Ein Gastbeitrag von Kay Siering, Geschäftsführer der Spiegel TV Studios GmbH. Er ist Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Produktionsallianz und Vorsitzender der Sektion Dokumentation.

12. September 2026, 8:33 Uhr. Ich sitze im Auto und checke – sorry, liebe Polizei – auf dem Handy die Quoten des Vortages. Und in diesem Moment weiß ich, dass Wünsche in Erfüllung gehen können. Unsere 90-minütige ARD-Doku „SEPTEMBER – 25 Jahre 9/11“ hat bei den 14-49jährigen einen Marktanteil von 19,9% erreicht. Eine Dokumentation! In der Prime-Time! Tagessieger am Freitagabend!

Bei allen Herausforderungen, die ein Markt im Umbruch mit sich bringt, sind es Momente wie an diesem Samstagmorgen, die mich voller Zuversicht in die Zukunft blicken lassen. Der „SEPTEMBER“-Erfolg zeigt, welche Kraft in Dokumentationen steckt. Diese filmischen Einblicke in die Wirklichkeit sind in der Lage, die Menschen in Deutschland zu berühren. Sie bringen uns zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken.

Als jemand, der die in der Produktionsallianz organisierten Doku-Produktionsfirmen vertritt, wünsche ich mir, dass wir der Kraft dieses Genres mehr Vertrauen schenken. Nicht jede Doku muss in der Prime Time gesendet werden, aber man sollte Dokus häufiger ins Spotlight setzen. Mit dem „Prime Time“-Sendeplatz haben die WDR-Redaktion, die Koordination Dokumentation und die ARD-Programmdirektion genau diesen Mut bewiesen - und uns Doku-Leuten einen ersten Wunsch erfüllt. Allerdings nur einen ersten, es gibt noch viele mehr.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in Deutschland erkennen, wie großartig das Bewegtbildangebot hierzulande ist. Die Kombination aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk, privaten TV-Gruppen, Streamingdiensten und Plattformen mag für uns Marktteilnehmer durchaus kompliziert sein. Aber für die Nutzerinnen und Nutzer ist sie ein Geschenk. Dass jeder bereit ist, für dieses System einen fairen Beitrag zu zahlen, wären wünschenswert.

Ich wünsche mir, dass unsere Dokus die Menschen in Deutschland wieder mehr zusammenbringen, statt sie weiter zu spalten. Und, ja, ich wünsche mir, dass in meiner romantischen Vorstellung, wir könnten mit unseren Filmen einen Beitrag für die Demokratie leisten, ein Fünkchen Wahrheit steckt. Die Demokratie hätte es verdient, so fragil wie sie ist.

Ich wünsche mir, dass wir Produktionsunternehmen die wirtschaftliche Beinfreiheit bekommen, um neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Wir brauchen sie dringend, schließlich brauchen Innovation und Kreativität ein stabiles wirtschaftliches Fundament, um zu gedeihen.

Ich wünsche mir, dass junge Menschen sich für unseren Beruf begeistern. Wir brauchen junge Talente, die die journalistisch geprägten Dokus voranbringen. Die Honorare sind weit entfernt von den Verdienstmöglichkeiten der Content Creators. Daher wünsche ich mir, dass wir durch die Inhalte überzeugen können.

Ich wünsche mir, dass sich mehr Profis für Medienpolitik interessieren. Kommissionen, Staatsverträge und Co. sind auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders attraktiv, aber hier wird verhandelt, was die ganze Branche und am Ende das ganze Land betrifft. Leider ist Medienpolitik auch im politischen Betrieb ein Nischenthema. 

Ich wünsche mir, dass wir noch mehr Pragmatismus an den Tag legen, um auch ungewöhnliche Allianzen zu schmieden. Wenn man viele kleine Budgets zusammenbringt, kann man Großes auf den Weg bringen.

Und, last but not least: Ich wünsche mir, dass wir uns die Leidenschaft bewahren, immer für das beste Programm zu kämpfen. Wir brauchen diese Menschen, die nie lockerlassen. Darin ähneln wir übrigens dem Team von DWDL, das seit 25 Jahren mit einer bewundernswerten Leidenschaft und Hartnäckigkeit über unsere Branche berichtet. Herzlichen Glückwunsch, lieber Thomas!

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Marktveränderung keine Krise sein muss - wenn wir als Macher offen sind für diese Veränderungen und unseren Unternehmen ermöglichen, sich ebenfalls neu erfinden. Wenn wir dann noch Sätze wie „Das geht nicht.“, „Das ist ein ganz dickes Brett.“ und „Das haben wir noch nie gemacht.“ aus unserem Wortschatz streichen, wäre ich nah am Zustand, wunschlos glücklich zu sein. Statt solche Sätze zu hören, schaue ich lieber auf das Plakat in meinem Büro. Auf dem steht, pink und fett: „BUT WHAT IF IT WORKS”.

Ach ja, zwei Klarstellungen sind natürlich wichtig: Als künftiger Bavaria-Mann hätte ich gern noch zwei, drei Wünsche für all die anderen schönen Genres frei. Und: Die Quoten auf dem Handy habe ich natürlich an der roten Ampel gecheckt. Versteht sich von selbst.