Vor knapp zwei Wochen war im Hauptabendprogramm des ZDF endlich mal zehn Minuten Zeit, Andrea Kiewel beim Essen zuzuschauen: Schellfisch, Roulade, Wirsing-Krautwickel, Backfisch, Frikadellen, Beef Tartare – ein einziges Bollwerk dagegen, dass die CSU dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk demnächst auch noch vorwerfen könnte, er würde sein Publikum in Kochshows zum regelmäßigen Veggie-Day verpflichten.

"Nach rund 4.000 Mal 'An die Töpfe, fertig – los!' geschieht heute Abend etwas Einzigartiges!", hatte Moderatorin Zora Klipp anderthalb Stunden vorher angekündigt. Denn zum ersten Mal seit seinem Start im Jahr 2008 durfte der ZDF-Nachmittagsdauerbrenner "Die Küchenschlacht" zur besten Sendezeit ran: als "Küchenschlacht XXL".

Auf den Geschmack gekommen

In dieser forderten Ex-Kandidat:innen, die sich schon einmal am Herd bewiesen hatten, die Profiköche direkt heraus: Daniel aus der Eifel, Anja aus Hamburg und Paul aus Berlin gegen Victoria Fuchs, Cornelia Poletto und Johann Lafer aus dem Fernsehen. "Wir sind ein unschlagbares Team", behaupteten die Drei zu Beginn – um nachher mit ihren Signature Dishes in der Testverkostung gegen die Herausgeforderten semmelzerbröselt zu werden. (Da konnte auch Krautwickel-Fan Kiwi mit ihrem späteren Jurorinnen-Einsatz nix mehr dran ändern.)

Dem Sender wird's wurscht gewesen sein. Denn beim Blick auf die ausbaufähigen, aber soliden Einschaltquoten könnte man in Mainz auf den Geschmack gekommen sein, das Experiment zu wiederholen. Zumal man damit voll im Trend liegt.

Immer häufiger klont das deutsche Fernsehen Programme, mit denen es am Nachmittag und Vorabend erfolgreich ist, als XXL-Variante in den Hauptabend. Dem ZDF zum Beispiel gelingt mit "Bares für Rares XXL" sogar das Glanzstück, nicht nur (wie zuletzt) über 3 Millionen Menschen vor den Fernseher zu holen, sondern auch satt zweistellige Marktanteile beim jungen Publikum einzufahren. Fürs Erste sind die Quizshow-Auskoppelungen "Wer weiß denn sowas? XXL" und "Gefragt – Gejagt XXL" eine verlässliche Bank am Samstagabend. Und in der vergangenen Woche ist Vox mit "Guidos Deko Queen – Die Challenge" nachgezogen, um seine langjährige Daytime-Expertise neu zu versilbern.

Ist das nicht traumhaft hier?

Den Sendern ist das ein Segen. Sie können auf etablierte Formate und bekannte Programmmarken zurückgreifen und müssen diese nur geringfügig variieren, um sie auf längerer Strecke einzusetzen. Dafür reichen: (mehr) Promis, eine höhere Gewinnsumme, aufwändigere Experimente oder das Spielen für den guten Zweck wie im Ersten. Oder, wenn man sich noch ein bisschen mehr Mühe geben will, ein cooles Schloss als Kulisse wie bei "Bares für Rares".

"Ist das nicht traumhaft hier?", begrüßte Horst Lichter seine Zuseher:innen kürzlich durch den Garten von Gut Nettehammer bei Andernach schlendernd, bevor er zwei Schwestern aus Wasserburg deren Memento-mori-Taschenuhr in Totenkopfform schätzen ließ, Großtante und Großnichte zu ihrer ostasiatischen Keramikkopfstütze aus der Qing-Dynastie gratulierte und ein Ehepaar zum hübschen Sümmchen für ihre 25-Karat-Blütenbrosche beglückwünschte ("Das ist 'ne ganze Ecke weg von doof"). Als XXL-Bonuspromi verscherbelte nachher Mentalist Timon Krause ein Gemälde seines Ur-ur-Großonkels mit querformatiger Marinedarstellung.

Kontrast zur dauereskalierenden Nachrichtenlage

Die "Küchenschlacht XXL" variiert ihr Spielprinzip mit dem Duell Laien gegen Profis, bei dem Kollegen wie Nelson Müller und Björn Freitag bewerten, welche Gofio-Poffertjes mit Flanksteak, Manchego-Béchamelsauce und Relish von der Amalfi-Zitrone besser geschmeckt haben – aber erst, nachdem alle ausführlich darlegen durften, was für eine ungeheure Herausforderung jedes Gericht ist: "Das find ich ja schwer", "Das ist schon gefährlich", "Das ist nicht ganz ohne".

Und weil die Zeit bis zum "heute journal" dann noch nicht ganz rum war, kam eben noch Kiwi zum Bonus-Schmaus mit Extra-Motto vorbei, während sich das Saalpublikum zu den Countdowns rhythmisch in Rage klatschte.

Originell war das nicht – aber Originalität ist auch gar nicht das, worauf die Sender abzielen, sondern: Vertrautheit. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich offensichtlich nicht nur die Zuschauer:innen am Nachmittag nach Wohlfühlprogrammen zum Abschalten sehnen – sondern, womöglich als Kontrast zur dauereskalierenden Nachrichtenlage, zunehmend auch die am Abend.

