Ein Gastbeitrag von Fred Kogel, Geschäftsführer der LEONINE Studios. Er ist Mitglied im Gesamtvorstand der Produktionsallianz.
25 Teilnehmende – 25 Wünsche für morgen. Wie stellt sich das DWDL eigentlich vor? Wie soll das gehen, ohne dass alle das Gleiche schreiben?
Ich versuche es einmal mit meiner persönlichen Perspektive. Wenn man seit mehr als vier Jahrzehnten in der Medienbranche arbeitet, lernt man vor allem eines: Die Zukunft kommt sehr zuverlässig und oft anders, als sie im Strategiepapier stand! 12 Monate nach dem Start von LEONINE sperrten wir bereits die Kinos wegen Corona zu. Cut!
Früher war alles ein wenig langsamer und gemütlicher, aber aufgeregt hat man sich immer. Als ich nach den öffentlich-rechtlichen Lehrjahren in den Achtzigerjahren die ersten privaten Radiosender mit Radio 44 und Radio Xanadu aufgebaut habe, war der Aufschrei groß. Private Anbieter? Mehrere Anbieter auf einer Frequenz? Werbung im Radio! Parallel die ersten Schritte des Privatfernsehens. Die Digitalisierung in Form von CDs und DVDs, die ersten Handys so groß wie Koffer, der Internet-Start, Downloads, Mediatheken, Streaming, soziale Medien – und immer wieder die Erkenntnis: Die Welt geht nicht unter. Aber sie wird schneller, komplexer und ist immer weniger vorhersehbar.
Heute heißt die große Aufregung Künstliche Intelligenz. Manche sehen darin die Rettung der Branche, andere ihren endgültigen Untergang. Vermutlich – keiner weiß es wirklich – liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Sicher ist nur: Es geht unter, wer sich dieser Herausforderung nicht stellt.
Die Technologien ändern sich. Die Debatten ähneln sich.
Mein Wunsch für morgen ist deshalb keine einfache Forderung an den Staat, den Markt, die Sender, die Streamer oder – sicherheitshalber – an das (Kino-)Wetter. Natürlich braucht unsere Branche faire und verlässliche Rahmenbedingungen. Sie braucht wettbewerbsfähige Förderinstrumente, Investitionen in den Produktionsstandort, faire Kalkulationen und eine faire Beteiligung von Produzentinnen und Produzenten an der Wertschöpfung.
Aber sie braucht auch Unternehmen, die investieren, Verantwortung übernehmen und bereit sind, ihr eigenes Geschäftsmodell regelmäßig infrage zu stellen. Was zugegeben weniger angenehm ist, als das Geschäftsmodell der Wettbewerber infrage zu stellen.
Vor allem aber braucht sie etwas, das uns in Zeiten permanenter Krisendiskussionen und des Lamentierens gelegentlich verloren gegangen ist: Spaß an der Gestaltung und mehr Lust auf Zukunft.
Wir erleben schwierige Jahre, daran gibt es nichts zu beschönigen. Die Produktionsbudgets sinken, aber selbst in Boom-Phasen ist in der Vergangenheit noch nie ein Auftraggeber zu mir gekommen und hat gesagt: Hier ist mein Geld, gib aus so viel du willst! Zudem werden Projekte verschoben oder abgesagt und Entscheidungswege werden endlos. In manchen Fällen so lang, dass eine Idee bei ihrer Freigabe schon wieder Retro und durch ist, also neu aufgesetzt werden muss.
Produktion, Distribution, Finanzierung und Rechtehandel müssen längst gemeinsam gedacht werden. Wer heute noch nur auf ein Geschäftsmodell, einen Auftraggeber oder ein Genre setzt, kann das natürlich tun. Man muss dann aber eine stimmige Erklärung für die Gesellschafter vorbereiten.
Krisen gehören zum Geschäft. Ich habe in 45 Jahren Medienwirtschaft einige erlebt. Und mein Credo war immer: Bevor man lange darüber nachdenkt, wer an einer schwierigen Situation schuld ist, muss man sich fragen, was man selbst verändern kann. Gelebte Disruption.
