Das Jahr 2026 hat so heftig begonnen, wie man es sich als Nachrichtenjunkie nur wünschen kann: Als die USA am 3. Januar Venezuela militärisch angriffen, Präsident Nicolás Maduro gefangen nahmen und außer Landes brachten, sabotierten gleichzeitig Linksextremist:innen der sogenannten "Vulkangruppe" das Berliner Stromnetz, woraufhin 100.000 Menschen tagelang ohne Strom und Heizung im Dunkeln saßen. In beiden Fällen war Deutschlands Nachrichtensender Nummer 1 live dabei: rund um die Uhr mit neusten Entwicklungen, simultan aus Caracas und Zehlendorf.
Fünf Tage später: Sturmtief Elli fegt über Norddeutschland, der schlimmste Schneesturm seit 2010. Schulen sind dicht, die Bahn hat den Verkehr eingestellt, VW stoppt die Produktion. Und wieder: alles live – auch dann noch, als sich die private Konkurrenz schon in den gemütlichen Dokuabend verabschiedet hat.
Ein öffentlich-rechtliches CNN
Später im Monat dann: die Rede des Kanzlers beim Weltwirtschaftsforum in Davos in voller Länge, im Februar die Rede von US-Außenminister Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die tagelang die Schlagzeilen bestimmt. Als am 28. Februar Israel und die USA den Iran angreifen, übernimmt der Sender sofort, berichtet umfassend, ordnet ein. Und die ARD ist am Ziel: Millionen Menschen in Deutschland erleben in diesen Tagen das Geschehen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und der Welt gleichzeitig – weil sie auf Tagesschau24 vertrauen. Den Sender, den die ARD in nur vier Jahren zu einem deutschen CNN aufgebaut hat. Nur ausgewogener und ohne Trump-nahen Medienmogul als neuem Eigentümer.
So hätte es zumindest laufen können. Wenn der Plan aufgegangen wäre, den die Intendant:innen der ARD vor fast genau vier Jahren beschlossen und umgehend der Öffentlichkeit vorgestellt hatten.
Es ist dann aber doch ganz anders gekommen.
Gestern Priorität, heute Abschussliste
Vor anderthalb Wochen kommunizierten ARD und ZDF, welche ihrer zahlreichen Digitalsender sie künftig gemeinsam betreiben wollen, um ihr Angebot – wie von der Politik vorgeschrieben – zu fokussieren. Tagesschau24 ist nicht dabei. Im Gegenteil: Der Sender findet in der Mitteilung nur noch einmal Erwähnung: in der knappen Auflistung der Kanäle, die zum Jahresende eingestellt werden. Im DWDL-Interview nannte der amtierende ARD-Vorsitzende, HR-Intendant Florian Hager, das erträumte CNN aus Lokstedt nur noch kurz: "Die bisherigen Strukturen von tagesschau24 versorgen weiter das lineare und non-lineare Angebot der ARD mit Nachrichten und vertiefenden Einordnungen in Breaking-News-Fällen." So weit, so schnarch.
Dabei lohnt es sich, daran zu erinnern, was die ARD noch vor wenigen Jahren Großes vorhatte. Als nämlich die damalige ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger vor die Presse trat und (u.a.) im "Handelsblatt"-Interview verkündete: "Es wird höchste Zeit, dass das wirtschaftlich stärkste Land Europas den Nachrichtenkanal bekommt, den es verdient" (DWDL.de berichtete).
Der "FAZ" sagte sie, die Idee liege "gerade in diesen Zeiten besonders nahe. Wir starten einen Nachrichtensender". Und dem "Tagesspiegel": "Ich bin ein News-Junkie, begreife meine Position als Vorsitzende der ARD auch als journalistischen Vorsitz und wünsche mir schon lange einen guten, öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Kanal."
Besser als Banderolen durch Tierfilme
Es war wie ein Fiebertraum, der zu gut schien, um nicht wahr werden zu können. Denn Schlesinger versprach auch: "Dafür benötigen wir keinerlei zusätzlichen finanziellen Mittel, wir priorisieren und schichten um." Und: "Was wir vorhaben, ist betriebswirtschaftlich sinnvoll."
Vor allem aber war sich die damalige RBB-Intendantin sicher: "Der Nachrichtenkanal, den wir mit tagesschau24 schaffen, tut unserem Land unheimlich gut." Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk als "Teil des Rückgrats der Demokratie" sei "ein großes Vertrauensmedium": "Zu informieren ist unsere vornehmste Aufgabe." Die Veranstaltung eines eigenen Nachrichtensenders erschien damit geradezu als bislang sträflich vernachlässigte Pflicht.
