hielt.
Diese jungen Menschen sitzen jetzt in unseren Hörsälen, stehen jetzt auf unseren Straßen und werden immer lauter. Es sind Menschen, die es gewohnt sind, über alle Plattformen zu agieren, weltweit vernetzt zu sein und Reichweiten zu erzeugen.
Könnten wir es neu anpacken, aber viel mehr mit Ihnen gemeinsam? Wir dürfen nicht weiter nur unsere Errungenschaften bewachen, wir müssen jetzt anfangen, sie zu vererben.
Wir haben heute die Wahl. Wer morgen noch existieren will, muss heute Vorbild sein und unsere Jugend in unsere Pläne mitnehmen. Wir müssen ihre Pläne zum Morgen werden lassen.
Und die Frage ist nicht, ob wir unser Königreich der nächsten Generation schenken. Wir werden es so oder so verschenken. Unsere Unternehmen, unsere Marken, unsere Zukunft.
Die einzige Frage ist, wenn wir noch lange warten, ob dann noch jemand da ist, der es annimmt oder ob sie längst in anderen Welten unterwegs sind.
Mein Wunsch wäre: lasst uns gemeinsam ein gutes Vorbild sein, lasst uns daran erinnern, dass auch wir einmal mit dieser großen Leidenschaft begonnen haben, dass unser persönlicher Zugang zu unseren Stoffen, unser eigenes Erleben im Vordergrund stand, uns werden zu lassen, wer wir heute sind. Lasst uns zurückdenken, an die Kraft unserer eigenen Anfänge. Lasst uns fernab von Algorithmen und Gewohnheiten in persönlichen Gesprächen mit unserem Nachwuchs Content entwickeln und an Content glauben, den es bisher so noch nicht gab. Der aber einer Welt und Lebensweise entspricht, die es morgen geben könnte.
Und ihr lieber Nachwuchs, traut euch tief in eure Interessenbereiche abzutauchen, werdet tiefgründige Spezialisten in den Dingen, die euch interessieren. Glaubt mit eurer großen Leidenschaft an euch und eure Vorstellungen. Sucht den persönlichen Kontakt, das persönliche Gespräch. Seid weiterhin aktiv trotz unseren Generationenunterschieden und ihr werdet feststellen, dass wir alle mehr Gemeinsamkeiten haben, als wir es alle vielleicht heute denken.