Wir entscheiden, wie wir mit einer Krise, wie zum Beispiel der aktuellen in der TV-Produktionswirtschaft, umgehen. Darauf zu hoffen, dass der Markt wieder so wird wie früher und der nächste Auftrag irgendwie schon kommen wird, ist jedenfalls keine Strategie. Das ist Nostalgie mit Firmenanschrift.
Jede Veränderung ist eine Chance
Veränderung zwingt uns, Dinge neu zu denken. Das ist anstrengend, gelegentlich ziemlich teuer und selten konfliktfrei. Aber genau darin entstehen eben Möglichkeiten, die es vorher nicht gab.
Was mich stört, ist unsere Lust am Zerreden. Wir sind bemerkenswert gut darin geworden, sehr früh zu erklären, warum etwas nicht funktionieren kann. Natürlich müssen Risiken benannt werden. Niemand fordert, dass jede Idee mit Applaus und Euphorie begrüßt wird. Aber irgendwann sollte bitte aus einer Diskussion auch eine Entscheidung werden.
Ich wünsche mir deshalb, dass wir eine wirksame Investitionsverpflichtung nicht noch jahrelang weiter diskutieren, sondern diese nun nach fünf Jahren „Vorarbeit“ so gestalten, dass sie tatsächlich zusätzliche Investitionen auslöst. Und zwar auch so, dass Produzentinnen und Produzenten relevante Rechte behalten und damit unternehmerisch arbeiten können.
Ich wünsche mir ein für Deutschland passendes und international wettbewerbsfähiges Tax Incentive. Nicht deshalb, weil Fördermodelle besonders aufregend wären. Sondern weil es unerquicklich ist, regelmäßig darüber zu sprechen, warum andere Produktionsstandorte attraktiver sind – und sich dann auch noch zu wundern, wenn dort produziert wird.
In einer zukunftsfähigen Produktionslandschaft müssen nicht nur einige, sondern alle Auftraggeber, die Premiumprogramme wollen (wer will schon kein Premiumprogramm!), auch akzeptieren, dass Premiumprogramme Premiumbedingungen brauchen. Die Produktionskosten sind in den vergangenen Jahren gestiegen, die Margen im Produktionsgeschäft nicht entsprechend bzw. reichen die Cost-plus Modelle nicht aus. Diese Rechnung geht nicht auf.
Wer professionelle Strukturen, herausragende Talente, technologische Innovation und höchste Qualität erwartet, muss Produzenten auch die wirtschaftliche Möglichkeit geben, darin zu investieren. Kreativität ist wichtig. Aber sie bezahlt weder Studiomieten noch Gehälter.
Ich wünsche mir kurze Entscheidungswege und möglichst viel Entscheidungskompetenz dort, wo der jeweilige Markt stattfindet. Internationale Strukturen sind notwendig und gehören zum Geschäft. Aber eine gute Idee wird nicht automatisch deshalb besser, wenn sie auf dem Weg zur Freigabe durch immer neue Territorien und Hierarchieebenen geschickt wird.
Eine Idee braucht vor allem jemanden, der sagt: Wir machen das jetzt und der die Kraft und das Know-How hat, das auch zu vertreten – intern und extern, auch wenn es stürmt.
Vertrauen und Verbindlichkeit waren immer ein wichtiger Teil unseres Geschäfts. Das sollten sie auch bleiben. Nicht als nostalgische Erinnerung an eine kuschelige und übersichtliche Zeit, sondern gerade heute als echter Wettbewerbsvorteil in einer komplexen Gegenwart.
So wichtig all diese Punkte sind: Es wäre zu einfach, darauf zu warten, dass jemand anderes unsere Probleme löst.
Selbstverantwortung kann man nicht delegieren
Wir Produzentinnen und Produzenten müssen unseren Teil leisten. Wir müssen Geschäftsmodelle überprüfen und bereit sein diese zu ändern, neue Märkte erschließen, in Technologie und Talente investieren und Unternehmen so aufstellen, dass sie auch in schwierigeren Zeiten funktionieren. Dazu gehören klare Entscheidungen. Auch unpopuläre, wie z.B. die Reduktion der Fixkostenbasis.
Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Nicht-Entscheidungen lassen sich aber nur verwalten – oft in sehr umfangreichen Präsentationen.
Und damit zum Geld.