Zumal es zuvor ja auch aus Politik und Gesellschaft Forderungen gegeben hatte, die ARD müsse bei unvorhergesehenen Ereignissen schneller im Programm reagieren, anstatt bloß Banderolen durch Tierfilme, Krimis und Vorabendserien laufen zu lassen.
Für alle Ereignislagen gewappnet
Ein gestärktes Tagesschau24 schien die perfekte Antwort darauf zu sein, um sich nie wieder vorwerfen lassen zu müssen, zu spät dran zu sein – so wie beim Sturm aufs Capitol, dem Brand in Notre Dame oder der Flutkatastrophe im Ahrtal.
Der Plan dafür: Eine 24-Stunden-Berichterstattung aus der Welt, dank des regionalen Korrespondent:innennetzes der ARD aber auch aus allen deutschen Regionen. Tagesschau24 sollte "aktuelle Lagen unterhalb der Aufgreifschwelle des Ersten abbilden"; und bei akuten Krisen oder Ereignissen hätte man im Hauptprogramm unmittelbar auf die bereits laufende Berichterstattung umschalten können. Kühn, aber genial.
Selbst der damalige NDR-Intendant Joachim Knuth, in dessen Verantwortungsbereich der Plan mit ARD aktuell angesiedelt war, ließ sich von Schlesingers Begeisterung anstecken: "Wenn nicht jetzt, wann dann, und wenn nicht wir, wer sonst?"
Massagesessel statt Demokratie-Wohltat
Auf den Aufbruch folgte vier Monate später allerdings – der Zusammenbruch. Ende Juni erschien der erste kritische Bericht mit Vorwürfen gegen Schlesinger, der ihr Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme und Verschwendung im Amt vorwarf. Die Entwicklungen des sich daraufhin entwickelnden Skandals bestimmten monatelang die Schlagzeilen. Und niemand wollte mit Schlesinger mehr über deren beabsichtigte Wohltaten für die Demokratie sprechen, sondern bloß noch über Massagesessel und Wandbegrünung.
Tagesschau24 entwickelte sich ohne seine Schirmherrin eher unterhalb des öffentlichen Radars weiter. Zu der erklärten 24/7-Nachrichtenoffensive kam es nie. Stattdessen testete man verlängerte Sendestrecken und Nachrichten-Zusatzausgaben vor den "Tagesthemen", auf die Zuschauer:innen im Ersten regelmäßig verwiesen wurden, um dort dann nochmal das zu sehen, was sie gerade schon in der "Tagesschau" erfahren hatten.
Als sich die ARD im vergangenen Jahr nicht dazu durchringen konnte, die reguläre 20-Uhr-"Tagesschau" auf 30 Minuten zu verlängern, sprang der Digitalableger ein und sendet seitdem ab 20.16 Uhr ein 15-minütiges "Top-Thema" (DWDL.de berichtete), das in der Regel völlig überflüssig ist.
Neun Monate Galgenfrist
Am vergangenen Montag, nach der Wahl in Baden-Württemberg, plapperte Tagesschau24 wie ein Papagei in der Mauser fast dieselbe Anmoderation nach, die Susanne Daubner vorher schon auf den Teleprompter bekommen hatte: "Cem Özdemir. So heißt aller Voraussicht nach der künftige Ministerpräsident von Baden-Württemberg. (…) Es war ein knapper Sieg seiner Grünen bei der Landtagswahl. Hier das vorläufige Ergebnis." Und um 20.16 Uhr gleich nochmal: "Cem Özdemir, so heißt aller Voraussicht nach der künftige Ministerpräsident. Es war allerdings ein knapper Sieg seiner Grünen."
Die Viertelstunde danach füllten Talking Heads, die entweder vor einer digitalen Lokaltapete oder ihrem Bücherregal saßen und Einordnungen lieferten, die die Redaktion im Laufe des Tages an- und abgefragt hatte. "Soviel 'Tagesschau'-Nachrichten für den Moment. Um 22:15 Uhr meldet sich Julia-Niharika Sen mit den 'Tagesthemen'. Hier geht es jetzt weiter mit der 'NDR Story: Bus und Bahn – Die Angst fährt mit'. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend."
Neun Monate geht das jetzt noch so weiter. Tagsüber Nachrichtenstrecken als Ergänzung zu den Nachrichten im Ersten; abends 15 Minuten "Top-Thema" mit Minimalaufwand; anschließend: Wiederholungen von Talks, Reportagen. Freitags: Comedy. (Im Ernst.)
