Nach Sichtung des vergangenen Programmjahres, sind Sie da optimistischer oder pessimistischer, Herr Lamby?
Was den Zustand der Gesellschaft betrifft, bin ich pessimistischer.
Ich meinte es bezogen auf die Fernsehbranche?
Ich würde das gerne im Zusammenhang sehen. Was das deutsche Fernsehen angeht, bin ich nicht pessimistischer. Ich sehe zwar, dass die Branche unter Druck steht und nehme die Klagen vieler Produktionsfirmen über schlechtere Auftragslagen wahr. Aber die Arbeit als Jury und als Juryvorsitzender besteht ja nicht darin, die wirtschaftliche Lage der Produktionsfirmen, Sender und Streamer zu beurteilen, sondern das, was als Output hervorgebracht wird. Und da sehen wir großartige Leistungen - und zwar in allen Kategorien - zu denen die Branche trotz aller Probleme in der Lage ist. Inhaltlich spiegelt das Fernsehprogramm jedoch den Zustand der Gesellschaft wider.
Was ist gutes Fernsehen im Sinne des Deutschen Fernsehpreises?
Gutes Fernsehen im Sinne des Deutschen Fernsehpreises ist, wenn eine Produktion die Menschen berührt und wenn sie etwas über unsere Zeit und möglicherweise auch über unser Land erzählt. Und es gibt im Moment eine Menge zu erzählen. Als Gesellschaft treten wir gerade in eine neue Phase ein, und das spüren wir auch in vielen Fernsehproduktionen. Wir stehen kurz vor drei wichtigen Landtagswahlen und eine Partei erhält einen enormen Zuspruch, die das bestehende politische System in Frage stellt. Das ist Ausdruck einer größeren gesellschaftlichen Veränderung. Und diese Veränderung wird im Fernsehen über alle Genres hinweg thematisiert, es geht oft um Toleranz, um Meinungsfreiheit, auch um Extremismus - in der Fiktion und besonders in der Information. Weniger in der Unterhaltung, abgesehen von der Comedy.
Und je komplexer und schwieriger die Welt ist, umso nötiger dürfte auch gelegentlicher Eskapismus werden…
Auch in der Unterhaltung gibt es hier und da hohe Relevanz. Aber Fiktion und Unterhaltung kommen natürlich dem Wunsch nach Entspannung und auch nach Leichtigkeit in schweren Zeiten mehr entgegen. Das geht mir genauso. Man kann nicht rund um die Uhr Nachrichtensehen und sich von morgens bis abends über das Übel der Welt ärgern.
In welchen Kategorien ist es in diesem Jahr schwergefallen, weil die Auswahl so groß war?
Eindeutig in der Information. Was ich eben beschrieben habe, beschäftigt natürlich die Doku-Branche besonders. Das ist ja die Branche, aus der ich selber komme. Wir erleben dort einen kreativen Schub, die Themen ändern sich und oft auch die Machart.
Was ändert sich?
Wir sehen, dass Themen in Form von Dokumentationen und Doku-Serien aufgegriffen werden, die es vor wenigen Jahren überhaupt nicht ins Fernsehen geschafft hätten. Und jetzt werden sie in großer Ausführlichkeit und mit einer inhaltlichen Tiefe erzählt, die ich sehr erfreulich finde. Das hängt mit neuen Spielflächen zusammen - mit den Möglichkeiten, die Streamer undMediatheken geschaffen haben - und die werden genutzt. Es gibt ein gewachsenes Bedürfnis nach Vertiefung. Also: Das Angebot an Exzellenz war in der Kategorie Information bzw. Dokumentation besonders auffällig und somit war auch die Qual der Wahl hier - im positiven Sinne - besonders schmerzhaft. Das betrifft übrigens auch den Sport, dessen Spektrum erfreulich zugenommen hat. Daher haben wir in diesem Jahr in den Kategorien Dokumentation, Doku-Serie und Sport jeweils fünf Nominierungen ausgesprochen.
