"Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht", warb einst eine große deutsche Boulevardzeitung für ihre angebliche Kompromisslosigkeit. Und wenn man das auf die deutsche TV-Branche übertragen möchte, dann landet man – zum Beispiel bei René Jamm, Geschäftsführer Warner Bros. ITVP Germany. Im DWDL.de-Interview erklärte Jamm vor einem halben Jahr: "Uns muss klar sein, dass die klassische Daytime tot ist. Das kann sich nur noch das Öffentlich-Rechtliche erlauben."

Was aus Sicht von Produzent:innen, die die rapide schwindende Aufträge sehen, auch stimmen mag. Dabei ist die Daytime ja noch da. Und sendet stur vor sich hin. Nur halt mit Inhalten, die kein Budget mehr brauchen.

Aus der Perspektive von Sendern und Publikum ist das TV-Tagesprogramm eher in Rente gegangen: Es lebt – zumindest im Privatfernsehen – inzwischen von dem, was es in den vergangenen beiden Jahrzehnten eingezahlt hat. Und dieses Rentnerdasein funktioniert wirtschaftlich so gut, dass die noch berufstätigen Programmstrecken neidisch herüberschauen.

Fünf Stunden "Alexander Hold" am Stück

Sat.1 zeigt werktags fünf Stunden am Stück längst abgeschriebene Episoden von "Richter Alexander Hold" und fährt damit zweistellige Marktanteile ein. RTL unterbricht sein "Strafgericht"-Duo Ulrich Wetzel und Barbara Salesch nur flugs mit "Punkt 12". ProSieben und Kabel eins leiern alte US-Serien runter. Vox lässt Guido Maria Kretschmer bei "Shopping Queen" und "Deko Queen" Kleider und Wohnzimmer kommentieren. RTLzwei reüssiert mit Dokusoap-Wiederholungen.

Ein Stück weit sind die Sender tagsüber zu ihren eigenen Spartenkanälen geworden. Branchenweit sickert die Erkenntnis durch, dass es reine Verschwendung wäre, zwischen Frühstücksfernsehen und Vorabendprogramm noch Geld auf neue Programmideen zu werfen.

Das Sat.1-Vorhaben von vor drei Jahren, mit "Volles Haus" zwischen 16 und 18 Uhr ein live gesendetes Nachmittagsmagazin auf Sendung zu schicken und dafür Scripted Reality weichen zu lassen, wird vermutlich als letztes vergebliches Aufbäumen eines eigenen Daytime-Anspruchs im linearen Fernsehen in die Programmgeschichte eingehen. Im Jahr 2026 hat stattdessen das große Aussortieren begonnen: Allem, was vor 18 Uhr Programmkosten verursacht, geht es zunehmend an den Kragen – zuerst bei den Privaten.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen sparen

Vor einem Monat hat RTL angekündigt, nach 32 Jahren aus der Beauftragung der Daily Soap "Unter uns" auszusteigen, die um 17.30 Uhr der letzte größere Kostenpunkt am RTL-Nachmittag gewesen sein dürfte.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Vox zunächst erklärt, einen Produktionsstopp für "First Dates" zu verhängen – bis die Entscheidung kurzfristig wieder einkassiert wurde, um das Format nicht an die Konkurrenz verlieren zu müssen. (Indem man den Sendeplatz um 18 Uhr kurzerhand der "Access Prime" zuschlug.)

Auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, die Warner-Bros.-Manager Jamm als Ausnahmen bezeichnet hat, setzt ein Umdenken ein. Jedes Jahr schickt das Erste seine beiden Nachmittagssoaps "Rote Rosen" und "Sturm der Liebe" in eine etwas länger dauernde Sommerpause. Und bei den Dritten hat der MDR entschieden, neben der Abgabe der "Mima"-Produktion auch sein eigenes Magazin "MDR um zwei" zum Jahresende streichen zu wollen, um fortan erst ab 16 Uhr live auf Sendung zu gehen. Derweil ist eines der wenigen öffentlich-rechtlichen Ausnahme-Originale in der Daytime ausgerechnet eine Sendung darüber, wie man aus alten Beständen Geld macht: "Bares für Rares" trägt den ZDF-Nachmittag, läuft XXL in der Primetime und liefert ZDFneo die Wiederholungsstrecke.

Aber sonst wird überall gespart. In erster Linie bei Inhalten, die Produktionskosten verursachen, ohne endlos wiederholbar zu sein.

Die nächste Stufe der Kostenoptimierung

Bei den Privaten feiern deshalb Gerichtsshows und Scripted Reality ein Revival. Erst holt man die Pensionär:innen zurück. Dann schaut man, ob es auch ohne sie geht, um im laufenden TV-Programm die nächste Stufe der Kosteneinsparung zu zünden: Im September zeigte RTL erstmals Folgen von "Ulrich Wetzel – Das Strafgericht", bei denen aus existierendem Material per Künstlicher Intelligenz neue Charaktere, Storylines und Urteile erstellt wurden.