Aus eins mach drei: "Challenge" accepted

Die Menschen gieren förmlich danach, bei "Guidos Deko Queen" Unbekannten erst in die eigene Bude linsen zu dürfen und dann dabei zu sein, wie sie fürs Fernsehen unter künstlichem Zeitdruck einen Teil davon umgestalten, nachdem sie auf Senderkosten durch Möbel- und Dekogeschäfte, Baumarkt und Ikea gehetzt sind, um Utensilien fürs vorgegebene Motto zu shoppen ("Verpasse deinem Zuhause den perfekten Sommerlook!").

Zur "Challenge" wird das Format, indem statt einem einfach drei Räume umgestaltet werden müssen, natürlich mit höherem Budget. Zumal Kretschmer "Minimum eine große Umbaumaßnahme" erwartet.

Also designt Kandidatin Lena das Kinderzimmer als Meeresbucht und lässt die Wand aus dem neuen Yoga-Zimmer wuchten, während Kontrahent Kai im offenen Leopardenhemdchen vom Vox-Van durchs Industriegebiet geshuttelt wird, um dort Devotionalien für seine Tierstatuensammlung zu erwerben, die um die vom Sender vorgegebenen "Eyecatcher" (blauer Teppich, goldene Palmenlampe, Riesen-Rattansessel) drapiert werden können.

Anstoßen vor Guidos Deko Buffet

Kretschmer sitzt wie eh und je im Splitscreen, schüttelt sich bei Kais Einkäufen wie ein nassgewordener Pudel – und kommentiert im Selbstgespräch XXL anschließend liebevoll-spöttisch den Look von Fliesen, Möbeln und Teilnehmenden gleichermaßen: "Also, die würd' ich nicht nehmen." – "So ein fleißiger toller Junge." – "Hätte man die Gardinen nicht etwas höher hängen können?" – "Gott schütze Lisa und ihren schnellen Pinsel." – "Das ist aber sehr Orange!" – "Man muss es mögen." – "Ja, das ist natürlich falsch gehangen." – "Machen wir noch Fußleisten ran? Das würde uns sicher ein bisschen helfen."

Am Ende begrüßt der Läster-Maestro seine Kandidat:innen zum gemeinsamen Anstoßen vor Guidos Deko Buffet (wer hat all die unangetasteten Leckereien nachher aufgegessen?) zur finalen Bewertung, sagt ihnen ins Gesicht, was er an ihren Umstylings gelungen findet – und abseits davon in die Kamera zur Punktevergabe, was nicht. Bei der erfolgreichen Premiere gewann Lena mit einem Punkt Vorsprung und der Erkenntnis: "Das zeigt mir, dass Mut doch belohnt wird."

Nur im deutschen Fernsehen ist es genau andersherum.

Eine Win-Win-Win-Situation für alle?

Es fühlt sich an wie ein Lehrstück für die Primetime, die sich wie eine Diva mit Stola stets ihrer herausragenden Bedeutung für den TV-Betrieb bewusst war. Und nun von den Kumpels in Blaumann und Jogginghose gezeigt kriegt, wie Nachmittag und Vorabend die Bedürfnisse ihres Publikums perfekt verinnerlicht haben.

Das gelingt den Sendern sonst mit neu entwickelten Formaten zur Hauptsendezeit nämlich immer seltener – weshalb man ihnen die Auskoppelei auch schwer verübeln kann. In Zukunft dürfte die sich wohl nicht nur auf die bisherigen Wohlfühl-Genres beschränken. Im Sommer hat RTL bereits einen Vorstoß in rauere Gefilde gewagt: Richterin Barbara Salesch verhandelte um 20.15 Uhr den "größten Prozess ihres Lebens". Etwas höherwertiger produziert als die Nachmittagsvariante, aber immer noch deutlich näher an der Gerichtsshow als am Fernsehfilm. Und: mit Erfolg.

Natürlich ist der allen Beteiligten zu gönnen. Zumal es ja nach einer Win-Win-Win-Situation für alle aussieht. Die Programmverantwortlichen können mit minimalem Produktionseinsatz maximale Sendezeit füllen, Kandidat:innen wie bei "Guidos Deko Queen" teilsanieren sich die eigenen vier Wände auf Senderkosten, und das Publikum ist glücklich, dass es gerade mal keine Doku über Donald Trump sehen muss.

Der Rechtfertigungsdruck wächst

Selbstverständlich birgt dieser Teufelskreis der Zufriedenheit aber auch Gefahren: Weil er die ohnehin schon vorhandene Innovationsaversion des Mediums weiter verstärkt. Und weil er den Rechtfertigungsdruck bei all jenen erhöht, die etwas mehr Kohle benötigen, um ihre Inhalte umsetzen zu können. Angesichts klammer Kassen werden Sender sich künftig wohl häufiger fragen, wieso sie höhere Budgets für aufwändige Fernsehfilme und Shows locker machen sollten, wenn die XXL-Nachmittagsklone dieselben oder nur geringfügig niedrigere Marktanteile holen. Aber das für einen Bruchteil der Kosten.

Bereiten Sie sich also schon mal vor auf "Zwischen Tüll und Tränen – Das XXL-Kleid" bei Vox, "Extra volle Kanne" im ZDF, "Achtung Kontrolle! Nightshift" bei Kabel Eins und "Ingo Lenßen – der größte Fall seines Lebens" in Sat.1. Oder wie Deutschlands schmusigster Splitscreen-Wollpulloverträger sagen würde: Man muss es mögen.

Und damit: zurück nach Köln.

Die zweite Ausgabe von "Guidos Deko Queen – Die Challenge" läuft am Dienstag um 20.15 Uhr bei Vox (und die erste auf RTL+); "Bares für Rares XXL" zeigt das ZDF wieder am 22. Oktober, "Die Küchenschlacht XXL" ist auf ZDF.de abrufbar.