Wo wir gerade bei den Doku-Serien sind: Ich frage mich, wo endet da dokumentarische Dramaturgie und wo beginnt Storytelling? Verschiebt sich da gerade, was wir als Dokumentation bezeichnen?
Das ist ein wichtiger Punkt, den Sie ansprechen, und danke dafür, dass Sie ihn ansprechen. Seien Sie versichert, dass ich als Dokumentarist auf diesen Aspekt besonders achte. Wir müssen immerdie Basis des Erfolgs von Dokumentation und Doku-Serien im Blick behalten— das ist die Glaubwürdigkeit. Wenn sich das Storytelling verselbstständigt und über die Recherche erhebt, dann kann die Glaubwürdigkeit des Genres beschädigt werden. Wir waren auch deshalb sehr kritisch bei unserer Auswahl.
Sie sind nicht das erste Mal in der Jury, in diesem Jahr aber erstmal Vorsitzender der Jury. Eignet man sich dafür noch einmal mehr diplomatisches Geschick an?
Ich musste jetzt keinen Diplomaten-Lehrgang beim Auswärtigen Amt belegen. Aber ein paar Dinge haben sich für mich schon geändert: Ich leite die Jurysitzungen, habe noch mehr Produktionen gesichtet als sonst und stehe im regen Austausch mit dem Ständigen Sekretariat und mit Petra Müller. Ich empfinde eine Gesamtverantwortung für die Juryarbeit und bin froh, dass wir wieder eine hervorragende Jury haben. Da sind die Arbeitsgruppen Fiktion unter Leitung von Valerie Niehaus und Unterhaltung unter Leitung von Alexander Krei, die Informationen leite ich weiterhin. Wir sind also breit aufgestellt, und ich weiß die Qualifikation der Beteiligten sehr zu schätzen.
Gerade im Entertainment gehen viele Talente inzwischen via Social Video direkt ans Publikum. Fehlt diese Berücksichtigung für die Abbildung von Talent im Bewegtbild?
Wir sprechen vom Deutschen Fernsehpreis, nicht vom Deutschen Bewegtbildpreis. Das ist eine Debatte, die man führen kann, allerdings mehr eine Debatte für die Stifter und Beiräte. Wenn sie wollen, auch mit uns als Jury. Aber noch sind wir nicht an dem Punkt, und wir hatten als Jury schon so alle Hände voll zu tun, das Angebot der Sender und Streamer gründlich durchzuarbeiten.
Was ist Ihrer Meinung nach derzeit das größte Problem im deutschen Fernsehen: Zu wenig Budget, zu wenig Mut oder zu viele Entscheider*innen?
Ich würde etwas anderes nennen: wachsender wirtschaftlicher Druck bei den privaten Sendern und Streamern und wachsender Legitimationsdruck bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wir sprachen eben schon darüber: Eine Partei hat gerade in mindestens einem Bundesland gute Chancen, stärkste Kraft zu werden und möchte das öffentlich-rechtliche Fernsehen am liebsten abschaffen. Diese veränderte Grundstimmung erfasst natürlich unsere Branche, und sie wird uns - wie der steigende wirtschaftliche Druck - weiter beschäftigen. Aber ich würde gerne positiv enden. Wissen Sie, was mich am meisten freut an der Juryarbeit?
Gerne. Was denn?
Das war in den vergangenen Jahren so und auch in diesem, in dem ich den Juryvorsitz von Wolf Bauer übernehmen durfte: Wir können mit den Nominierungen und Preisentscheidungen Signale senden - in die Branche und darüber hinaus. Das ist der erfreulichste Aspekt dieser Arbeit. Sie wissen ja selbst, wie aufwendig die Juryarbeit ist. Umso schöner, wenn man Mut anerkennen und auszeichnen kann und wenn man so anderen wiederum Mut machen kann.
Herr Lamby, herzlichen Dank für das Gespräch.

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