Nachdem Media for Europe (MFE, früher: Mediaset) lange Anteile aufgestockt hatte, waren die Italiener Anfang September 2025 endlich am Ziel und sicherten sich die Mehrheit an ProSiebenSat.1. Vorausgegangen war ein wochen- und monatelanger Schlagabtausch mit dem tschechischen Investor PPF, der ebenfalls nach und nach Aktien der deutschen Sendergruppe gekauft hatte. Vor ziemlich genau einem Jahr setzte sich MFE jedoch durch und übernahm auch die bislang von PPF gehaltenen ProSiebenSat.1-Aktien, die Italiener besitzen seither mehr als 75 Prozent am Konzern und können damit nach eigenen Vorstellungen schalten und walten. 

Die Übernahme von ProSiebenSat.1 durch MFE hat vor einem Jahr für viel Aufsehen gesorgt - und Sorgen. Nicht selten wurde vor dem Einfluss gewarnt, den der Berlusconi-Konzern geltend machen könnte. DWDL.de hatte sich schon im September 2025 mit der deutschen Angst vor MFE beschäftigt. Heute lässt sich festhalten: Die schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetreten. Weder hat MFE die ProSiebenSat.1-Sender zu einem Sturmgeschütz des Populismus umgebaut, noch gibt es italienische Programme in Zweitverwertung bei ProSieben und Sat.1 zu sehen. 

Wolfram Weimer / Pier Silvio Berlusconi © BKM Pier Silvio Berlusconi und Wolfram Weimer
Die Angst vor MFE und Pier Silvio Berlusconi war schon damals eine ziemlich irrationale. Denn auch in Italien und Spanien verfolgt der Konzern keinen politischen, sondern vor allem einen wirtschaftlichen Ansatz. Und dennoch rückte der MFE-Boss aus und versicherte unter anderem gegenüber Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, dass man am Standort Unterföhring festhalten werde und auch nicht mit einem (weiteren) Stellenabbau plane. Trotzdem hat es unter der neuen MFE-Führung in Unterföhring in den zurückliegenden zwölf Monaten viele Veränderungen gegeben, die den Konzern mutmaßlich auch in den kommenden Jahren prägen werden.

Am offensichtlichsten war sicherlich der von MFE vorangetriebene Umbau des Vorstands. Im Oktober tauschte man die komplette Führungsriege aus. CEO Bart Habets musste ebenso gehen wie COO Markus Breitenecker und der gerade erst mit einem neuen Vertrag ausgestattete CFO Martin Mildner. Zum neuen Chef machte Pier Silvio Berlusconi seinen langjährigen Weggefährten Marco Giordani, bis dahin Finanzchef von MFE. Darüber hinaus installierten die Italiener mit Nicola Lussana einen neuen Vermarktungschef und im April dieses Jahres holte man mit Luca Poloni auch noch einen neuen Chief Operating Officer. 

In einem ersten Schritt hatten die Italiener die generelle Konzernstruktur von ProSiebenSat.1 angepasst. So gibt es seit Beginn des Jahres 2026 nur noch zwei Segmente: Entertainment sowie Commerce & Dating. Das komplette Dating-Geschäft wurde also mit den übrigen Beteiligungen zusammengeführt, von denen man sich ja ohnehin nach und nach trennen will. Auch hier sind MFE und ProSiebenSat.1 in den zurückliegenden Monaten umtriebig gewesen. So ist man zwei Vermarktungsbeteiligungen ebenso losgeworden wie die Vergleichsplattform Billiger-mietwagen.de und das Creator-Netzwerk Studio71 US. Auch von der Online-Plattform wetter.com hat man sich mittlerweile getrennt. 