Es hat sich noch niemand zum Erfolg gespart
Natürlich brauchen Unternehmen wirtschaftliche Disziplin. Investitionen müssen daran orientiert sein, was der Markt hergibt. Aber neue Ideen, Innovation und Wachstum entstehen nicht durch Rückzug oder Stillstand.
Unsere Branche wurde immer von Menschen geprägt, die bereit waren, eine besondere Geschichte zu erzählen oder an eine Idee zu glauben und daraus etwas Neues zu machen. Das gilt auch für Künstliche Intelligenz. Sie wird unsere Arbeitsweisen fundamental verändern. Sie wird Prozesse vereinfachen, neue kreative Möglichkeiten schaffen und Fragen aufwerfen, die wir heute noch nicht abschließend beantworten können.
Deshalb brauchen wir klare Regeln für Urheberrechte, Trainingsdaten, Kennzeichnung und den Schutz vor Missbrauch. Wir sollten KI weder verklären noch verteufeln. Beides wäre der leichte Weg. Gestalten ist da anspruchsvoller.
Entscheidend bleiben am Ende aber immer die Idee, die Haltung und die Verantwortung für das Ergebnis. Ob etwas relevant, packend, spannend, emotional, berührend und insgesamt gut wird, bleibt nach meiner festen Überzeugung keine reine Rechenaufgabe. Das erledigen wir!
Unsere Medienwelt ist heute so fragmentiert wie nie zuvor. Für jedes Interesse gibt es eine Plattform, für jede Nische ein Angebot und für praktisch jedes Thema eine Community. Viele Menschen bewegen sich in sehr eigenen Medienwelten – und manchmal vermutlich auch in sehr eigenen und fragwürdigen Faktenlagen.
Je stärker sich Mediennutzung individualisiert, desto wertvoller werden die Medien – egal ob Print oder TV –, die in hoher Qualität Information, Orientierung und Einordnung liefern. Dafür zahle ich gerne eine Gebühr oder einen Abo-Preis. Wertvoll sind aber auch alle Momente, die viele Menschen zur gleichen Zeit teilen. Die große Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, solche medialen Lagerfeuer in der Flut von Inhalten weiterhin zu schaffen.
Beim Sport sehen wir besonders deutlich, wie stark dieses Bedürfnis ist: Millionen erleben dasselbe Ereignis, fiebern gleichzeitig mit und reden am nächsten Tag darüber. Auch große Unterhaltung, Fiction und Live-Momente können diese Kraft entfalten. Gute Geschichten schaffen Gemeinschaft – gerade, wenn alles andere immer individueller und fragiler wird. Dies darf auch nie bei der Diskussion vergessen werden, dass neben der unbestritten hohen Informationskompetenz der öffentlich-rechtlichen Sender und Medien in Deutschland auch die qualitative Unterhaltung zwischen „Tatort“ und „Klein gegen Groß“ zum Auftrag gehört.
Wenn ich auf die vergangenen 45 Jahre zurückblicke, hat sich das Pendel in unserer Branche immer wieder bewegt: von wenigen Programmen zu kaum überschaubarer Vielfalt, von Massenmedien zu Nischenangeboten, vom linearen Programm zu On-Demand, vom gemeinsamen Lagerfeuer zu hoch individualisierten Medienwelten.
Je fragmentierter unsere Medienwelt wird, desto größer wird auch die Sehnsucht nach neuen Formen von Gemeinschaft.
Mein Wunsch ist deshalb einfach: eine Branche, die ausprobiert, entscheidet, Fehler macht, daraus lernt, sich immer weiter professionalisiert und weitermacht. Eine Politik und Öffentlichkeit, die Gestaltungswillen unterstützt, statt jede Idee so lange zu diskutieren, bis nur noch das Protokoll über die Diskussion übrig ist.
Technologien verändern sich. Plattformen verändern sich. Geschäftsmodelle verändern sich. Das war immer so.
Was aber sicher bleibt, ist unsere Lust auf gute Geschichten – und darauf, sie mit anderen zu teilen. Und solange es Sender, Streamer, Plattformen und Distributoren gibt, benötigen sie, genau deshalb und weil es deren Geschäftsmodell ist, diese Geschichten.
Deshalb mein Wunsch: mehr Lust auf Zukunft, denn wir sind im besten Geschäft der Welt!