Und mal abgesehen davon, dass man in Köln damit einen interessanten Präzedenzfall zur neuen KI-Kennzeichnungspflicht geschaffen hat, der die Landesmedienanstalten ob ihrer Vielleicht-Zuständigkeit zum Implodieren bringen könnte: Wenn der Sender es vorher nicht explizit angekündigt hätte, wäre es vermutlich niemandem aufgefallen.

Nicht, weil die KI so perfekt gearbeitet hat. Eher im Gegenteil. Aber wer kann schon mit Bestimmtheit sagen, ob die Anklage der jungen Reiseleiterin, die eine mitreisende Dame wegen starker Rückenschmerzen mit heimlich unterm Kinesio-Tape angebrachten Nikotinpflaster vergiftet haben soll, um sich ungestört an deren erwachsene Enkelin ranmachen zu können, nun einer künstlichen oder einer unkünstlichen Nichtintelligenz entsprungen ist?

Perpetuum mobile der Inhalteerzeugung

Die holprigen Schnitte, die klobig geschnitzten Charaktere, die unmöglichen Fälle, das Tapetenpublikum im Gerichtssaal – all das ist den Gerichtsshows bereits seit ihrer Erfindung immanent.

Und wenn die Sender nun jubeln, daraus neue unmögliche Fälle mit kuriosen Charakteren und holprigen Schnitten fertigen lassen zu können, kann man das wahrscheinlich egal finden. Das eigentlich Interessante daran ist, in welchem Maße sich das Prinzip durchsetzen lässt, die Zukunft der Daytime dadurch zu sichern, dass sie aus der eigenen Vergangenheit endlos Neues baut.

Weil dieses Perpetuum mobile der Inhalteerzeugung natürlich Auswirkung auf die letzte verbliebene Strecke zu haben droht, in der bislang noch Originalprogramme die Oberhand haben.

Sollten die Sender mittelfristig damit erfolgreich sein, sich das eigene Archiv quasi von selbst erneuern zu lassen, würde sich in Zukunft die Frage stellen, warum damit urplötzlich um 18 oder 19 Uhr Schluss sein sollte. Wobei natürlich auch ohne KI-Einfluss das Risiko besteht, dass die tagsüber funktionierenden Wiederholungsstrecken weiter an den Vorabend heranrücken.

Seenlandschaft oder Pappkulisse

Irgendwann werden die Sender überlegen, ob sie sich das wirklich weiter zumuten wollen: Teuer neue Episoden von Vorabendserien mit großem Cast in malerischer Seenlandschaft zu produzieren, die auf ihrem Sendeplatz im Zweifel einen geringeren Marktanteil holen als der in die Pappkulisse gesetzte Wiederholungsrichter ein paar Stunden zuvor.

Und wenn die Antwort dann "nein" lautet, dann rückt das Daytime-Modell unweigerlich weiter der Primetime auf die Pelle?

Vielleicht ist das auch zu pessimistisch gedacht. Ganz so einfach scheint es nämlich doch nicht zu sein, die Erfolgsprinzipien des Tagesprogramms auf spätere Sendezeiten zu übertragen, wie mancher Sender gerade leidvoll erfahren muss. Und noch strotzen die großen TV-Anbieter ja zur Hauptsendezeit regelmäßig vor programmlichem Ehrgeiz, erfinden Jetski-WMs, lassen Prominente quer durch Europa jagen und schaffen große Live-Momente für die ganze Familie.

Aber wenn RTL den Samstagabend fast durchgehend mit der Wiederholung sämtlicher "Harry Potter"-Filme füllt, die gute Quoten zu holen versprechen (mit einem Bruchteil der Kosten, die eine Show kostet), dann lässt sich das zumindest als Vorfühlen nach kostengünstigen Alternativen deuten.

Wenn Programm zum "Channel" wird

Die zentrale Frage mit Blick auf die Daytime ist: Reicht das auf Dauer, fortlaufend Programm aus den eigenen Beständen zu generieren? Oder läuft das Nachmittagsprogramm in wenigen Jahren ohnehin als algorithmisch gesteuerte Playlist – so wie es das ZDF mit seinen Channels im Streamingportal gerade schon vormacht?

Eins steht auf jeden Fall fest: Während die Bundesregierung sich nach den Ergebnissen der zurückliegenden Landtagswahlen noch uneins ist, ob sie die verhandelte Rentenform wirklich so umsetzen will, hat das deutsche Fernsehen seine eigene bereits erfolgreich durchgezogen. Und so kosteneffizient das auch sein mag: Wahrscheinlich sollte man Friedrich Merz eher nicht dazu raten, sich davon was für die eigene Strategie abzugucken.

Schon deshalb, weil gute Wahlergebnisse nicht so leicht wiederholbar sind wie Gerichtsshows.

Und damit: zurück nach Köln.