Keine Senderchefs und das Linear-Comeback

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass noch immer etliche Unternehmen zur Sendergruppe gehören. Und das wird vorerst wohl auch so bleiben: Zumindest Flaconi und das Dating-Geschäft verbleiben wohl vorerst im Konzern. Flaconi wächst weiterhin dynamisch und hält das gesamte Segment Commerce & Dating über Wasser - und die Parship Meet Group hat schon seit einigen Quartalen mit derart großen Problemen zu kämpfen, dass man sie schon verramschen müsste, um die Beteiligungen loszuwerden. An der Jochen Schweizer mydays Gruppe gibt es zwar Interessenten, ein Abschluss steht aber noch aus. 

Vor einigen Monaten wurde eine weitere, umfassende Änderung bekannt: ProSiebenSat.1 und MFE beendeten im Juni die Ära der Senderchefs, seither sind die Zuständigkeiten in einer Matrix nach Genres sortiert. Damit ist in Unterföhring längst nicht jeder einverstanden - und nicht alle sehen die Vorteile, die das mit sich bringen soll. Zumal eine solche Matrix-Struktur nicht zum ersten Mal ausgetestet wird. Darüber hinaus gibt es "brand representatives", die die einzelnen Sender "repräsentieren" sollen, was auch Monate nach der Einführung noch etwas behelfsmäßig wirkt. Neuer starker Mann neben Chief Content Officer Henrik Pabst ist Arne Neumann, der die Verantwortung für die übergreifende Sender- und Genre-Portfolio-Strategie und -Planung innehat. 

Joyn © Joyn
Und damit zu einer weiteren, durchaus wichtigen Neuerung unter MFE-Führung: Während unter Bert Habets das Motto "Alles auf Joyn" herrschte, legen die Italiener wieder mehr den Fokus auf die linearen Sender. Ja, Joyn ist und bleibt für ProSiebenSat.1 wichtig. Die Plattform ist aber nicht mehr der eine Kanal, der fast schon religiös über allen anderen steht. "Unsere linearen Sender, die Welt aus der wir kommen, werden dabei unsere klare Priorität sein. Joyn ist unmittelbar danach unsere zweite Priorität", erklärte CEO Giordani. Zuletzt wurde sogar der Start eines neuen linearen Senders angekündigt: Sat.2. Es dürfte wohl vor allem eine Abspielstation von Archivware werden. Dass man dennoch im Jahr 2026 einen solchen Sender startet, unterstreicht die Wichtigkeit des Linearen. 

Joyn hinkt hinterher

Inhaltlich hat es dagegen keine großen Verschiebungen gegeben. Sicher: Die große Daily-Offensive, die man vor wenigen Jahren ausgerufen hatte, ist zum Erliegen gekommen. Das dürfte aber weniger an MFE liegen, sondern an der Erkenntnis, dass die Formate nicht in der Form überzeugten, wie man sich das vorgestellt hatte - nicht in Sat.1 und erst recht nicht bei ProSieben. Schon seit längerer Zeit wurden keine neuen täglichen Serien mehr angekündigt. Harte Eingriffe ins Programm, die aussehen könnten, als wollte Mailand Einfluss nehmen, hat es nicht gegeben. 

Joyn x Mediaset Infinity © Joyn/MFE
Derzeit arbeiten Unterföhring und Mailand daran, die beim Abschluss der Übernahme in Aussicht gestellten Synergien zu heben. Von jährlichen Kostensynergien in Höhe von 150 Millionen Euro war damals die Rede. Ein Teil davon soll auf die Harmonisierung der Streaming-Technologie entfallen, hier arbeitet man mit Hochdruck an einer Zusammenführung. Die geplante Verschmelzung soll schon 2027 erfolgen. Während die Architektur von Joyn die Basis bildet, wird sich das Design der Benutzeroberfläche am italienischen Infinity orientieren. An der grundsätzlichen Ausrichtung von Joyn soll sich nichts ändern, auch die Marke an sich bleibt bestehen. Darüber hinaus importiert ProSiebenSat.1 ein Werbeformat aus Italien und Spanien nach Deutschland. Das sind alles logische Entwicklungen, aber sind sie auch ein großer Wurf? 