Danke für die Vernunft
Und man kann der ehrlichen Meinung sein, dass es das geringere Übel ist, wenn die ARD jetzt noch ein Dreivierteljahr einen Zombie-Nachrichtenkanal weiterbetreibt, als wenn sie im Laufe der vergangenen Jahre über die eigenen Ambitionen gestürzt wäre. Und zu derselben Erkenntnis gelangt, die auch der RBB aus der Ära Schlesinger lernen musste: Nämlich dass die Kohle, die man umzuschichten plant, als allererstes überhaupt da sein muss.
Insofern kann man dem Senderverbund zugutehalten, dass er kein (weiteres) Abenteuer angefangen hat, bei dem sich mittendrin Verluste in Millionenhöhe hätten anhäufen können, wenn die Ambition mit der Realität kollidiert wäre. Im Grunde genommen muss man der ARD sogar dankbar sein: Für die Bereitschaft, den Fiebertraum des eigenen "Tagesschau"-Kanals in der Senderzusammenlegungs-Debatte mit dem ZDF nicht bis zum bitteren Ende durchgekämpft zu haben. Vorausgesetzt, sie hätte einen Plan für das, was danach kommt.
Wenn man sehr optimistisch wäre, könnte man diese Einsicht sogar als Zukunftsvision begreifen. Zumal Florian Hager in der ARD wie kein anderer die rasant wachsende Bedeutung non-linearer Angebote zu beurteilen weiß – und im besten Fall seine Schlüsse daraus gezogen hat.
Krautsalat in Dunkelblau
Womöglich ist in der ARD gar nicht die Idee gestorben, die "Tagesschau" als Marke ausbauen und stärken zu wollen – bloß, ohne sich dafür einen linearen Sender ans Bein zu binden. Vor allem, wenn für größer werdende Teile des Publikums künftig ohnehin die ARD Mediathek erste Anlaufstelle sein wird. Und niemand verbietet der ARD ja, ihre vielleicht wichtigste Programmmarke innerhalb der Mediathek zu stärken und mit gelegentlichen Live-Strecken zu experimentieren.
Aber: Ob das der Fall ist und was das bedeuten könnte, hat die ARD bislang nicht verraten. Zu sehr ist man derzeit noch damit beschäftigt, sich von der Politik dafür tätscheln zu lassen, endlich das beschlossen zu haben, was längst überfällig war.
Und so kann man dem Senderverbund – und Hager als dessen Sprachrohr in der Öffentlichkeit – durchaus vorwerfen, keinen konkreten Plan zu kommunizieren, wie sich die Nachrichtenkompetenz der ARD künftig in die Mediathek übersetzen lässt. Bislang orientiert sich das nachrichtliche Angebot dort – stärker als jedes andere Genre – eng an dem, was das Lineare noch an Struktur vorgibt: Livestreams, aktuelle Ausgaben der "Tagesschau", zigfach verwertete "Schwerpunkte", Einzelbeiträge, Talkshow-Runden. Nach einem schlüssigen Zukunftskonzept sieht das eher nicht aus. Eher nach Krautsalat in Dunkelblau.
Wer Visionen hat, sollte zur ARD gehen
Dabei ist die wichtigste Frage doch: Wie werden sich Zuschauer:innen, für die zeitsouveränes Fernsehen längst zur Gewohnheit geworden ist, bei ihrem Bedürfnis nach nachrichtlicher Einordnung des Tagesgeschehens noch mit Formaten abspeisen lassen, die vorrangig dafür gemacht sind, in ein lineares Sendeschema zu passen?
Ich weiß die Antwort darauf nicht. Aber es wäre wünschenswert, wenn man in Hamburg-Lokstedt und anderswo mit Priorität danach suchen würde und seine Beitragszahler:innen daran teilhaben ließe.
So sehr man Patricia Schlesinger auch die Hybris vorwerfen kann, mit einem noch besseren, öffentlich-rechtlichen CNN geliebäugelt zu haben, und das quasi von Zauberhand eigenfinanziert zu kriegen – sie hatte etwas, das vielen in der ARD seit jeher abgeht: eine Vision. Davon ist in der aktuellen Debatte um die öffentlich-rechtlichen Sender, in der sich alles ums Wegstreichen und wenig ums Neugestalten dreht, kaum etwas zu spüren. In der ARD wird man achtgeben müssen, dass einem das nicht als nächstes zum Verhängnis wird.
Und damit: zurück nach Köln.
von