ProSiebenSat.1 marschiert zunehmend in die entgegengesetzte Richtung seines größten Konkurrenten im deutschen Markt: RTL Deutschland. Während die Kölner bei RTL+ vor allem auf ein Abo-Modell setzen und diese Strategie mit der Sky-Übernahme zuletzt noch einmal forciert haben, ist Joyn überwiegend kostenlos nutzbar. ProSiebenSat.1 will hier vor allem die Reichweite vermarkten und hohe Werbeeinnahmen erzielen. Dennoch ist Joyn aktuell nicht wichtig genug, damit es zwangsläufig in allen Mediaplänen von Werbekunden und Mediaagenturen auftaucht. Zuletzt konnte man in Unterföhring einen kleinen Erfolg verbuchen und sich mit dem ZDF auf ein Embedding der Inhalte des öffentlich-rechtlichen Unternehmens einigen (DWDL.de berichtete). Das wird den Streamingdienst attraktiver für das Publikum machen - und das ist auch dringend nötig. Die neuesten Streaming-Daten der AGF zeigen, wie weit Joyn aktuell noch hinterherhinkt: Das Nutzungsvolumen der Plattform liegt nicht nur hinter dem von RTL+, sondern auch von ARD, ZDF und Prime Video. 

Nationaler Champion oder pan-europäische Power?

Grundsätzlich konzentriert sich RTL stark auf den deutschen Markt und arbeitet daran, einen "nationalen Champion" zu formen, während ProSiebenSat.1 mehr und mehr auf die pan-europäische MFE-Power setzt - es ist die Strategie, von der sich die RTL Group zuletzt verabschiedet hatte. Mittel- und langfristig wird es interessant zu beobachten sein, welche Strategie mehr Erfolg verspricht. Das die zwei großen TV-Sendergruppen mittlerweile aber völlig unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, ist eine interessante Entwicklung. 

Gleichzeitig sieht das MFE-Management mittlerweile, wie schwierig die Situation bei ProSiebenSat.1 ist. Jahrelang konnten die Italiener das Management auf Veränderungen drängen und auf Probleme verweisen, die in den Bilanzen nur allzu deutlich wurden. Jetzt ist MFE am Ruder und Marco Giordani hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie schon zuvor Bert Habets und die anderen Vorstandsvorsitzenden der letzten Jahre: Die TV-Werbeeinnahmen gehen strukturell zurück und lassen sich durch das Streaminggeschäft nicht im gleichen Maße auffangen. Zuletzt gelang ProSiebenSat.1 trotz eines Umsatzrückgangs immerhin der Sprung zurück in die Gewinnzone. 

Bob Rajan © P7S1/Marina Geckeler Bob Rajan
Für die Finanzen ist in Unterföhring übrigens seit dem Umbau des Vorstands im Oktober 2025 Bob Rajan zuständig. Er ist es auch, der die Verkäufe der Beteiligungen vorangetrieben hat. Der Manager kam damals auf Interimsbasis nach Unterföhring, was die Frage aufwirft, wie lange er eigentlich noch da sein wird. Irgendwann endet eine interimistische Besetzung naturgemäß und es wäre keine Überraschung, sollte es im Herbst auf dem CFO-Posten eine Veränderung geben. Und so bleibt Veränderung die Konstante, die ProSiebenSat.1 seit einem Jahr unter dem MFE-Dach begleitet - nur vielleicht nicht in dem Ausmaß, in dem das viele zuvor befürchtet hatten. 

Kreative und Produzenten aufgepasst: Chief Content Officer Henrik Pabst kommt in den DWDL Producers Club, erläutert seine Programmstrategie und steht Rede und Antwort. Am 15. September in München, am 28. September in Köln. Alle Infos und Tickets gibt's unter dwdl.de/producersclub